Coronakrise und häusliche Gewalt Wenn das eigene Zuhause nicht sicher ist

Weil derzeit viele Familien auf engstem Raum zusammensitzen, fürchten Experten eine Zunahme häuslicher Gewalt. Familienministerin Giffey will nun gegensteuern - doch einigen Ländern reicht das nicht.
Jede dritte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfahren - in der Coronakrise könnten die Übergriffe nun zunehmen

Jede dritte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfahren - in der Coronakrise könnten die Übergriffe nun zunehmen

Foto: Yaowarat Boonyarattaphan/ EyeEm/ Getty Images

In den vergangenen Monaten ist China der Welt auf tragische Weise voraus. In der chinesischen Stadt Wuhan brach Ende vergangenen Jahres das Coronavirus aus, hier starben die ersten Menschen an der neuartigen Lungenkrankheit. Doch auch der Kampf gegen deren Ausbreitung hatte Folgen: Seitdem immer mehr Menschen ihre Wohnung nicht mehr verlassen können, kommt es in China vermehrt zu Angriffen auf Frauen. Eine Frauenrechtsorganisation registrierte eine Verdreifachung der Hilferufe wegen häuslicher Gewalt.

Ein Szenario, das auch in Deutschland droht? Experten befürchten hierzulande ebenfalls einen deutlichen Anstieg gewalttätiger Übergriffe, wenn Frauen durch Ausgangsbeschränkungen oder Quarantäne ihre Wohnungen kaum noch verlassen können und Hilfsangebote sie immer schlechter erreichen. Die Anrufe beim Hilfetelefon, das Frauen gegen Gewalt berät, sind bereits um mehr als 20 Prozent gestiegen. Wenn es um häusliche Gewalt geht, haben die Coronakrise und Weihnachten etwas gemeinsam: Sobald Familien auf engstem Raum tagelang zusammensitzen, kommt es häufiger zu Streit - und auch zu Gewaltausbrüchen.

Die Corona-Pandemie könnte diesen Effekt verschärfen, fürchten Frauenhäuser und Hilfsorganisationen. Finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit sind zusätzliche Stressfaktoren. Und: "Der Täter kann jetzt einfacher sicherstellen, dass die Betroffene keinen Zugang zum Hilfesystem bekommt. Sie sieht Freunde und Familie nicht. Sie kann nicht einmal heimlich telefonieren", sagt Vanessa Bell, Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt bei der Frauenorganisation Terre des Femmes.

Wie Sie Frauen bei häuslicher Gewalt unterstützen können

Durch Ausgangssperren und Quarantäne sind viele Frauen während der Corona-Pandemie vom Hilfesystem abgeschnitten. Experten empfehlen Nachbarn deshalb, wachsam zu sein.

So können Nachbarn etwa einen Ausdruck des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen" im Hausflur aufhängen oder sich selbst bei einem Frauennotruf melden, wenn sie Gewalt in einer Nachbarwohnung befürchten.

Das Hilfetelefon erreichen Sie unter: 08000 116 016. Onlineberatung unter www.hilfetelefon.de . Dort gibt es auch Materialien in mehreren Sprachen.

Beratungsstellen Gewalt gegen Frauen und Mädchen: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/ 

Frauen, sagt auch Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle autonomer Frauenhäuser, seien in gewaltbelasteten Haushalten vor ihren Männern nicht mehr sicher. Die hundert autonomen Frauenhäuser ihres Dachverbands bekommen seit Beginn der Coronakrise deutlich mehr Anrufe. "Viele wollen wissen, ob sie eine Infektion riskieren, wenn sie jetzt in eine Gemeinschaftsunterkunft gehen, - und ob sie dann besser zu Hause bleiben."

