Kampf gegen Covid-19 Corona-Sachverständigenrat stellt Pandemiemaßnahmen teilweise infrage

Seit Wochen wartet die Ampelkoalition auf ein Gutachten von Sachverständigen zur Coronapolitik der vergangenen Jahre. Das Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, stellt Bund und Ländern kein sonderlich gutes Zeugnis aus.
Frauen und Männer warten an einer U-Bahnstation in Berlin auf die nächste Bahn

Frauen und Männer warten an einer U-Bahnstation in Berlin auf die nächste Bahn

Foto: Maskot / Getty Images

Die von der Bundesregierung eingesetzten Experten des Sachverständigenausschusses haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie teils kritisch bewertet. Das Gutachten liegt dem SPIEGEL vor. Auf insgesamt 165 Seiten legen die Experten dar, inwiefern die vom Bund verhängten Einschränkungen aus ihrer Sicht wirksam waren.

Sie kommen in ihrer Evaluation etwa zu dem Schluss, dass die Risikokommunikation in Deutschland nur schlecht genutzt wurde und auch die Aufklärungskampagne besser hätte gestaltet werden können.

Die Wirkung von Masken zum Schutz vor der Übertragung sei nur dann gegeben, wenn die Menschen sie richtig aufsetzten, schreiben die Experten. Künftig solle deshalb stärker über das richtige Tragen von FFP2-Masken aufgeklärt werden. Eine Nutzung von FFP2-Masken wird nur für Innenräume und Risikosettings empfohlen. Eine generelle Empfehlung zum Tragen von FFP2-Masken sei aus den bisherigen Daten allerdings nicht ableitbar.

Der Lockdown zu Beginn der Pandemie soll wirksam gewesen sein, so das Gremium, die Wirkung sei aber in einer späteren Phase der Pandemie nicht mehr gegeben. Gleiches gelte laut dem Gutachten für die Kontaktnachverfolgung. Im Verhältnis zum Aufruf, zu Hause zu bleiben, sei diese aber dennoch sinnvoller gewesen. Die genaue Wirksamkeit von Schulschließungen auf die Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus sei trotz zahlreicher Studien weiterhin offen.

Bemängelt werden in dem Gutachten auch die mangelnde Digitalisierung der Infektionserfassung.

Das Gutachten war von der Ampelkoalition dringlich erwartet  worden. Die FDP hatte es für Gespräche über ein neues Infektionsschutzgesetz für den Herbst zur Bedingung gemacht. Das geltende Infektionsschutzgesetz läuft Ende September aus.

Zuletzt verzögerte sich die Fertigstellung des Gutachtens, das eigentlich am 30. Juni hätte veröffentlicht werden sollen. Im Vorfeld hatte der Chef des Sachverständigenrates Stefan Huster die Erwartungen an das Gutachten bereits gedämpft. »Wer eine Liste mit einem Plus oder einem Minus hinter allen einzelnen Maßnahmen für ›wirksam‹ oder ›nicht wirksam‹ erwartet, der wird enttäuscht sein«, sagte Huster dem SPIEGEL. »Unsere Perspektive ist grundsätzlicher und betrachtet die Strukturen, im Sinne einer guten Vorbereitung auf eine Pandemie.«

mfh
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