Corona-Pandemie Welche Welt wollen wir nach Covid-19?

Ein Gastbeitrag von Frans Timmermans und Bertrand Piccard
Ein "Weiter so!" als Rettungspaket kann nicht die Antwort sein. Statt verzweifelt zu versuchen, zum Zustand vor der Coronakrise zurückzukehren, sollte unser Ziel eine andere, bessere Wirtschaft sein.
Windrad in Niedersachsen: Wie wollen wir nach der Corona-Pandemie wirtschaften?

Windrad in Niedersachsen: Wie wollen wir nach der Corona-Pandemie wirtschaften?

Foto: Julian Stratenschulte/ DPA

Die Coronakrise ist noch nicht überwunden, und viele Menschen leiden. Es leiden diejenigen, die sich angesteckt haben und ihre Familien, die Beschäftigten im Gesundheitswesen an vorderster Front des Kampfes, Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren, Selbstständige und kleine Unternehmen, die mit einer unsicheren Zukunft konfrontiert sind, und die Aktienmärkte, die sich auf Talfahrt befinden. Für viele ist dies eine schreckliche Zeit.

Jetzt muss unser Hauptaugenmerk auf der Bekämpfung des Virus liegen. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass unsere Wirtschaft und unser Finanzsystem am Laufen gehalten werden. Sobald wir allerdings aus der unmittelbaren Krise herauskommen, brauchen wir so schnell wie möglich einen wirtschaftlichen Neustart, müssen wir die Produktionslinien wieder funktionsfähig machen und dafür sorgen, dass die Menschen wieder zur Arbeit gehen und Einkommen erwirtschaften können.

Zu den Autoren
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Sina Schuldt/ DPA; Bertrand Guay/ AFP

Frans Timmermans (l.), Jahrgang 1961, ist Exekutiv-Vizepräsident der Europäischen Kommission. Der Niederländer war bei der Europawahl 2019 Spitzenkandidat der Sozialdemokratischen Partei Europas.

Bertrand Piccard, Jahrgang 1958, ist Gründer und Vorsitzender der Solar Impulse Foundation. Dem Schweizer gelang 1999 als erstem Menschen eine Weltumrundung im Heißluftballon ohne Zwischenlandung. Von März 2015 bis Sommer 2016 schaffte er zusammen André Borschberg in Etappen die Umrundung der Welt im Solarflugzeug "Solar Impulse 2".

Wir haben die Wahl: Wir können verzweifelt dafür kämpfen, zum Zustand vor der Coronakrise zurückzukehren, oder versuchen, eine viel bessere Situation als vor der Krise zu schaffen.

Welchen Zustand hatten wir vor der Coronakrise? Wir hatten eine schleppende Entwicklung einer linearen und kohlenstoffintensiven Wirtschaft, die Mühe hatte, die Beschäftigungszahlen und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern, die dabei aber gleichzeitig die natürlichen Ressourcen erschöpfte, gefährliche Abfälle und giftige Schadstoffe erzeugte, die Bevölkerung und die Industrie gefährdete, ganz zu schweigen vom Klimawandel. Wollen wir wirklich dahin zurück?

Es gibt einen anderen Weg, an dessen Ziel qualitatives Wachstum mit einer kreislauforientierten, nachhaltigen und in hohem Maße wettbewerbsfähigen Wirtschaft steht. Wie aber kommen wir dahin? Wir müssen in allen Bereichen, zum Beispiel in der Wasser- und Energiewirtschaft, im Bauwesen, in der Mobilität, in der Landwirtschaft und in der Industrie, um nur einige zu nennen, alte und umweltschädliche Strukturen durch eine moderne, saubere und effiziente Infrastruktur ersetzen. Dies würde wesentlich mehr Arbeitsplätze schaffen und unser Bruttoinlandsprodukt viel stärker wachsen lassen als die bisherige Wirtschaftsweise.

