Matthias Braun

Geschlossene Kitas Kinder sind nicht nur unsere Zukunft - sie haben ein Recht auf Gegenwart

Matthias Braun
Ein Gastbeitrag von Matthias Braun und Peter Dabrock
Ein Gastbeitrag von Matthias Braun und Peter Dabrock
Die strengen Corona-Regeln werden vorsichtig gelockert. Das ist richtig. Dass dabei aber ausgerechnet Familien durchs Raster fallen, ist nicht hinnehmbar.
Geschlossene Kindertagesstätte in der Region Hannover

Geschlossene Kindertagesstätte in der Region Hannover

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

"Wir werden in kleinen Schritten daran arbeiten, das öffentliche Leben wieder zu beginnen, den Bürgerinnen und Bürgern wieder mehr Freizügigkeit zu ermöglichen und die gestörten Wertschöpfungsketten wiederherzustellen."

So lautet die frohe Botschaft der Woche. Seit Mittwoch schätzen die politischen Entscheidungsträger die Lage also so ein, dass die massiven Freiheitsbeschränkungen gelockert werden können. Das klingt nach Großzügigkeit, Milde oder hoher Kompromissbereitschaft. Doch wo die Einschränkung von Freiheiten und Grundrechten nicht mehr verhältnismäßig ist, wird ihre Rückgabe schlicht rechtlich wie moralisch eine Pflicht.

Dabei ist vollkommen klar, dass es ein tastendes Abwägen bleiben wird, wir also weiter eine Balance zwischen Lebens- und Freiheitsschutz finden werden müssen.

Doch bei aller grundsätzlichen Zustimmung zu den ersten Schritten einer Rücknahme von massiven Grundrechtseingriffen zeigt sich in den vorgestellten "Öffnungsperspektiven" (Ethikrat) eine irritierende und eine besorgniserregende Botschaft.

Irritierend ist: Die Wirtschaft kommt auf eine Stufe mit den Grundrechten zu stehen.

Anlass zur Besorgnis ist: Für manche Grundrechtsträger und wesentliche Sozialformen unseres gesellschaftlichen Miteinanders bietet der Beschluss nahezu keinerlei Hoffnungsschimmer, grundrechtlich zustehende Lebensdimensionen angemessen zurückerobern zu können. Dabei geht es ausgerechnet um Kinder und Familien.

Dass es ausgerechnet Kinder trifft, ist schon deshalb so schwer nachvollziehen, weil sie einerseits, wie auch die meisten Eltern, durch Covid-19 sehr gering gefährdet zu sein scheinen und andererseits aber in besonders intensiver Weise auf Fürsorge und Begegnung bei der gerade anhebenden Entwicklung ihrer Persönlichkeit angewiesen sind.

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Kinder sind nicht einfach Objekte von Schutz, Fürsorge und Betreuung, sondern eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen - und Rechten wie Erwachsene auch.

Da erstaunt es schon, dass in der gegenwärtigen Krise viele Entscheidungsträger die wissenschaftlich breit etablierte Erkenntnis abblenden, dass soziale Kontakte und Freundschaften zu anderen Kindern und frühkindliche Bildung entscheidend dazu beitragen, ein zufriedenes Leben führen zu können.

Ein schwerer Schlag gegen das Kindeswohl und verfassungsrechtlich höchst bedenklich

Es wäre ein Trugschluss, ernsthaft zu glauben, dass soziale Isolation allein bei älteren Menschen ein ernst zu nehmendes Problem sei. Kinder sind nicht nur unsere Zukunft, sie haben ein Recht auf Gegenwart.

Jetzt als Notnagel die Kindertagesstätten für Notbetreuung zu öffnen, aber gleichzeitig Spielplätze und Parks geschlossen zu halten und den Kleinsten möglicherweise fast ein halbes Jahr das Treffen mit Freunden zu untersagen, ist ein schwerer Schlag gegen das Kindeswohl und verfassungsrechtlich höchst bedenklich.

Aber es sind nicht allein Kinder, die durch das Raster zu fallen drohen, sondern zugleich die Lebensform der Familie mit vielen Facetten und Spielformen. Darauf zu drängen, dass Menschen zu Hause bleiben, ist nur dann eine gute Idee, wenn dieses Zuhause auch wirklich der angedacht sichere Ort ist. Sonst kann #stayathome zur fürchterlichen Falle werden.

In den meisten Fällen aber waren Familien in den letzten Wochen Heimat und Halt. Hier wurde und wird für Kinder und Eltern unglaublich kreativ Familiensinn und Solidarität praktisch gelebt - frei nach dem Motto: Huch, wir sind endlich mal alle zusammen.

Aber keine falsche Romantik: Auch in den besten Familien kann es brodeln. Und fast alle sind auf Unterstützung und Netzwerke angewiesen.

