Jonas Schaible

Corona und Gesellschaft Die zersplitterte Normalität

Jonas Schaible
Ein Essay von Jonas Schaible
Ein Essay von Jonas Schaible
Die Coronakrise bedeutet Unfreiheit und Einschränkung. Aber plötzlich ist auch sehr viel möglich - weil die Selbstverständlichkeiten der alten Normalität in Trümmern liegen.

Vor einigen Tagen, vielleicht aber auch erst gestern, sagte eine Ferngesprächspartnerin im Videochat beim Abendessen, sie wisse nicht mehr, welcher Tag sei, sie habe das Gefühl für Zeit verloren.

Kein Wunder, wo man gerade doch sich selbst und der Gesellschaft in Echtzeit beim Denken zusehen kann. Was vorgestern noch vernünftig schien, war gestern leichtsinnig, ist heute kompletter Wahnsinn, und war es vielleicht gestern auch schon.

Die Erkenntnis überholt sich selber, nur überholt sich auch die Wirklichkeit immerzu selbst, und weil die Wirklichkeit Vorsprung hat, wächst der Abstand von Erkenntnis zur Wirklichkeit weiter, exponentielles Wachstums, man hat es doch eben erst gelernt.

Quarantäne, Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Restaurants, der Verlust des Zeitgefühls, der Kollaps von Gesundheitssystemen, eine drohende globale Wirtschaftskrise, schlimmstenfalls viele Millionen Tote. Das also sind Andeutungen einer neuen Wirklichkeit, die in Gänze noch für niemanden zu ermessen ist.

Der Satz, es werde nichts mehr so sein, wie es war, wird oft und leicht dahingesagt, nach Terroranschlägen zum Beispiel. Fast immer ist er falsch. Diesmal könnte er stimmen. Und es lohnt sich, sich mit diesem Gedanken vertraut zu machen.

Wir gehen ins Offene, das muss man erst einmal verarbeiten.

Es ist wahrscheinlich völlig in Ordnung, von dieser neuen Wirklichkeit emotional oder gedanklich überfordert zu sein, von ihrem Tempo, ihrer gefühlten Unwirklichkeit, auch den Entbehrungen, die sie ganz sicher kennzeichnen. Von all dem, was nicht oder nicht mehr möglich ist.

Glücklicherweise ist eine neue Wirklichkeit noch längst keine neue Normalität.

Es wird mit Sicherheit eine Normalität nach Corona geben. Nur jetzt gibt es keine. Wir erleben eine Zeit zwischen den Zeiten, eine Phase ohne Norm.

Denn, das lässt sich jetzt schon sagen, wo sich noch so wenig sonst sagen lässt, die alte Normalität ist zersprungen, mit hoher Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich.

Vielleicht kann man, solange man von der neuen Wirklichkeit noch überfordert ist, mit den Splittern der alten Normalität etwas anfangen, indem man gerade nicht auf all das schaut, was nicht mehr möglich ist, sondern auf das, was mit einem Mal möglich geworden ist.

Bisher war der Spielraum für Politik und damit die Gesellschaft in vielen Fragen überschaubar. Systeme hatten ihre eigenen Logiken ausgebildet, Ketten zogen sich um die Welt und mussten bewahrt werden, Theorien waren befestigt worden, Wahrheiten hatten es sich in den Köpfen der Leute bequem gemacht.

Jetzt drängen sich freie Gesellschaften selbst in Notstandregime, nicht aus Lust an der Unfreiheit, sondern weil eine große Zahl von Menschen fürchtet, dass es ansonsten ein übles Ende mit allen nimmt. Wie unerhört.

Jetzt, auch das ist unerhört, entscheidet sich die Welt aus Vernunftgründen für eine globale Wirtschaftskrise womöglich historischen Ausmaßes - die andererseits auch drohte, ließe man das Virus sich unkontrolliert verbreiten.

Es ist eine Illusion, zu glauben, Wirtschaft, Kultur und Freizeit könnten normal weitergehen, während Millionen vor sich hin röcheln, leiden, in Massen sterben.

Unter diesen Umständen ist sehr viel möglich. Im Guten wie im Schlechten.

Möglich ist auf einmal, dass demokratische Gesellschaften aus freien Stücken den Notstand in Kauf nehmen, der immer etwas Autoritäres hat, und hoffen, ihn später ungehindert wieder zurücknehmen zu können. Wenn man die berühmte Formel von Carl Schmitt aufnimmt, wonach souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet, dann entscheidet in Deutschland gerade eine Mischung aus kritischer Öffentlichkeit, Bundesregierung und Landesregierungen über ihn.

Für eine Demokratie ist das eine verblüffende wie erfreuliche Diagnose. Notstand von unten, könnte man auch sagen. Das wäre ein Notstand, der unter Kontrolle ist. Was nicht heißt, dass er nicht außer Kontrolle geraten kann. 

Möglich scheint gerade auch, dass Regierungen wie die in Ungarn, Polen, den USA, Israel oder Indien, die mit der liberalen Demokratie Schwierigkeiten haben, die Notstandsmaßnahmen nutzen, um mit der Demokratie aufzuräumen. 

