Rückblick auf die Pandemie Virologe Streeck vergleicht Corona-Ungeimpfte mit Juden
Wörter statt Viren: Virologe Hendrik Streeck bei der Frankfurter Buchmesse
Foto: Jürgen Kessler / Kessler-Sportfotografie / IMAGOLaut Hendrik Streeck hat die Coronapandemie einen tiefen Riss in der deutschen Gesellschaft verursacht. Das habe vor allem am öffentlichen Umgang mit Ungeimpften während der Pandemie gelegen, sagte der Bonner Virologe in einem Interview mit dem »Focus«. Politik und Gesellschaft hätten dabei aus der Geschichte nicht gelernt.
»Da ist man mit einem Anteil der Bevölkerung, rund 20 Prozent, nicht gut umgegangen. Es wurden Schuldige gesucht, wie es bei der Pest mit den Juden gemacht wurde und bei HIV mit den Homosexuellen«, sagt Streeck. »Der wahre Feind ist doch das Virus, nicht der Mensch.«
Wer nicht geimpft war, durfte während der Coronapandemie zwischenzeitlich nicht in Restaurants, Kinos und andere öffentliche Einrichtungen. Auch für private Treffen gab es während der Lockdowns Einschränkungen.
Juden wurden während der Pest ermordet
Im Zuge der Pest wurden Juden dagegen verfolgt: Der »Jüdischen Allgemeine« zufolge wurden zwischen 1348 und 1351 etwa in Straßburg Hunderte Juden ermordet, weil ihnen die Schuld an der Seuche zugeschrieben wurde. Auch andernorts gab es Pogrome.
Als die sogenannte Aids-Angst in den Achtzigerjahren aufkam, erlebten vor allem Homosexuelle Ausgrenzung und Diskriminierung.
Virologe Streeck sagt in dem »Focus«-Interview, auch während der Coronapandemie seien ungeimpfte Menschen »ausgegrenzt, diffamiert und diskreditiert« worden. Gesellschaft, Medien und insbesondere Politik sollten daraus Lehren ziehen. So fordert Streeck, dass das Robert Koch-Institut künftig unabhängiger von der Politik arbeiten solle. Zudem müsse es einen interdisziplinären Rat aus Wissenschaftlern geben, der die Entscheidungen aus der Pandemie aufarbeitet.
Streeck will für die CDU in den Bundestag
Hendrik Streeck galt in der Pandemie neben Christian Drosten als eine der prominentesten Expertenstimmen. Während Drosten zumeist auf Vorsicht drängte und die Entscheidungen der Bundesregierung verteidigte, kritisierte Streeck einige Coronamaßnahmen. Inzwischen ist Streeck selbst politisch aktiv: Bei der kommenden Bundestagswahl kandidiert er für die Bonner CDU.