Zur Ausgabe
Artikel 10 / 62
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Alexander Neubacher

Corona-Regeln an Weihnachten Kein Platz für Opa

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Es schadet der Corona-Politik, wenn sich eine Landesregierung Vorschriften ausdenkt, die selbst der Gutwilligste nur für bekloppt halten kann.
aus DER SPIEGEL 50/2020
Eine Weihnachtsbescherung, bei der die gesamte Kernfamilie Masken trägt, gibt es höchstwahrscheinlich nur auf diesem gestellten Symbolbild

Eine Weihnachtsbescherung, bei der die gesamte Kernfamilie Masken trägt, gibt es höchstwahrscheinlich nur auf diesem gestellten Symbolbild

Foto: MiS / imago images

In Berliner Familien spielen sich herzergreifende Szenen ab. Es geht um Heiligabend und die Frage, wer mitfeiern darf und wer leider nicht. Der Bund-Länder-Beschluss erlaubt private Treffen von bis zu zehn Personen.

In Berlin sind die Feiertagsregeln strenger, »weil wir uns da im Moment aufgrund unserer Zahlen einfach nicht mehr zutrauen können«, so der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Bei fünf Personen soll Schluss sein, Kinder bis 14 Jahre nicht mitgerechnet. Ein Paar mit zwei Teenagern hat an seiner Weihnachtstafel also Platz für genau noch eine weitere Person. Für die Oma. Oder den Opa. Oder die andere Oma. Man ahnt: Es werden Tränen fließen.

Wie können Familien mit dem Dilemma umgehen? Ich wüsste keinen Rat. Soll der Gebrechlichste die Einladung bekommen, weil man davon ausgehen muss, dass es sein letztes Weihnachten ist? Oder der Frömmste, weil ihm das Christfest am meisten bedeutet? Oder der Spendabelste, weil er die größten Geschenke macht?

Wie kommt die Berliner Landesregierung auf die Idee, Familien eine Triage aufzubürden, mit der ein Ethikrat überfordert wäre?

Ja, die Corona-Lage in Berlin ist alarmierend. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist immer noch zu hoch; in den Intensivstationen der Krankenhäuser sind viele Betten mit Covid-19-Patienten belegt. Es gibt Partys ohne Mindestabstand und selbst ernannte Querdenker, die das alles für eine große Verschwörung halten.

Wer Gaga-Vorschriften erlässt, die er nicht mal kontrollieren kann, macht sich lächerlich.

Ich glaube aber, dass es der Corona-Politik schadet, wenn sich eine Regierung Vorschriften ausdenkt, die selbst der Gutwilligste für bekloppt hält. Kein Mensch versteht, warum Oma und Opa an Heiligabend getrennt feiern sollen, während nach jetzigem Stand fünf Menschen aus fünf verschiedenen Haushalten Party machen dürfen.

Und wie soll eigentlich überprüft werden, ob man sich an die Regel hält? Wird das Ordnungsamt an Heiligabend durch die Fenster lugen und durchzählen, wie viele Menschen sich um den Tannenbaum versammelt haben? Eine Regierung, die eine Fünf-Personen-Gaga-Vorschrift erlässt, die sie nicht mal kontrollieren kann, macht sich lächerlich.

2020 war gerade für viele Großeltern ein einsames Jahr. Umso größer ist die Sehnsucht. Ich weiß von Familien, die einen gewaltigen Aufwand treiben, sich testen lassen, freiwillig in Quarantäne gehen – nur um ein paar Stunden mit denjenigen Menschen zu verbringen, die sie seit Monaten vermissen. Ich weiß nicht, wen Berlins Regierender Bürgermeister Müller meint mit »wir«, denen man »einfach nicht mehr zutrauen« könne. Doch den Familien zu unterstellen, sie würden leichtfertig das Leben ihrer Angehörigen aufs Spiel setzen, ist unverschämt.

Ich verstehe jeden, der aus Sorge vor Ansteckung an Weihnachten lieber allein bleibt. Doch wenn eine Familie nach sorgfältiger Abwägung beschließt, dass sie das Risiko eingehen will, ist das in Ordnung.

Zur Ausgabe
Artikel 10 / 62
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel