Nikolaus Blome

Corona-Proteste Nehmt die Irren ernst!

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Regierung wiederholt ihren Fehler aus dem Jahr der Flüchtlingskrise: Ausblenden oder Auslachen der Corona-Demonstranten könnte mehr Menschen in Rage bringen als jeder Verschwörungsmythos.
Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstration in Stuttgart, 16. Mai 2020

Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstration in Stuttgart, 16. Mai 2020

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Florian Gerlach/ 7aktuell/ imago images

Komiker haben es gerade schwer. Keine Bühne, keine Gage und die meisten Corona-Witze wandeln auf dünnem Eis. Aber immerhin, es gibt jetzt mehr Aluhüte: einen veganen Promikoch , der sich Messias nennt. Einen antisemitischen Ex-Moderator, der sein Haupt unter Decken verhüllt und Weltverschwörungen geißelt. Hinzu kommen brüllende Demo-Primaten in bierdeutscher Funktionsbekleidung, die Story von Bill Gates, der allen einen Chip einimpfen will, oder der Hinweis, dass im Trinkwasser etwas ist, was schrecklich müde macht. Wobei: Das mit dem Wasser habe ich früher, beim morgendlichen Anblick meiner schulpflichtigen Kinder, auch für möglich gehalten.

Der Bundespräsident machte sich bereits vorab über die Auftritte an diesem Wochenende lustig: "Trotzdem traue ich mich zu behaupten, dass unter den Gesichtspunkten des Virusschutzes der vielleicht manchmal unbequeme und lästige Mundschutz empfehlenswerter ist als der Aluhut", sagte er. Ganz im Sinne der Überschrift aus dem Berliner "Tagesspiegel": "Wenn Auslachen gestattet ist". 

Ich erlaube mir, zum Gegenteil zu raten: Nehmt die Irren ernst! Nicht weil sie etwas Ernstzunehmendes von sich gäben oder eine ernste Gefahr für die Ordnung im Land wären. Sondern weil ihnen viele ernst zu nehmende Leute zuhören und bald in Scharen folgen könnten. Es mag ein Rätsel sein. Aber wir hatten das schon.

Pegida nannten sich 2014 einige Hundert Verstrahlte, "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Sie glaubten, von einem Plan der "Umvolkung" Deutschlands zu wissen, den unter anderen die Kanzlerin ins Werk setze, indem sie unendlich viele Fremde ins Land schleuse. Ach je, unsere Ossis..., dachte man leise lächelnd. Am Ende saß die AfD im Bundestag.

Aus präsidialer Höhe Mundschutzskeptiker und Verschwörungsfans in einen Topf zu werfen, bringt außer Lacher beim gleich gesinnten Publikum... also was genau? Verschwörungsirre sind auf diesem Wege nicht zu bekehren, sie sind überhaupt nicht zu bekehren: In ihrer Welt ist einer, der ihnen widerspricht, immerfort nur einer, der die Verschwörung verschleiern will - und somit deren Existenz beweist, weil es sonst ja nichts zu verschleiern gäbe. Capice?

Auf den Demonstrationen scheint die Regel zu gelten, dass es umso krasser wird, je näher man an die Bühne kommt. Heißt umgekehrt freilich: In den hinteren Reihen wird es zusehends normaler, da scheint der deutschen Gesellschaft "alte Mittelklasse" (Andreas Reckwitz) zu stehen. Bei diesen Leuten könnte Spott und pauschalisierende Kritik eine Gegenreaktion auslösen, die mehr Schaden anrichtet als jeder Verschwörungsmythos.

Auslachen ist ein scharfes Schwert, es wird von oben nach unten geführt. Auf "die da oben" ist man in den hinteren Reihen der Corona-Demos aber eh nicht gut zu sprechen. So ist der Ärger über die Einschränkungen, die Einbußen, die gefühlte Übergriffigkeit des Staates inzwischen größer als die Scham, auf einer Demo gemeinsam mit Spinnern oder politischen Extremisten gesehen zu werden. So war es auch 2015/16, als vorneweg Fremdenhasser und Neonazis marschierten.

Warum sich das wiederholt und was dagegen zu tun wäre, darüber würde man Spitzenpolitiker gern öffentlich nachdenken hören. Doch der Bundespräsident beliebt zu scherzen. Und die Kanzlerin schweigt zu den Protesten, auch in der jüngsten Fragestunde des Bundestags, wo gut zu verfolgen war, dass die AfD zurück ins Spiel drängt - was man ihr schwerer oder leichter machen kann.

Leichter machte es ihr zum Beispiel der Hochmut eines Karl Lauterbach, SPD-Corona-Papst. Er sagte in der "Zeit": "Ich finde nicht, dass wir eine Bringschuld haben, uns unters Volk zu mischen, um angebliche Versäumnisse wiedergutzumachen." Leichter wird es auch, wenn die Bundesregierung in jenem Geist agiert, der Peter Altmaier vor der Bundestagswahl 2017 sagen ließ, ein Nichtwähler sei besser als ein AfD-Wähler. Was so viel hieß wie: Ob ihr da seid oder nicht, uns hier oben reicht es, wenn wir euch nicht sehen. Was man am Narrensaum der Republik nicht beim Namen nennt, ist bald wieder weg. So dachte auch Angela Merkel. Falsch gedacht.

Die Corona-Demonstranten, um die es mir geht, wollen gesehen und gehört werden. Es sind eher Männer als Frauen, zeigen erste Expertisen. Sie stammen vielfach aus saturiertem Milieu, das nervös wird, wenn es das Wort "Veränderung" hört. Diese Nervosität wächst mit jeder Ansage aus Politik oder Medien, wonach Corona der ultimative Prüfstand sei und nach Corona nichts mehr sein werde wie zuvor. Die "alte Mittelklasse" befürchtet dabei nicht nur die radikale Infragestellung ihrer Arbeitsplätze, Einkommen oder ihrer familiären Rollenverteilung in einem Zuhause, das dauerhaft Homeoffice werden soll. Sie wittert die weitere Abwertung ihrer statusprägenden Gewohnheiten wie zum Beispiel Massentourismus, Volksfest oder Stadiondauerkarte. Diese Bürger wollen, dass sie nach der Pandemie, die sie keineswegs leugnen, ihr zuvor gelebtes Leben zurückbekommen. Und sie merken, wie die Politik gerade sehr viel verspricht, nur eben das nicht. Trotz vieler Auftritte der Kanzlerin wartet dieses Milieu, direkt angesprochen zu werden und hört... nichts. Bleibt das so, wird es sich erneut rächen.

Noch einmal dasselbe zu tun (oder zu unterlassen), aber dann ein anderes Ergebnis zu erwarten - das sei die Definition von Wahnsinn, heißt es. Wenn das stimmt, würde ich sagen: Nicht nur die Aluhüte sind gerade wahnsinnig.

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