Prostitutionsverbot wegen Coronakrise Auf Kosten der Frauen

Wegen des Corona-Kontaktverbots ist Prostitution verboten. Damit Sexarbeitende nicht auf der Straße landen, hat der Bund Übernachtungen in Bordellen erlaubt. Für viele war das zu spät.
Reeperbahn in Hamburg: Viele Etablissements sind geschlossen

Reeperbahn in Hamburg: Viele Etablissements sind geschlossen

Foto: Juergen Tap/ picture alliance / HOCH ZWEI

Die 54 Zimmer des Pink Palace an der Hamburger Reeperbahn stehen leer. Wegen der Coronakrise dürfen die Prostituierten nicht arbeiten. Alle körpernahen, nicht medizinisch notwendigen Dienstleistungen sind untersagt.

Wo sollen die betroffenen Frauen hin? Das Prostitutiertenschutzgesetz verbietet seit 2017 Sexarbeitenden, an ihrem Arbeitsplatz zu schlafen. Durch das Kontaktverbot während der Corona-Pandemie wird deutlich, wie viele es dennoch tun. Als die Behörden neben Restaurants und Gaststätten auch Bordelle schlossen, verloren viele Betroffene ihre Bleibe.

Berufsverbände und die Frauenministerinnen der Länder verlangten eine Sonderregelung, die der Bund kurz darauf erteilte. Doch die Erlaubnis, im Bordell übernachten zu dürfen, kam für viele zu spät.

Als Bordellbesitzer Thorsten Eitner davon erfuhr, hatte er die Sexarbeiterinnen schon aus dem Pink Palace weggeschickt. Normalerweise vermietet er die Zimmer an die Prostituierten. "Die Frauen hätten gern bei mir wohnen können, gratis", sagt Eitner. Aber nun wisse er nicht, wo sie seien. Vielleicht in ihrer Heimat. Vielleicht bei Freunden. Vielleicht auf der Straße.

Die Ausnahmeregelung des Bundes kam nicht nur zu spät. Sie verpflichtet die Bordellbetreiber auch nicht, Zimmer gratis für die Sexarbeiterinnen zur Verfügung zu stellen. Oft zahlen sie im Bordell eine Zimmermiete von mehr als hundert Euro pro Nacht. Ohne Einkommen können sich das viele nicht leisten.

So verfestigt sich in der Branche eine Zweiklassengesellschaft, die auch das Prostitutiertenschutzgesetz nicht aufbrechen konnte. Es gibt einerseits selbstbestimmte Prostituierte, die ihr Gewerbe angemeldet haben. Sie können als Soloselbstständige Hilfe während der Coronakrise beantragen. Doch von den geschätzten 200.000 Sexarbeitenden in Deutschland umfasst diese Gruppe nur 32.800 Menschen - so viele hatten sich Ende 2019 angemeldet.

Besonders hart trifft die Coronakrise deshalb die andere, viel größere Gruppe: Frauen, die nicht angemeldet sind. Sie werden nun im Verborgenen weiterarbeiten. Um zu überleben.

Anna Waxweiler arbeitet in der Beratungsstelle "Sperrgebiet" der Diakonie Hamburg. Zurzeit berät sie Sexarbeiterinnen vor allem via Telefon und E-Mail. In der Beratungsstelle im Hamburger Stadtteil St. Georg werden Lebensmittel und Hygieneartikel ausgegeben. Zudem werden vor Ort Frauen beraten, die keinen Zugang zu Internet oder Telefon haben.

"Wie komme ich in mein Heimatland zurück?"

Seit die Corona-Pandemie Deutschland erreicht hat, melden sich bei Waxweiler mehr Frauen als vorher. Sie arbeiteten vor der Krise ohne Probleme und stehen jetzt vor einer existenziellen Krise. Sie wollen von Waxweiler wissen: "Wo kann ich schlafen, wo kriege ich Essen, wie komme ich in mein Heimatland zurück?"

