SPIEGEL-Umfrage Mehrheit der Deutschen befürwortet strengere Kontaktbeschränkungen

Die verschärften Kontaktregeln stoßen laut einer SPIEGEL-Umfrage bei den Deutschen mehrheitlich auf Zustimmung. Im Vergleich zum Frühjahr 2020 geben aber viele Menschen an, ihre Kontakte weniger zu beschränken.
Passantin in der Potsdamer Fußgängerzone: Das öffentliche Leben wird weiter stark eingeschränkt

Passantin in der Potsdamer Fußgängerzone: Das öffentliche Leben wird weiter stark eingeschränkt

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ODD ANDERSEN / AFP

Der Frühling ist noch nicht wieder da, die Corona-Regeln des Frühlings 2020 dagegen schon: Bund und Länder haben am Dienstag eine Verschärfung der Kontaktbeschränkungen beschlossen, die den Vorschriften aus der Frühphase der Pandemie gleichkommt.

Bürgerinnen und Bürger dürfen in den kommenden Wochen nur noch Angehörige des eigenen Haushalts sowie eine weitere Person privat treffen. Die Beinahe-Kontaktsperre soll dazu beitragen, endlich das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bringen. Das war mit dem bisherigen Shutdown nicht gelungen.

Die Politik setzt also – abgesehen von der Einschränkung des Bewegungsradius in Hotspots – vor allem auf Bewährtes. Bei der Mehrheit der Bevölkerung kommt die erneute Verschärfung der Kontaktbeschränkungen gut an, wie eine neue Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des SPIEGEL zeigt.

Gut 61 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Beschränkung »eindeutig richtig« oder »eher richtig« finden. Insgesamt knapp 31 Prozent bewerteten den Beschluss hingegen als »eher falsch« oder »eindeutig falsch«. Die übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigten sich unentschieden. Die repräsentative Umfrage wurde unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Beschlüsse durchgeführt und zählt 5050 Befragte. Der Stichprobenfehler lag bei 2,5 Prozentpunkten.

Es mag für die Verantwortlichen in Bund und Ländern beruhigend sein, dass noch immer eine Mehrheit der Deutschen hinter den Corona-Maßnahmen steht. Ein Aspekt dürfte ihnen allerdings Sorge bereiten: Anfang der Woche hatte eine Civey-Umfrage für den SPIEGEL ergeben, dass rund 70 Prozent der Deutschen eine Verlängerung des Shutdowns mit den damals geltenden Regeln befürworteten. Die unerwartete Verschärfung vom Dienstag überzeugt nun offenkundig weniger Menschen, die Differenz liegt bei fast zehn Prozentpunkten.

Die schärferen Kontaktbeschränkungen finden bei Anhängern der politischen Parteien unterschiedlich viel Zustimmung – dieses Muster zeigt sich seit Beginn der Pandemie. Der neuen Civey-Umfrage zufolge findet die Maßnahme sehr starken Rückhalt bei Anhängerinnen und Anhängern von Union, SPD und Grünen. Jeweils mehr als 70 Prozent dieser Gruppen bezeichneten die Beschränkung insgesamt als richtig.

Mit Abstrichen ist auch eine deutliche Mehrheit der potenziellen Linken-Wählerinnen und -Wähler dafür. Dagegen ist bei Anhängerinnen und Anhängern der FDP eine Ablehnungsquote von gut 68 Prozent zu verzeichnen, bei AfD-Sympathisanten liegt sie bei 80 Prozent.

Wer hält sich an die Corona-Regeln?

Die schärfsten Regeln bringen nichts, wenn sich die Menschen nicht daran halten. Civey hat für den SPIEGEL in weiteren Umfragen ermittelt, wie die Deutschen ihr eigenes Verhalten einschätzen. Die Befragungen gab es seit dem Frühjahr regelmäßig. Daher lassen sich aktuelle Ergebnisse mit denen vom ersten Shutdown vergleichen.

Generell gaben Mitte April 2020 mehr als 88 Prozent der Befragten an, ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Dieser Anteil sank mit der entspannteren Corona-Lage im Sommer auf 63 Prozent im September. Erst im Oktober war wieder ein klarer Aufwärtstrend der Vorsichtigen erkennbar, damals stiegen auch die Infektionszahlen wieder bedrohlich an.

Während des vergleichsweise milden Shutdowns im November schränkten die Befragten nach eigener Auffassung ihre Kontakte deutlich stärker ein, aber nicht so stark wie im Frühjahr. Inzwischen nähert sich die Quote der vom ersten Shutdown an und liegt bei fast 86 Prozent. Erhoben wurde auch, wie häufig die Befragten direkten Kontakt zu Personen außerhalb ihres Haushalts hatten. Zuletzt gaben knapp 22 Prozent an, dies komme selten oder gar nicht vor. Im April 2020 waren es noch um die 30 Prozent gewesen.

Stark gesunken ist in den vergangenen Wochen der Anteil derjenigen, die täglich Kontakt zu Personen außerhalb des eigenen Haushalts haben, und zwar von mehr als 40 Prozent im September auf rund 21 Prozent – ähnlich wie im ersten Shutdown. Höher als damals liegt heute der Anteil von Befragten, die einmal oder mehrmals die Woche solche Kontakte pflegen. Nach den neuen Regeln müssen private Treffen nun auf eine Person außerhalb des eigenen Hausstandes reduziert werden.

Für viele Menschen ist das jedoch nicht die einzige neue Beschränkung. In Corona-Hotspots mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 200 oder mehr soll künftig ein maximaler Bewegungsradius von 15 Kilometern um den eigenen Wohnort gelten (was das für Sie ungefähr bedeutet, sehen Sie hier). In Sachsen gilt diese Regel schon seit Mitte Dezember, nun haben die anderen Länder nachgezogen.

Eine weitere Civey-Umfrage zeigt, dass eine Mehrheit der Deutschen nach eigener Einschätzung während der Pandemie einen größeren Bewegungsradius als 15 Kilometer hatte. Als die Befragung im April 2020 gestartet wurde, hatten fast 43 Prozent einen sehr engen Bewegungsradius von maximal fünf Kilometern – wenig überraschend angesichts des damaligen umfassenden ersten Shutdowns und der großen Unwägbarkeiten der Pandemie. Die Antworten bezogen sich stets auf die jeweils vorige Woche.

Dieser Anteil mit sehr engem Bewegungsradius sank im Sommer stark, wuchs im Herbst wieder und liegt nun bei rund 32 Prozent. Auffällig ist auch, dass deutlich mehr Menschen bis zuletzt einen großen Bewegungsradius – mehr als 50 Kilometer – hatten als im Frühjahr des vergangenen Jahres. Dabei dürften die Ferien und Feiertage eine wichtige Rolle gespielt haben, auch wenn deren Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen noch nicht sicher absehbar sind.

Das Meinungsforschungsinstitut Civey  arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ .

Im Frühjahr 2020 war der 15-Kilometer-Radius noch keine etablierte Kategorie. Deshalb definierte Civey einen engen Bewegungsradius mit maximal 20 Kilometern. Knapp ein Drittel der Deutschen verortete sich zuletzt in diesem Bereich.