Stefan Kuzmany

Corona-Prävention Hält sich Berlin für immun?

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Das Spiel des 1. FC Union Berlin gegen Bayern München soll am Samstag vor Zuschauern stattfinden – trotz aller Mahnungen von Experten. Wieder einmal muss man sich schämen für die Hauptstadt.
Anhänger des 1. FC Union Berlin am 1. März 2020

Anhänger des 1. FC Union Berlin am 1. März 2020

Foto: Matthias Kern/ Bongarts/Getty Images

Es geht gerade nicht um Fußball. Das mag schwer zu begreifen sein, gerade für den Präsidenten eines Fußballklubs. Aber das ändert nichts: Im Moment geht es ausnahmsweise mal nicht um Fußball.

Und sei es noch so ein tolles Spiel von Union Berlin gegen Bayern München, auf das man sich schon so gefreut und für das man schon alle Eintrittskarten verkauft hat: Jetzt geht es darum, die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus möglichst zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem nicht unter der Last zu vieler gleichzeitig kranker Menschen zusammenbricht. Es geht darum, die Alten, die Menschen mit schwachem Immunsystem, die Gefährdeten zu schützen. Und für dieses Ziel sollte es doch möglich sein, ein Bundesligaspiel ohne Zuschauer stattfinden zu lassen.

Für Berlin scheint das zu viel verlangt zu sein. Bis auf Weiteres, sagt der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), wolle man pauschal keine Großveranstaltungen absagen.

Die Alten und Schwachen zählen offenbar wenig

Italien hat gerade die Bewegungsfreiheit im ganzen Land eingeschränkt. Bayern hat alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern bis zum Karfreitag untersagt. Der Bundesgesundheitsminister hat empfohlen, auf den Besuch von Fußballspielen und Konzerten zu verzichten. Auch das Robert Koch-Institut (RKI), die medizinische Autorität zur Seuchenbekämpfung in Deutschland, rät ab. Aber Berlin sieht sich nicht genötigt, eine klare Entscheidung zur Eindämmung der Epidemie und für seine Alten und Schwachen treffen. Der Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sagt Konzerte und Aufführungen in den großen Sälen staatlicher Aufführungsorte ab. Aber Union Berlin soll vor Publikum spielen dürfen. Was soll das?

Über die Motive der Berliner Entscheidungsträger im Rathaus und im Gesundheitsamt Treptow-Köpenick kann man nur rätseln. Bei Dirk Zingler, dem Präsidenten des 1. FC Union Berlin, liegen sie immerhin klar zutage: Es geht ums Geld. "Uns wird die Unternehmensgrundlage entzogen", sagt Zingler. Andere Wirtschaftszweige hätten dem gegenüber einen Vorteil. "Herr Spahn hat ja auch nicht empfohlen, dass BMW in Marienfelde die Produktion einstellt, deshalb kann er uns auch nicht empfehlen, dass wir unseren Betrieb einstellen."

Wer erklärt es dem Fußballmann?

Möglicherweise findet sich ja jemand, der Zingler auseinandersetzt, dass sein Verein nicht dieselbe volkswirtschaftliche Bedeutung hat wie eine Fabrik. Vielleicht kann ihm jemand auf einem großen Blatt Papier aufmalen, wie vergleichsweise leicht es ist, die Kontaktpersonen einer infizierten Person in einer Fabrikhalle zu identifizieren - und wie praktisch unmöglich dasselbe Unterfangen bei den Besuchern eines Stadions wäre. Vielleicht begreift er bei geduldiger Erklärung sogar, dass Stadionbesuche kein unverzichtbarer Bestandteil des öffentlichen Lebens sind, jedenfalls nicht, wenn durch den Verzicht darauf mittelfristig Leben gerettet werden können.

"Es sollte eine sachliche Analyse stattfinden und nicht pauschal beurteilt werden, dass Veranstaltungen mit unter oder über 1000 Zuschauern abgesagt werden", sagt der Fußballmann. "Denn dann sollten wir anfangen, in Berlin den öffentlichen Personennahverkehr einzustellen, und nicht, Veranstaltungen aufzukündigen." Bei sachlicher Analyse muss man allerdings festhalten: Die U-Bahn ist kein Fußballverein. Sie dient dem öffentlichen Zweck, Menschen zur Arbeit, zur Ausbildung, zum Arzt, zum Einkaufen und nach Hause zu bringen. Wozu dient der 1. FC Union Berlin?

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Nun kann man vielleicht vom Präsidenten eines Fußballklubs tatsächlich nicht verlangen, dass er weit über die Grenzen des Spielfelds hinaus denkt, und leider kann man bei keinem Menschen davon ausgehen, dass er mit Empathie, Vernunft und Intelligenz ausgestattet ist. Warum allerdings das Gesundheitsamt im Stadtteil Treptow-Köpenick sich nicht dazu durchringen konnte, den Zuschauerbesuch bei der Partie Union gegen Bayern zu untersagen, darüber kann man sich nur wundern.

Liegen den dortigen kommunalen Amtsträgern etwa bessere Erkenntnisse über die Ausbreitung des Virus vor, als den führenden Virologen vom RKI und der Berliner Charité? Hält man sich in Berlin und alle Berliner für immun? Oder hat die Entscheidung vielleicht doch etwas mit einer Forderung des Union-Präsidenten zu tun? "Wenn eine Behörde aus Präventionsgründen Anordnungen erlässt, muss sie den wirtschaftlichen Schaden daraus ersetzen", sagt Zingler.

Leider liegt der Verdacht nahe: Berlin mag nicht absagen, weil es den Ärger scheut, weil es bloß nichts bezahlen will. "Einfach mal eine Größenordnung in den Raum zu stellen, dann aber nicht durch die Bundesregierung eine klare Verordnung rauszugeben, an der man sich orientieren kann, ist schwierig", sagt der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD).

Einmal mehr muss man sich schämen für die Verantwortlichen der Hauptstadt: Verantwortung wollen sie nicht übernehmen.

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