Es wäre unverhältnismäßig und fahrlässig, wenn wir bei der Öffnung des Shutdowns nicht in Netzwerken von der Wirtschaft bis zu Familien denken würden. Konkret: Es ist überhaupt nichts falsch daran, größere Teile des Einzelhandels wieder zu öffnen, wenn Abstand-, Schutz- und Hygienestandards (die strikt einzuhalten, zu überprüfen und bei Nicht-Einhaltung zu sanktionieren sind) gewährleistet werden können.

Aber egal, ob im Einzelhandel oder in anderen Wirtschaftszweigen, es sind Menschen in und aus Familien, die dort arbeiten und wesentlich für den Erfolg oder Misserfolg der Unternehmen verantwortlich sind. Es sind also Väter und Mütter, die - mitunter und zunehmend verzweifelt - versuchen beides zu leisten: gute Arbeit und Verantwortung für ihre Familien zu tragen.

Wir haben als Gesellschaft viele Jahre gebraucht (und lernen nicht aus) zu verstehen, dass es hier kein Gegeneinander geben darf, sondern gutes und erfolgreiches Wirtschaften eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf voraussetzt - und das mit möglichst fairer Aufgabenverteilung. Was aber passiert gerade in der Krise? Bei der Frage, wer zwecks "Bespielung" und "Beschulung" aber auch Fürsorge für ältere Familienmitglieder zu Hause bleibt, fallen immer mehr Paare in Gender- und Rollenstereotype zurück, die an die Fünfzigerjahre erinnern.

Das ist selten eine bewusste Entscheidung, sondern geschieht meist aus großer Not und Alternativlosigkeit heraus. Den Preis für diese Entwicklungen zahlen alle, Männer und Frauen - eingeklemmt in der Rushhour des Lebens unter riesigem Erwartungsdruck von außen und innen. Genau für diese unverzichtbare Leistungsträgergruppe der Gesellschaft und ihre Familien halten die Lockerungsankündigungen der Politik kaum mehr als Durchhalteparolen bereit.

Auswege? Könnte es geben. In der Klammer, dass sich die Infektionskurve so entwickelt, dass uns Spielräume bleiben, sollten wir bei den Lockerungsübungen konsequent von den systemrelevanten Einheiten Nr. 1 her denken: den Familien. Wir sollten Alles-oder-Nichts-Parolen bei der Beurteilung von Maßnahmen vermeiden und nicht jedes sich unvermeidlich einstellende Problem gleich als Knock-out-Kriterium gegen differenzierte Lösungen verwenden.

Wahr ist doch: Solange wir keinen Impfstoff gegen Covid-19 haben, können Tests und Apps die Ausbreitungsgeschwindigkeit mindern, aber es wird keine Sicherheit geben. Egal ob man also in drei Wochen oder erst in drei Monaten anfangen würde, die Kitas und Schulen wieder zu öffnen, wird man Lösungen für ältere Erzieherinnen und Erzieher oder Familien, in denen Eltern und Kinder zu Risikogruppen gehören, finden müssen.

Zu sagen, dass dies schwierig sei und deshalb alle zu Hause bleiben sollten, verdreht die Beweislast: Die Rückgabe von zeitweilig eingeschränkten Grundrechten stellt eine Pflicht dar, sobald sich bei der Abwägung mit anderen Grundrechten mildere Mittel finden. Diese müssen gesucht werden. Schwierige, aber nicht unlösbare Einzelfälle rechtfertigen nicht, dieser Pflicht nicht konsequent nachzugehen.

Was es deshalb braucht, sind drei Dinge:

  • Erstens konsistente Regeln. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass eine Modeboutique öffnen, aber eine Familie sich nicht mit einer Decke in einen Park oder auf einen Spielplatz setzen darf, wenn Mindestabstände zu anderen gewahrt sind.

  • Zweitens müssen wir innovativ und kreativ nach Alternativen für die Risikogruppen suchen. Es mag ungewohnt sein, aber es wäre durchaus möglich, spezielle Ausgeh-, Betreuungszeiten oder Einkaufszeiten für Risikogruppen festzulegen.

  • Und drittens kann man auch die elementarsten Bedürfnisse von Kindern und jungen Familien berücksichtigen, ohne sie gleich zu "Superspreadern" machen zu müssen: ein Kita-Besuch in Schichten oder Freizeitgestaltung mit festen Gruppen, die den Kleinsten wieder Kontakte zu Freunden ermöglichen.

Kindern pauschal und ohne konkrete Perspektive ein halbes Jahr ihre Grundbedürfnisse zu verweigern, bedeutet für sie, für Familien und für die Gesellschaft, nicht auf Sicht, sondern gegen die Wand zu fahren.