Deshalb ist es ein Widerspruch in sich, zu behaupten, der Grüne Deal sei ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Die Folgen des Klimawandels, Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände, der Anstieg des Meeresspiegels und die Wüstenbildung werden uns hart treffen. Darüber hinaus werden wir durch den Rückzug der Natur und das Schmelzen des Permafrosts vermehrt mit unbekannten Viren konfrontiert werden.

Der derzeitige abrupte Stillstand der Massenproduktion und des Verkehrs schadet unzweifelhaft unserer Wirtschaft - und doch gibt er uns auch einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie es sein könnte, wenn unsere Mobilität elektrisch wäre und wir die Nutzung fossiler Brennstoffe drastisch reduzieren würden. Statt sich saubere Luft im Herzen unserer Städte bloß vorzustellen, kann man sie jetzt förmlich riechen.

Der Grüne Deal ist eine Wachstumsstrategie, die auch dem Schutz der Umwelt dient. Erneuerbare Energien und saubere Technologien sind eine enorme wirtschaftliche und industrielle Chance, die bessere Zukunftsperspektiven bietet, als die Rückkehr zu einer auf fossilen Brennstoffen aufgebauten und sich durch Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit auszeichnenden Wirtschaft.

Warum ist das so? Saubere Technologien rechnen sich dank der Einsparung von Energie und Ressourcen, die sie mit sich bringen. Investitionen in diese neue Infrastruktur sind deshalb keine Kosten, sondern die Möglichkeit, der Industrie Gewinne zu sichern und dabei zugleich die Ausgaben des Einzelnen zu senken.

  • Wir können ein stabiles Netz für erneuerbare Energien aufbauen, das sich auf Solarenergie, Erdwärme, Biomasse, Meeresenergie und Windkraft stützt. Und die Möglichkeiten gehen noch viel weiter.

  • Wir können Häfen mit Land-zu-Schiff-Strom ausstatten, um die Emissionen des Schiffsverkehrs zu mindern, Ladestationen für Elektroautos und Wasserstofftankstellen bauen.

  • Wir können höhere Effizienzstandards für alle Arten von Geräten festlegen, den Energieverbrauch von Gebäuden durch effiziente Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen oder innovative und intelligente Technologien zur Dämmung oder Beschattung von Fassaden verringern.

  • Wir können unsere Landwirte dabei unterstützen, sich zu modernisieren, damit sie weniger Pestizide einsetzen und bei der Herstellung gesunder Produkte zugleich für unsere Umwelt sorgen.

Entsprechende Technologien gibt es längst. Dies zeigen zum Beispiel einige der Lösungsansätze, die bereits von der Solar Impulse Foundation im Rahmen des Wettbewerbs #1000solutions ausgewählt wurden.

Ein "Weiter so!" als Rettungspaket kann nicht die Antwort sein.

Was es braucht, ist ein leichterer Zugang zu Investitionen, ein öffentliches Beschaffungswesen im Einklang mit dem Pariser Abkommen und Umweltvorschriften, die Märkte für solch innovative Lösungen und eine entsprechende Nachfrage schaffen. Die zeitliche Verschiebung der Anwendung strengerer Fahrzeugemissionsnormen wird der Automobilindustrie nicht helfen, wenn Städte Autos mit Verbrennungsmotoren verbannen und die Nachfrage der Kunden nach Elektroautos steigt. Auch der fortgesetzte Betrieb von Kohlekraftwerken bei sinkenden Preisen für erneuerbare Energien wird der Energiewirtschaft nicht helfen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Ein "Weiter so!" als Rettungspaket kann nicht die Antwort sein.

Statt die Konjunkturpakete zur Unterstützung von "business as usual" zu nutzen, damit veraltete Wirtschaftsmodelle zu zementieren und in bald verlorene Vermögenswerte zu investieren, sollten wir in die neue Wirtschaft investieren, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen, fit für eine nachhaltige und integrative Zukunft, in der wir wettbewerbsfähig und gut vorbereitet sind. Dies wird uns dabei helfen, den größten Industriemarkt des Jahrhunderts zu schaffen, denn es ist heute rentabler geworden, die Umwelt zu schützen, als sie zu zerstören.

Dies könnte unser Meisterstück werden.

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