Pflegende Angehörige Zu Hause mit Mama

Für pflegende Angehörige bricht in der Coronakrise die Unterstützung weg. Eine Betroffene erzählt, was das bedeutet - und welche Hilfe sie sich wünscht. Doch schnell hat sie kaum etwas zu erwarten.
"Die Familie", schrieb zuletzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie, "ist der größte 'Pflegedienst' in Deutschland". (Symbolbild)

"Die Familie", schrieb zuletzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie, "ist der größte 'Pflegedienst' in Deutschland". (Symbolbild)

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Terry Vine/ Digital Vision/ Getty Images

Mit einem kurzen Satz geriet Sandra Dreischhoffs Leben aus den Fugen. An einem Montag im März saß die Versicherungskauffrau in ihrem Büro in Nordrhein-Westfalen. Das Telefon klingelte. Die Leiterin einer Tagespflege war am Apparat: "Du musst die Mama abholen."

Die Bundesländer hatten kurzfristig beschlossen, Tagespflegeeinrichtungen wegen der Corona-Pandemie zu schließen. Für viele der Millionen Angehörigen, die in Deutschland ihre Verwandten pflegen, änderte sich dadurch alles: Plötzlich mussten sie die Pflege selbst organisieren, ohne die Hilfe der ausländischen Pflegekraft, der Tages- oder ambulanten Pflege.

"Mama", das ist Renate Walczak, 75 und dement. Fünf Tage in der Woche verbrachte sie in einer Tagespflegeeinrichtung. Dreischhoff, 51, verheiratet, hatte ihren vorigen Job aufgegeben, um sich besser um ihre Mutter kümmern zu können. Erst seit Januar ist die 51-Jährige wieder berufstätig. Noch ist sie in der Probezeit. An dem Montag im März hatte sie Angst, erzählt sie. Wie sollte sie arbeiten und gleichzeitig ihre Mutter pflegen? Würde sie ihren Job verlieren?

Renate Walczak und ihre Tochter Sandra Dreischhoff

Renate Walczak und ihre Tochter Sandra Dreischhoff

Foto: Sandra Dreischhoff

Dreischhoff rief ihren Chef an. Der habe verständnisvoll reagiert, sagt sie. Es wurde vereinbart, sie solle erst einmal von zu Hause aus arbeiten. Und wenn etwas wegen der pflegebedürftigen Mutter nicht klappe, sei das auch nicht schlimm.

Dreischhoff holte ihre Mutter ab. In den folgenden Wochen blieb sie bei ihr, stand mit ihr auf, wusch sie, hob sie auf die Toilette. Manchmal gingen sie in der Wohnung spazieren, schauten aus dem Fenster, hörten Schlager. Manchmal saßen sie einfach nur nebeneinander am Esstisch.

Zwischendurch versuchte Dreischhoff, Kundentelefonate zu führen. Sie sagt, ihre Mutter habe immer wieder dazwischengeredet. Sei wütend geworden. Habe um sich geschlagen.

Während Dreischhoff am Telefon erzählt, ist ihre Mutter immer wieder im Hintergrund zu hören: "ja", "schön", "nach Hause". Renate Walczak weiß nicht, was das Coronavirus ist. Sie weiß nichts von der aktuellen Krise. Aber wenn sie Schlager aus den Siebzigerjahren hört, singt sie mit.

Dreischhoff hat sich in den vergangenen Wochen daran gewöhnen müssen, ihre Mutter rund um die Uhr zu betreuen. Sobald die Tochter das Zimmer verlässt, hat die Mutter Angst. Vor Kurzem, Dreischhoff war kurz auf der Toilette, stürzte ihre Mutter. "Ein Leben ist erst möglich", sagt Dreischhoff, "wenn Mama abends ins Bett geht."

Um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, verließ Dreischhoff nicht mehr das Haus. Ihr Mann erledigte die Einkäufe. Vom Staat gab es aber keine Hilfe: Kein Desinfektionsmittel, keine Coronatests. Die 51-Jährige ist wütend, dass Menschen wie sie während der Pandemie einfach vergessen werden. "Die Kindergartenkinder haben eine Lobby", sagt sie. "Die Schulkinder haben eine Lobby. Pflegende Angehörige haben keine."

Christian Pälmke macht in Berlin Lobbyarbeit für die Gruppe, die keine Lobby hat. Für den Verein "wir pflegen e.V. " spricht er mit Abgeordneten oder informiert im Gesundheitsausschuss. Zuletzt hat er eine Liste mit Geschichten pflegender Angehöriger an die Fraktionen geschickt, an das Gesundheits- und das Familienministerium.

Seit Beginn der Coronakrise erreichen ihn immer mehr Hilferufe. "Viele stehen jetzt völlig allein da", sagt Pälmke am Telefon. "Sie haben ihren Jahresurlaub bereits aufgebraucht und stehen vor der Frage, wie es jetzt weitergeht."