Beim Hilfetelefon "Nummer gegen Kummer" gebe es bereits einen Anstieg der Anrufe um mehr als 20 Prozent, erklärte Familien- und Frauenministerin Franziska Giffey (SPD) gegenüber "Zeit Online". "Aus den Ländern bekommen wir unterschiedliche Rückmeldungen. Es gibt offensichtlich ein Stadt-Land-Gefälle", sagte die SPD-Politikerin zudem der Deutschen Presse-Agentur. Aus ländlichen Regionen, wo es mehr Möglichkeiten gebe rauszugehen und wo Menschen nicht so sehr auf engem Raum lebten, sei das Konfliktpotenzial nicht so hoch. 

Fast 15.000 Plätze fehlen in Frauenhäusern

In der Coronakrise zeigt sich ein grundsätzliches Problem: Viele Frauenhäuser sind in Deutschland seit Jahren unterfinanziert und überlastet, weil Länder und Kommunen sie nicht in gleichem Maße unterstützen. Etwa 7000 Plätze stehen für Frauen in Not in den mehr als 350 Einrichtungen zur Verfügung. Experten sagen: Das sind fast 15.000 Plätze zu wenig. Immer wieder müssen Frauen abgewiesen werden. Und das, obwohl die Bundesregierung in der 2017 ratifizierten Istanbul-Konvention zugesichert hat, den Zugang zu Frauenhäusern zu verbessern.

"Wenn sich die Zahlen der gewalttätigen Übergriffe wie in China verdreifachen, dann sind wir darauf nicht vorbereitet", sagt Vanessa Bell von Terre des Femmes. Auch nicht auf den Umgang mit dem Virus: In den Frauenhäusern in Brandenburg, berichtet eine Mitarbeiterin, fehlten bereits jetzt Toilettenpapier und Desinfektionsmittel. "Sobald wir den ersten Corona-Fall haben, haben wir ein riesiges Problem", prophezeit sie, "denn Quarantäne ist in den Unterkünften, wo Frauen auf engstem Raum leben, teilweise nicht möglich."

Giffey hat deshalb in der vergangenen Woche mit ihren Amtskollegen aus 15 Bundesländern telefoniert, nur Nordrhein-Westfalen war nicht dabei. Giffey wollte von den Ländern wissen, wie die Situation in ihren Frauenhäusern ist, wie sie gegen Engpässe vorgehen.

Am Ende stand ein Zehnpunkteplan, in dem Giffey unter anderem die Aufrechterhaltung der Hilfetelefone garantiert und die Antragsfristen des Bundesinvestitionsprogramms für den Ausbau von Frauenhäusern erweitert. Außerdem sollen Mittel des Sozialschutz-Hilfspakets der Bundesregierung für die Absicherung von Frauenhäusern und Beratungsstellen eingesetzt werden.

Kritik aus den Ländern

Sachsens Staatsministerin für Gleichstellung, Katja Meier (Grüne), war bei der Runde mit Giffey dabei. Über deren Darstellung der Ergebnisse ist Meier teilweise überrascht, weil die Bundesministerin den Eindruck erwecke, die Dinge in die Hand zu nehmen und durchzugreifen - obwohl die Umsetzung und auch die Bezahlung der Maßnahmen Sache der Länder ist.

So sei etwa die Aufrechterhaltung des Hilfetelefons selbstverständlich - wichtiger wäre es, diese Strukturen noch auszubauen und mit mehr Mitarbeiterinnen dafür zu sorgen, dass Frauen dort nicht in langen Warteschleifen hingen, findet Meier.

Die Frage der Länder, ob sie Gelder des Bundesinvestitionsprogramms für den Ausbau von Plätzen in Frauenhäusern nutzen könnten, habe Giffey zudem klar verneint. Das Geld kann in den Ländern nur für Investitionen wie Baumaßnahmen, Sanierungen und Ankäufe von Wohnungen verwendet werden, die direkte Arbeit mit den Betroffenen kann damit nicht finanziert werden. Baumaßnahmen brauchten allerdings Zeit. Das Sozialpaket enthalte ebenfalls keine frei verfügbaren Mittel für aktuell notwendige Maßnahmen.

