Sebastian Fischer

Endloser Corona-Shutdown Ein bisschen ist nicht genug

Sebastian Fischer
Ein Kommentar von Sebastian Fischer
Ein Kommentar von Sebastian Fischer
Schon einmal hatten wir Corona im Griff – und haben den Vorsprung doch verspielt. Jetzt ist die neue Chance da: mit konsequenten, harten Maßnahmen. Ohne sie droht ein Dämmerzustand bis weit in den Sommer.
Kanzlerin Merkel: Die Pandemie ist eine Naturkatastrophe

Kanzlerin Merkel: Die Pandemie ist eine Naturkatastrophe

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Michael Kappeler / dpa

Wir dümpeln. Wir dämmern. Die jüngst verschärften Maßnahmen gegen Corona hinterlassen das Gefühl, dass sich allzu viel nicht ändert. Ein bisschen weniger Schule und Kita, ein bisschen mehr Homeoffice. Weiter-so statt Zäsur. 

Doch wir müssen etwas ändern. Solange wir es noch ändern können.

Der Virologe Christian Drosten sagt im SPIEGEL-Interview, er habe schlimme Befürchtungen für Frühjahr und Sommer, wenn die Infektionszahlen jetzt nicht deutlicher gesenkt werden. Vielleicht dürften wir sogar erst irgendwann im Herbst auf Auswirkungen der Impfungen hoffen.

Irgendwann im Herbst? Wollen wir uns das wirklich antun? Die Virologin Melanie Brinkmann hat der Politik zu Wochenbeginn eine simple, altbekannte Strategie vorgelegt, sie heißt: no Covid. Nicht mit dem Virus leben lernen, sondern es hart bekämpfen. Die Infektionszahl 0 ist dabei nicht absolut gesetzt, sondern als Zielwert zu verstehen. 

Vorbild? Deutschland!

Es muss dafür übrigens niemand für Vorbilder nach Australien, Neuseeland oder Taiwan schauen, sondern einfach: nach Deutschland. Dieses Land war im Frühjahr 2020 ein weltweites Positivbeispiel im Kampf gegen Corona. Innerhalb von wenigen Shutdown-Wochen hatten wir die Pandemie im Griff, im Sommer lag der Inzidenzwert nicht bei 0, aber bei unter 3. Das ist leider lange her. Gegenwärtig liegen wir bei 115.

Wir müssen uns also nur ein Beispiel an uns selbst nehmen. Wir können die Pandemie zurückdrängen, Deutschland hat das bereits einmal geschafft. Warum begnügen wir uns mit dem gegenwärtigen Dämmerzustand? Ein bisschen Virusbekämpfung, das bringt nichts. 

Die Pandemie sei eine Naturkatastrophe, hat die Kanzlerin gerade gestern wieder gesagt. Stimmt. Aber der Umgang mit dieser Katastrophe ist menschengemacht – und darauf kommt es doch an. Politik und Bevölkerung haben nach dem Erfolg im Frühjahr drei schwere Fehler begangen, aktuell begehen wir den vierten.

Erstens haben wir alle zusammen unseren Vorsprung im Spätsommer verspielt, durch tausend kleine Nachlässigkeiten, durch Partys, Reisen, Familientreffen. Zweitens haben EU und Bundesregierung ebenfalls in dieser Phase viel zu wenig Impfstoff bestellt und damit den Ausbau von Produktionskapazitäten nicht ausreichend befördert. Drittens haben Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen von Oktober an einen härteren Shutdown so lange blockiert, bis es zu spät war. Diese drei Fehler haben den Sturm entfacht, in dem wir jetzt stehen.

Und jetzt auch noch der vierte Fehler: Wissend, dass sich die britische Mutation ausbreitet, bekämpfen wir sie nicht entschieden genug.

Dass Kanzlerin und Regierungschefs am Dienstag gut zehn Stunden um die richtigen Lösungen gerungen haben, das mag man als Ausweis wohlabgewogener Politik betrachten. Das war es aber nicht. Es war ein unpassendes Signal. 

Wo die Menschen hätten spüren müssen: Da beginnt etwas Neues, es geht jetzt in die entscheidende Phase – da kam nur: Wir machen es wie immer, wir schaffen zig Ausnahmeregeln, ja, einige stellen sogar die beratenden Wissenschaftler infrage. Die Überbringer der Botschaft wurden für die Botschaft verantwortlich gemacht. 

Nur noch mal: Wir können doch so nicht weitermachen. Nicht bis in den Herbst hinein, nicht mal über den Sommer, ja, am besten doch auch nicht mehr bis ins Frühjahr.

  • Millionen Familien sind am Ende ihrer Kräfte, Alleinerziehende längst darüber hinaus, die Kinder gefangen in einer surrealen Zwischenwelt.

  • Kleineren Unternehmen und sogenannten Soloselbstständigen geht die Puste aus.

  • Im Kulturbetrieb geht Woche für Woche so viel kaputt, das bekommen wir nie wieder zurück.

  • Ältere warten und warten und warten auf ihren Impftermin.

Die Menschen wollen ihr Leben zurück. Ganz einfach. Wenn wir auf die 0 zielen, dann endet der Dämmerzustand schneller und kommt das Leben schneller zurück. Lieber vier harte Wochen mit Öffnungsperspektive als vier weitere Dämmermonate ohne Ziel. 

Angela Merkel hat gesagt, man müsse die »Ausbreitung verlangsamen, um in eine bessere Jahreszeit zu kommen und mit dem Impfen weiter voranzukommen. Ob das gelingt, wird man sehen.« 

Entschuldigung, das reicht nicht.

Nicht als Strategie und auch nicht als Erzählung für eine solidarische Anstrengung. Wir haben hier im letzten Jahr alle gespöttelt über den martialisch formulierenden französischen Präsidenten. Erinnern Sie sich noch? »Wir sind im Krieg, wir kämpfen nicht gegen eine Armee, nicht gegen eine andere Nation, aber wir sind im Krieg«, hatte Emmanuel Macron im März gesagt. 

Ja, schon sehr martialisch. Aber andersherum: 50.000 Menschen sind hierzulande gestorben, jede Woche sterben etwa 7000 weitere. 

Ist das nicht martialisch?

Wir werden diesen Krieg nicht beenden, wenn wir ihn leugnen oder immer weiter in die Länge ziehen. Sondern nur, wenn wir einer Strategie folgen, mit der dieser Kampf zu gewinnen ist. Und zwar schnell. Machen wir uns einen schönen Sommer.