Möglich ist auf einmal, dass Staaten verbieten, Mietern zu kündigen, und dass sie Unternehmen versprechen, sie würden nicht pleitegehen. Möglich ist es, Billionen an Euro bereitzustellen, um für Kredite zu bürgen. Möglich ist es, Geld direkt auszuzahlen, sogar Mitt Romney und andere US-Republikaner fordern das. Möglich ist es, Schulden zu machen. Möglich ist es, Unternehmen zu verstaatlichen.

Möglich ist es, bestimmte Berufe für systemrelevant zu erklären, auch wenn die sonst oft schlecht bezahlt sind und wenig gelten.

Möglich ist, in einem Satz, als Gesellschaft aktiv zu entscheiden, was gut, richtig, notwendig ist, und dafür zu sorgen, dass dieses Gute, Richtige und Notwendige auch gefördert wird: eine öffentliche Infrastruktur, Läden, Gesundheitsversorgung. Möglich ist eine aktive Umverteilung.

Möglich ist es, Krankenhäuser in wenigen Tagen oder Wochen zu bauen, nicht nur in China. 

Möglich ist es, die Renationalisierung von Produktion, etwa von Medikamenten, zu fordern und die Überwachung von Menschen mit Handydaten.

Möglich ist es für Facebook, Falschinformationen schnell und radikal zu bekämpfen.

Möglich ist es, Grenzen abzuriegeln, überall, einfach so, und nebenbei an der griechisch-türkischen Grenze Flüchtlinge einfach so abzuweisen. Ohne Verfahren. Mit Gewalt.

Möglich ist, dass China erst Hilfsgüter empfängt, dann Hilfsgüter verschickt, das gekonnt inszeniert und einen Anwärter auf eine EU-Mitgliedschaft, Serbien, damit zu einer öffentlichen Loyalitätserklärung bringt. Möglich ist es damit, dass die EU-Erwartungsgemeinschaft zerfällt, damit eventuell auch der Balkan. Und dass China dieser Welt immer mehr zum Vorbild wird.

Möglich ist es für Millionen, auf Dienstreisen, Urlaubsreisen, Gelegenheitsreisen zu verzichten. Selbst für diejenigen, die ihre Meetings für unverzichtbar hielten, und für diejenigen Milieus, in denen es zur Identitätskonstruktion gehört, sprechfähig zu sein, wenn es um New York, Tel Aviv und London geht.

Möglich sind diese Maßnahmen ziemlich unabhängig davon, welche Partei regiert, weil Parteiideologie kaum einen Ansatzpunkt mehr findet. 

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat in seinem aktuellen Buch "Das Ende der Illusionen" eines der wichtigsten wissenschaftstheoretischen Konzepte des vergangenen Jahrhunderts auf die Politik übertragen: Thomas Kuhns Idee eines "Paradigmenwechsels". Damit hat er ein Instrument geliefert, um diese merkwürdige Phase zu verstehen.

Kuhns Theorie besagt, dass sich in der Wissenschaft nicht unablässig Erkenntnis auf Erkenntnis türmt, sondern dass es auf einem bestimmten Gebiet zu bestimmten Zeiten bestimmte Kernvorstellungen gibt, auf denen und um die herum Wissenschaftler forschen, weil sie sie als unhinterfragbar akzeptieren. Man könnte sagen: als Normalität.

Irgendwann kommt es zur Krise, ein neues Paradigma, das der Wirklichkeit besser gewachsen ist, löst das alte samt und sonders ab.

So, sagt Reckwitz, müsse man sich auch Politik vorstellen. Selbst ideologische Gegner, Linke wie Rechte, teilen zu bestimmten Zeiten bestimmte Grundannahmen. Covid-19 bedeutet in diesem Sinn einen umfassenden Paradigmenwechsel, weil so viele Selbstverständlichkeiten gerade fallen. Nur, dass nicht ein Paradigma ein anderes ablöst, also eine Normalität eine andere. Sondern, dass eine wegbricht und eine neue sich erst noch bilden muss.

Es wäre daher irreführend, zu glauben, was jetzt möglich ist, ließe sich eins zu eins in eine Nachkrisennormalität überführen.

Alle Maßnahmen, die jetzt getroffen werden, in dieser Phase zwischen den Paradigmen, dieser Zeit zwischen den Normalitäten, sind erst einmal nur für diese neue Wirklichkeit geschaffen. Niemand kann sagen, ob sie in einer neuen Normalität auf Dauer funktionieren. Was freilich umgekehrt auch heißt, dass sie funktionieren können, selbst wenn sie in der Vorkrisennormalität als dysfunktional galten.

Natürlich könnte die neue Normalität sehr ähnlich aussehen wie die alte. Doch alles, was jetzt erprobt wird, im Guten wie im Schlechten, aus Notwendigkeit oder Kreativität, könnte Teil der künftigen Normalität werden. Jedes Netzwerk, jede Idee, jede Verteilung könnte Bestand haben. 

Künftig kann keiner mehr behaupten, dass nicht mehr geht, was bisher nicht ging, weil es bisher nicht ging. Die Paradigmen sind gefallen.

Die neue Normalität, die aus dieser Zeit der Beschränkungen entstehen wird, lässt sich auf viel mehr Arten zusammensetzen, als bisher denkbar war. Während die Möglichkeiten im Moment abnehmen, wächst der Möglichkeitsraum für die neue Normalität.

Auch das muss man erst einmal verarbeiten. Aber bis dahin ist auch noch etwas Zeit.