"Solange es keinen Rechtsanspruch der Frauen auf einen Platz in einer Schutzeinrichtung gibt, ist es dem Bund nicht möglich, die Arbeit der Frauenhäuser flächendeckend zu finanzieren", kritisiert Meier. Ein Gesetzentwurf der Grünen-Bundestagsfraktion dazu liegt vor, doch die Bundesregierung lehnt diesen ab.

Auch andere Länder fühlen sich vom Bund im Stich gelassen. Aus Rheinland-Pfalz heißt es etwa, Giffey sei sehr engagiert, "jedoch bleibt die tatsächliche Arbeit - etwa die Schaffung von Notunterkünften - an den Ländern und Kommunen hängen".

Kommt der statistische Zuwachs erst nach der Pandemie?

Die Ausgangsbeschränkungen haben in den Ländern bisher sehr unterschiedliche Folgen. So meldete Berlin einen Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Andere Länder registrieren eine leicht zunehmende Nachfrage in der Telefonberatung. Wieder andere sehen noch keinen Anstieg häuslicher Gewalt - oder sogar einen Rückgang.

Experten befürchten aber, dass die Zunahme erst deutlich später kommen könnte, wenn Frauen überhaupt wieder Zugang zu Hilfe finden, möglicherweise erst, nachdem die Pandemie vorbei ist.

Auch die Kapazitäten sind unterschiedlich. Sachsen hat nach Angaben der Ministerin noch ausreichend freie Plätze für Frauen in Not zur Verfügung. In Hessen haben 8 der 34 Frauenhäuser einen Aufnahmestopp verfügt, in Brandenburg kann ein Viertel der Frauenhäuser niemanden mehr bei sich unterbringen.

In der Krise wollen viele Länder nun notfalls zusätzliche Zimmer in Hotels anmieten. Auch soll die Polizei konsequent prüfen, ob der Täter des Hauses verwiesen werden kann, damit nicht das Opfer gehen muss. Zudem fordern sie für die Frauenhäuser Zugang zu Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln, die Tätigkeit der Beraterinnen in Frauenhäusern soll als systemrelevant anerkannt werden, damit etwa die Kinderbetreuung gewährleistet ist und die Arbeit in den Frauenhäusern weitergehen kann.

Nicht nur die Landesminister finden das Programm der Bundesfamilienministerin ausbaufähig. Auch die Oppositionsfraktionen im Bundestag kritisieren Versäumnisse in der Vergangenheit, die die Versorgung in den Frauenhäusern nun erschwere.

Angesichts der chronischen Unterfinanzierung fordert die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulle Schauws, einen Notfallfonds zum Gewaltschutz, der die Arbeit der Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser in der Krise unterstützt. Das Sozialpaket sichere die zusätzlichen Kosten der Frauenhilfeeinrichtungen in dieser Zeit nicht ab.

Schauws wünscht sich zudem eine Kampagne des Bunds, die Frauen überall in Deutschland erreicht, auch direkt vor Ort mit Plakaten oder Hinweisen beim Einkaufen. Die seien unter Umständen leichter zugänglich als Informationen im Internet: "Frauen müssen wissen, dass sie sich Hilfe holen können."

Auch die FDP-Politikerin Nicole Bauer sagt: "Die Bundesregierung hat es versäumt, die Istanbul-Konvention rasch umzusetzen. Das fällt uns jetzt auf die Füße." Die geplanten Hilfen seien wichtig, lösten aber nicht das Problem. Es fehlten ausgebildete Fachkräfte, um eine höhere Anzahl von Frauen zu betreuen.

Die langfristigen Probleme bleiben also. Dass ihnen kurzfristig geholfen werden soll, begrüßen die Frauenhäuser. Doch manche Notfallmaßnahme bringt auch neue Probleme: So gefährde die Unterbringung in Hotels die Anonymität und die Betreuung der Frauen, heißt es. Andersherum wüssten Polizisten gerade in Fällen der Quarantäne nicht, was sie mit dem Täter anfangen sollten, wenn sie ihn des Hauses verweisen.

Manche Täter hielten sich schlicht nicht daran. Sie kehren zurück.