Weil die Grenzen dicht sind, ist das nicht mehr so einfach. Wer nicht bereits in den ersten Wochen nach Hause gefahren ist, kann sich einen der wenigen teuren Heimflüge kaum leisten. Waxweiler verweist die Frauen deshalb an die Organisation "plata", die Rückflüge in die Heimat organisieren und auch bezahlen kann.

Die anderen hält Waxweiler an, zu Hause zu bleiben. "Wir raten Frauen natürlich davon ab, zu arbeiten. Weil sie ihre eigene Gesundheit und die der Kunden gefährden. Aber viele machen es trotzdem", sagt Waxweiler. Während einige Bordelle nun Zimmer mit Sexcams anbieten, um das Geschäft ins Internet zu verlagern, droht das Geschäft anderswo abzurutschen. Die Armutsprostitution verlagert sich jetzt noch weiter in unkontrollierbare Bereiche.

"Diese Frauen sind ihren Freiern jetzt noch mehr ausgeliefert"

Gerhard Schönborn unterstützt im Verein "Neustart" Prostituierte, die auf der Berliner Kurfürstenstraße anschaffen gehen. Wenn der Sozialarbeiter aus seiner Beratungsstelle auf den Straßenstrich schaut, sieht er nur noch wenige Frauen, die in Hauseingängen stehen und auf Kundschaft warten.

"Die sogenannten selbstbestimmten Sexarbeiterinnen, von denen es an der Straße eh kaum welche gibt, sind jetzt in ihren Wohnungen", sagt Schönborn. Zuhälter hätten ihre Prostituierten in die Heimatländer geschickt, wo sie entweder bei ihren Familien seien oder verdeckt arbeiteten. Nur die drogenabhängigen Frauen und die südosteuropäischen Armutsprostituierten gingen weiter auf die Straße. Zu Dumpingpreisen. "Diese Frauen sind den Freiern jetzt noch mehr ausgeliefert", sagt Schönborn.

Der Staat könne ihnen helfen, "indem er ihnen den Entzug finanziert und eine Perspektive bietet". Und indem er mehr Plätze für wohnungslose Frauen bereitstelle. Auch, wenn sie nicht angemeldet seien.

Solange das nicht so ist, haben der Verein "Neustart" und der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen Spendenfonds eingerichtet. Der Berufsverband spricht sich außerdem gegen die Strafen aus, die die Länder gegen Prostitution verhängt haben. In Hamburg drohen 5000 Euro Strafe - egal ob ein Bordell wieder öffnet oder eine Prostituierte auf der Straße mit einem Freier mitgeht, schreibt der Verband in einer Pressemitteilung. Das sei zu viel. In Berlin wird laut Bußgeldkatalog nur der Kontakt zwischen Prostituierter und Freier geahndet - mit Strafen ab 25 Euro.

Sexkaufverbot könnte neu diskutiert werden

Manche sehen in der Corona-bedingten Zwangspause für die Prostitution eine Chance: Nun, da die Prostitution in vielen Ländern ganz verboten sei, könnte auch ein Sexkaufverbot neu diskutiert werden, twitterte SPD-Politikerin Leni Breymaier vor Kurzem erfreut: "Stuttgart verbietet Prostitution wegen Corona. Geht doch. Man(n) kann ja schon mal üben".

Breymaier fordert schon länger das Verbot der Prostitution nach dem nordischen Modell, das vor allem Freier kriminalisiert. Gegner werfen ihr vor, ein Verbot mache das Geschäft nur gefährlicher.

Auch Beraterin Waxweiler findet, dass die SPD-Politikerin die Probleme der Sexarbeiterinnen ignoriere, wenn sie aus einer Anordnung zum Gesundheitsschutz eine Debatte darüber mache, wie in der Gesellschaft mit Prostitution umgegangen werden solle. Doch gerade zeige sich: Frauen, die bereits zu prekären Bedingungen arbeiteten, würden durch die aktuelle Anordnung noch leichter erpressbar als zuvor.

Die Arbeit geht also weiter. Auf Kosten der Frauen.

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