Die Familie, der größte Pflegedienst in Deutschland

3,7 Millionen Menschen beziehen in Deutschland Leistungen der Pflegeversicherung. 1,9 Millionen werden zu Hause gepflegt, häufig von Angehörigen. Im Jahr 2018 wurde diese sogenannte informelle Pflege von knapp 4,3 Millionen Personen geleistet, zwei Drittel davon waren Frauen. Mit ihrem Einsatz entlasten die Angehörigen in Deutschland maßgeblich die Krankenkassen. Ihre tägliche Arbeit entspricht laut einem Gutachten des Sozialverbands Deutschland einer jährlichen Wertschöpfung von 44 Milliarden Euro.

Den pflegenden Angehörigen stehen insgesamt 1,73 Millionen Beschäftigte in der Kranken- und Altenpflege gegenüber, wie die Linke kürzlich bei der Bundesagentur für Arbeit erfragte. "Die Familie", schrieb zuletzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie "ist also der größte 'Pflegedienst' in Deutschland."

"Diese Arbeit taucht in keiner Bilanz auf", sagt Christian Pälmke. Am System, in dem die Familie die Hauptverantwortung in der Pflege trägt, wolle niemand etwas ändern. "Weil wir uns im deutschen Pflegesystem auf die Familie verlassen. Das ist die stille Reserve." Und spare Kosten.

Während der Coronakrise spitzt sich die Situation noch einmal zu. Hatten es die Pflegekräfte schon schwer, mit ihren Forderungen nach besserem Lohn und Prämien in die Debatte zu kommen, so hat es häusliche Pflege noch einmal schwerer, findet Pälmke.

Opposition fordert Lohnersatz für Pflegende

Dabei ist ihre Arbeit nicht so verschieden von der, die berufstätige Eltern gerade im Homeoffice leisten: Beide betreuen letztlich ihre Verwandten. Doch während Eltern für einen Ausfall von sechs Wochen Lohnersatz bekommen, können pflegende Angehörige ein Darlehen vom Staat beantragen. Oder sie lassen sich für zehn Tage von der Arbeit freistellen und erhalten einen Lohnausgleich von der Pflegeversicherung.

Mehrere Oppositionsfraktionen im Bundestag wollten das ändern. Linke, Grüne und FDP haben Anträge in den Bundestag eingebracht, in denen sie eine Lohnersatzzahlung für pflegende Angehörige fordern. Sie sollen demnach eine Entschädigung von 67 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens für bis zu sechs Wochen erhalten können - angelehnt an die Lohnersatzzahlung, die Eltern für die Betreuung ihrer Kinder während der Pandemie erhalten können.

"Pflegende Angehörige waren bereits vor Corona stark belastet", sagt die pflegepolitische Sprecherin der Linken Bundestagsfraktion, Pia Zimmermann. In der Krise habe sich dieser Zustand nun deutlich verschärft.

Gesetzentwurf bringt nur wenig Hilfe für pflegende Angehörige

Doch der Gesundheitsausschuss hat sie abgelehnt. Stattdessen stehen im Entwurf zum zweiten Bevölkerungsschutzgesetz nur minimale Hilfen für pflegende Angehörige. So will die Bundesregierung den Entlastungsbetrag von 125 Euro zur freien Verfügung nur für den Pflegegrad 1 bereitstellen, nicht für die anderen Pflegegrade. Außerdem soll das Pflegeunterstützungsgeld auf zwanzig Tage ausgeweitet werden. Der Bundestag hat dem Gesetz nun zugestimmt.

Versorgungsengpässe würden mit der neuen Regelung nur verschoben, findet Christian Pälmke. Wie soll es nach zwanzig Tagen weitergehen? "Da kann die Bundesregierung sagen, man hat etwas gemacht für pflegende Angehörige. Aber das Problem ist nicht gelöst."

Für Sandra Dreischhoff stellte sich die Frage nach zwei Wochen Homeoffice nicht mehr: Weil sie ihre Mutter so oft hochheben musste, zog sie sich eine Rückenverletzung zu und wurde krankgeschrieben. Anders, sagt sie, hätte sie die Betreuung wohl kaum gewährleisten können.

"Die Pflege ist ein einziger Kampf", sagt Dreischhoff. Damit meint sie nicht, dass sie ihre Mutter wäscht und anzieht, ihr den Po abwischt oder den Dekubitus behandelt. Dreischhoff meint den Kampf um Unterstützung. Sie fragt sich, warum Angehörige nicht etwas von den knapp 2000 Euro bekommen, die für die Tagespflege in Pflegegrad 5 pro Monat zur Verfügung stehen und jetzt ungenutzt verfallen.

Nachdem sie mehrmals in der Warteschleife der Caritas hängengeblieben war, fand Dreischhoff eine Notfallgruppe. Seit einer Woche wird ihre Mutter dort betreut.

Nach fast zwei Monaten verließ Dreischhoff zum ersten Mal das Haus. Aus Angst, ihre Mutter möglicherweise mit dem Coronavirus anzustecken, war sie zu Hause geblieben. Jetzt geht Dreischhoff wieder zur Arbeit. Die Angst ist geblieben.

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