Corona-Politik Fachleute plädieren für umfassende Stufenpläne

Vor dem Corona-Gipfel von Bund und Ländern fordern Wissenschaftler um den Epidemiologen Klaus Stöhr mehr interdisziplinären Austausch. Sie verlangen Stufenpläne und neue Erfolgskriterien beim Kampf gegen die Pandemie.
Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr

Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr

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Klaus Stöhr ist in der Coronakrise ein gefragter Mann. Seit der SPIEGEL öffentlich gemacht hat, dass das Kanzleramt den Epidemiologen und Virologen nicht als Berater im Vorfeld der Ministerpräsidentenkonferenz Ende Januar einbinden wollte, obwohl die SPD-Ministerpräsidenten ihn gern gehört hätten, ist Stöhr als Gesprächspartner bei Journalisten und Wissenschaftlern präsent. Nun hat er gemeinsam mit Fachleuten verschiedener Disziplinen der »Arbeitsgruppe Covid-Strategie«  ein Positionspapier geschrieben.

Der frühere Sars-Forschungskoordinator der Weltgesundheitsorganisation findet, im Vorfeld politischer Entscheidungen müsse es einen Prozess des wissenschaftlichen Diskurses und der Risikoeinschätzung geben. Anders ließen sich die Kompetenzen der zur Pandemiebekämpfung notwendigen Fachwissenschaften schlecht einbeziehen.

»Auch Gesundheitsökonomen, Soziologen, Psychologen, Infektiologen, Ethiker und andere Wissenschaftler sollten zu Wort kommen«

Klaus Stöhr über Beratungen zu Corona-Maßnahmen

»Das sollten interdisziplinäre Teams sein, mit konträren Positionen und alternativen Herangehensweisen«, sagte Stöhr dem SPIEGEL. Auch Gesundheitsökonomen, Soziologen, Psychologen, Infektiologen, Ethiker und andere Wissenschaftler sollten zu Wort kommen. Aus dieser Vielzahl der Perspektiven sollte die Politik Entscheidungen ableiten. »Diesen wissenschaftlichen Diskurs sehe ich bisher nicht.«

Deutliche Kritik Richtung Kanzleramt

Die Fachleute um Stöhr sprechen sich für Stufenpläne aus, wie sie seit vielen Jahren schon in der Seuchenbekämpfung gängig sind. Die ersten Bundesländer entwickeln solche Maßnahmen bereits. Dafür sei es wichtig, »den Beitrag von bestimmten Lebensbereichen für Infektionen von Risikopersonen und in stationären Einrichtungen zu evaluieren«, heißt es in dem Papier, das dem SPIEGEL exklusiv vorliegt.

»Priorität haben hier: Kitas, Grundschulen und der Einzelhandel. Einzelmeinungen, derzeit von einzelnen Experten vorgetragen, erfüllen nicht annähernd die Anforderungen an eine strukturierte Risikoregulierung und genügen nicht, um die breite Wissenskompetenz, die Meinungsvielfalt und die Komplexität der Risikoregulierung zu Covid-19 abzubilden.«

Und, eine deutliche Kritik in Richtung Kanzleramt: Politische Entscheidungen auf der Grundlage der Risikobewertung von einzelnen Vertretern weniger Fachgebiete seien »unzureichend und haben zur Polarisierung in der Pandemiebekämpfung beigetragen«, so die Wissenschaftler.

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Langfristig werde eine nationale Kommission benötigt, die – ähnlich wie die ständige Impfkommission oder die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention – die Bundesregierung berate, heißt es in dem Papier weiter. Dies solle »in einem strukturierten Prozess und im vollen Bewusstsein ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung in den Fragen der Risikobewertung und -regulierung« geschehen.

»Ohne stetig neue Grundsatzdiskussionen bis zum Pandemieende«

Die Wissenschaftler der »Arbeitsgruppe Covid-Strategie« fordern einen »elastischen, transparenten Stufenplan«, der Deutschland »ohne stetig neue Grundsatzdiskussionen bis zum Pandemieende bringt«, da sich die Situation durch das Wetter, die Populationsbewegungen, neue Virusvarianten und den sich verändernden Bekämpfungserfolg sehr dynamisch bewege. Er solle mit einer »Positivagenda« gegen die Pandemiemüdigkeit der Bevölkerung angehen.

Als Erfolgskriterien empfehlen die Wissenschaftler:

  • den R-Wert-Trend

  • eine risikogruppenspezifische Inzidenz

  • die Belastung des Gesundheitssystems und die Belegung der Intensivstationen

Zur gesundheitlichen und epidemiologischen Bewertung der Pandemiestufen sei die mittlere Sieben-Tage-Melderate allein nicht geeignet, schreiben die Fachleute.

Sie plädieren dafür, in jeder Stufe einzelnen Lebensbereichen ein Maßnahmenpaket zuzuordnen: von der Kita bis zum Einzelhandel, vom ÖPNV bis zum Arbeitsplatz. Alle drei bis vier Wochen solle auf Landesebene die erreichte Pandemiestufe eingeschätzt werden. Falls es Veränderungen gebe, etwa den Wechsel in eine andere Stufe, soll dann klar sein, was an den Maßnahmen geändert werde. »Der Erfolg orientiert sich daran, die gesundheitlichen Auswirkungen zu minimieren.«

So wollen die Wissenschaftler Transparenz darüber erzeugen, welche Maßnahmen bei welcher Pandemiestufe zu erwarten sind und wann sie verschärft oder gelockert werden können. All das müsse künftig in einem breiten wissenschaftlichen Diskurs erörtert werden, fordert Stöhr: »Wir müssen das gute Wissen zusammenführen. Deutschland hat so viel tiefes Wissen. Das muss in der Pandemiebekämpfung dringend abgerufen werden, um die Auswirkungen der Pandemie zu mildern.«