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Markus Feldenkirchen

Eigenverantwortung in der Pandemie Mehr Covintelligenz, bitte!

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Die Corona-Pandemie flammt wieder auf, aber viele wollen nicht mehr vorsichtig sein. Muss uns jetzt wieder die Politik zur Vernunft zwingen? Wir sollten es allein schaffen. Es braucht dafür keinen Einzelunterricht durch die Bundeskanzlerin.
aus DER SPIEGEL 41/2020
Polizeistreife im Treptower Park in Berlin (Ende März 2020)

Polizeistreife im Treptower Park in Berlin (Ende März 2020)

Foto: Paul Zinken/ DPA

Ich mag's nicht so gern, wenn Politiker mich wie ein Kleinkind behandeln, das zu doof ist, sich die Strümpfe selbst anzuziehen. Ich möchte mir nicht von Markus Söder vorschreiben lassen, ob ich auf einer Isarbrücke stehen bleiben darf, um Enten anzugucken. Ob ich nach 20 Uhr Alkohol kaufen oder – noch schlimmer! – sogar trinken darf. Mit wem ich mich wo und wie treffe, möchte ich weder Angela Merkel noch einem angeblich Regierenden Bürgermeister überlassen. Ich will, dass wir Bürger als mündige Wesen behandelt werden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man die eigene Mündigkeit auch hin und wieder mal unter Beweis stellen sollte.

Mich macht es zunehmend fuchsig, wie ignorant sich viele Mitbürger inzwischen in Sachen Covid-19 verhalten. Als ginge sie Corona nichts mehr an. Als wäre die Pandemie vorbei. Aber nur weil das Virus schon einige Monate unter uns ist, hat sich nichts an dessen Gefährlichkeit geändert. Das Maß an Ungeduld, Trotzigkeit und Disziplinlosigkeit ist ernüchternd. Warum, bitte schön, füllen – wie Stichproben in Lokalen auf Sankt Pauli ergaben – nur ein Drittel der Gäste den Meldezettel korrekt aus, was eine schnelle Unterrichtung von möglichen Infizierten verhindert? Warum reißen sich Menschen, sobald sie einen Zug verlassen, theatralisch die Maske ab, obwohl das Gedränge dort so dicht ist wie im Zug selbst? Warum müssen private Großfeiern unbedingt jetzt stattfinden – und nicht im nächsten Jahr? Und warum mit 50 oder 100 Leuten?

Dass etwas nicht verboten ist, bedeutet nicht zwingend, dass man es auch machen muss. Selbst denken ist nicht nur erlaubt, es ist manchmal sogar hilfreich. Eine gewisse Grundinformiertheit über das Virus und wie es sich verbreitet darf man von mündigen Bürgern erwarten. Es braucht dafür keinen Einzelunterricht durch die Bundeskanzlerin.

Dass etwas nicht verboten ist, bedeutet nicht zwingend, dass man es machen muss.

Als ich vor Kurzem zwei superlässige Barista darauf hinwies, dass ihre nur über das Kinn gezogenen Masken weder den Kaffee noch die Kunden vor dem Virus schützen, lachten sie mich aus und hoben zu einer lautstarken Gegenrede an, die die Aerosole erst richtig freisetzte. Und als ich neulich im Restaurant ein Fenster öffnen wollte, stand die Chefin (ohne Maske) gleich aufgebracht am Tisch und schloss es sofort wieder. Ihre Begründung: Zugluft! Davon könne sie krank werden!

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich fühle mich echt nicht wohl in der Rolle des Corona-Blockwarts. Aber ich verzweifle immer öfter an der Gedankenlosigkeit mancher Mitbürger. Weil uns jetzt, da es kälter wird und das Leben sich notgedrungen nach drinnen verlagert, ein paar harte Wochen und Monate bevorstehen. Selbst wenn es einem persönlich schnuppe ist, ob man sich infiziert oder nicht, trägt jeder von uns eine Verantwortung, die größer ist als wir selbst. Gerade wenn wir wollen, dass Kinder auch im Winter Kitas und Schulen besuchen, dass möglichst wenig Arbeitsplätze verloren gehen und die Alten und Schwachen Corona überstehen, sollte ein jeder die letzten Reserven an Disziplin und Solidarität mobilisieren. Nur ein paar Monate noch. Sonst erklären uns die Politiker bald wieder, wo wir stehen, sitzen und trinken dürfen.

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