Nikolaus Blome

Corona-Politik Wir sind nicht Merkels Kinder

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Kanzlerin bremst weiter bei den Lockerungen. In der Flüchtlingskrise hat sie den Deutschen viel zugemutet, jetzt traut sie ihnen nichts mehr zu. Sie hält uns für Kinder.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer Pressekonferenz am 30. April 2020

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer Pressekonferenz am 30. April 2020

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Stefan Boness/Ipon/ imago images/IPON

Kommt wahrlich nicht alle Tage vor, aber Deutschland wird gerade hochgelobt. Für unser Gesundheitssystem. Für das besonnene Umgehen mit Corona. Für unsere Bundesregierung.

Und diese Bundesregierung - kommt auch nicht oft vor - lobt uns, die Bürger. Aber sie traut uns nicht.

Natürlich gibt es Gruppen, die möchten ihre eigene Herden- oder Hordenimmunität durch promiskuitive Selbstansteckung herbeiführen und sich nebenbei am Baggersee betrinken. Aber das ist nur eine kleine Minderheit. Reden wir lieber von der Mehrheit, ich schreibe hier ja keine linke Kolumne.

Nikolaus Blome
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Daniel Reinhardt / DPA

Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der »Bild«-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender »Bild«-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv.

Angela Merkels ewiger Widersacher Horst Seehofer redete am Wochenende von einer fünften Amtszeit, denn die Mehrheit der Deutschen hat derzeit großes Vertrauen in die Bundeskanzlerin. Aber vertraut diese Bundeskanzlerin den Deutschen? Nein, muss ich sagen, das tut sie nicht, das tat sie nie. Wenn Angela Merkel im kleinen Kreis über die Menschen "draußen im Land" redet, dann klingt sie, als zöge sie mit der Botanisiertrommel durch den Märchenwald. Ihr Interesse an den Deutschen ist ein ethnologisches und bis heute sehr groß, nach dem Mauerfall musste sie sogar viereinhalb Jahrzehnte Westdeutschland auf einmal nachlernen.

Ihre Neugier kommt dabei nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Kopf. Dort wohnt auch ein polit-professionelles Misstrauen, das sie gegen all jene Laien und Amateure hegt, die in der Demokratie trotzdem der Souverän sind, wir Bürger nämlich. In der Coronakrise nun traut sie uns Disziplin bei plausiblen (und strafbewehrten) Ansagen zu, nicht jedoch kollektive Vernunft. Wenn die Schulen für Kinder endlich wieder öffnen dürfen, unter Auflagen natürlich, warum nicht auch die Restaurants für Erwachsene? Das finde ich nicht witzig.

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Der pragmatische Konservative von nebenan weiß hingegen, dass die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich sind. Heißt: Die Deutschen sind manchmal wie Kinder, die meiste Zeit aber nicht. Der pragmatische Konservative würde den Spieß also umdrehen und sagen: Wenn wir schon wie Kinder betrachtet werden, uns aber volle sechs Wochen vorbildlich verhalten haben, dann wollen wir jetzt auch unsere Belohnung - das Ende des doofen Kontaktverbots, ein Eis, und dass wir gleichsam Fahrradfahren jetzt auch mal ohne Stützräder ausprobieren dürfen. Wir sind schon groß, Mutti. Wir schaffen das!

Diesen Satz der Kanzlerin kennt vermutlich jeder. Nicht wenige haben ihn während Flüchtlingskrise 2015/16 als Zumutung empfunden. Viele andere jedoch fühlten sich herausgefordert mit anzupacken, real oder im übertragenen Sinne. "Wir schaffen das" hieß für mich: Merkel mutet uns etwas zu. Aber sie traut uns auch etwas zu. Und heute?

Die Coronakrise war anfangs eine gute Zeit für die Kanzlerin, weil sie Krise kann. Es war eine ihr geschenkte Zeit, doch Angela Merkel verpasst gerade ganz schrecklich die Ausfahrt. Das hassen Kinder nach einer langen Autobahnfahrt eingesperrt im Wagen wirklich. Und Erwachsene ebenso.

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