SPIEGEL-Umfrage Unzufriedenheit der Deutschen mit Coronapolitik wächst rasant

Die Infektionszahlen steigen, Intensivstationen füllen sich – doch die Politik wirkt im Kampf gegen Corona gehemmt. Die SPIEGEL-Umfrage zeigt: Immer mehr Deutsche halten die aktuellen Maßnahmen für unzureichend.
Deutschland im Corona-Herbst: Immer mehr Deutsche halten Krisenmanagement für nicht ausreichend

Deutschland im Corona-Herbst: Immer mehr Deutsche halten Krisenmanagement für nicht ausreichend

Foto: Robert Michael / dpa

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Die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Mit 201,1 Infizierten auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner haben sich so viele Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus angesteckt wie noch nie seit Beginn der Pandemie.

Gerade jetzt wäre politische Entschlossenheit nötig, um die vierte Welle noch zu brechen und das Schlimmste für den Winter zu verhindern. Doch an dieser Entschlossenheit fehlt es: Die Noch-Regierung um Kanzlerin Angela Merkel hält sich zurück, führende Unionspolitiker nehmen Merkels designierten Nachfolger Olaf Scholz (SPD) in die Pflicht. Die künftigen Ampelkoalitionäre verweisen auf die Verantwortung des noch CDU-geführten Kanzleramts, basteln zugleich aber an einem Corona-Gesetzesentwurf. Der soll Grundlage neuer Anticoronamaßnahmen sein, wenn die epidemische Notlage Ende November ausläuft.

In der Bevölkerung kommt das Vakuum im Krisenmanagement nicht gut an, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL zeigt. Demnach ist der Anteil der Menschen, die die Coronapolitik von Bund und Ländern als unzureichend bewerten, seit Mitte Oktober rasant angestiegen.

Rund 42 Prozent der Deutschen halten die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung aktuell für nicht ausreichend. Nur 27 Prozent empfinden die aktuelle Coronapolitik als übertrieben. Ein knappes Drittel hält die aktuellen Maßnahmen für angemessen.

Mitte Oktober waren nur knapp über 20 Prozent der Deutschen der Meinung, dass die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus nicht ausreichten. Zuletzt war ein solch starker Anstieg der Unzufriedenheit mitten in der dritten Welle zu verzeichnen – zu Beginn der damals noch schleppenden Impfkampagne im Frühjahr 2021.

Civey fragt für den SPIEGEL seit Pandemiebeginn nach, wie die Deutschen die Angemessenheit der Coronapolitik bewerten. Die aktuellen, repräsentativen Werte stammen aus Erhebungen im Zeitraum vom 1. bis 8. November, etwas mehr als 10.000 Personen wurden befragt.

Über den gesamten Zeitraum der Pandemie betrachtet korrelierte der Eindruck unzureichender Maßnahmen mit den steigenden Inzidenzzahlen. Hielten über den relativ milden Sommer 2020 viele Menschen die Einschränkungen für übertrieben, kippte die Stimmung spätestens mit Beginn der zweiten Welle im Herbst.

Die schlechtesten Noten verteilten die Deutschen der Politik dann in der dritten Welle im Frühjahr 2021. Die Impfkampagne lief noch schleppend, Bund und Länder diskutierten aber zugleich bei steigenden Infektionszahlen bereits Lockerungen.

Anfang April beurteilten ganze 65 Prozent der Befragten die Maßnahmen der Politik als unzureichend. Es war die Woche nach Ostern – als Kanzlerin Angela Merkel nach einer desaströsen Ministerpräsidentenrunde ihre vorgeschlagene »Osterruhe« zurückziehen musste und CDU-Chef Armin Laschet Zeit erbeten hatte, die Feiertage zum »Nachdenken« zu nutzen.

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag damals bei 123.

Der aktuelle Umgang mit der vierten Welle wird je nach Alter unterschiedlich bewertet. Unter den jüngeren Menschen bis 39 Jahre halten sich jene, die die Maßnahmen für übertrieben oder aber für nicht ausreichend erachten, die Waage. Erst in den höheren Altersgruppen kippt das Verhältnis.

Bei den Menschen zwischen 50 und 65 Jahren halten nur noch 28 Prozent die Coronapolitik für übertrieben, bei allen über 65 sind es nur noch 15 Prozent.

Auch mit Blick auf die Parteipräferenzen gibt es zum Teil große Unterschiede. Eine deutliche Mehrheit der AfD-Anhängerschaft hält die Maßnahmen für übertrieben, auch die Anhängerinnen und Anhänger der FDP wünschen sich mehrheitlich eine zurückhaltendere Coronapolitik.

Deutliche Kritik kommt hingegen aus dem linken Lager: Je mehr als der Hälfte der Unterstützerinnen und Unterstützer von SPD, Grünen und Linken empfinden die Coronapolitik als nicht ausreichend. Auch 40 Prozent der Sympathisanten von CDU und CSU sehen das so.

Mehr zur Civey-Methodik erfahren Sie hier.

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