Nikolaus Blome

Corona-Pandemie Wann ist Welle?

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Immer heftiger wird vor der "zweiten Welle" gewarnt. Aber was das genau ist, weiß keiner. Das schürt altes und neues Misstrauen.
Großdemonstration gegen Corona-Auflagen in Berlin, 1. August 2020

Großdemonstration gegen Corona-Auflagen in Berlin, 1. August 2020

Foto: Stefan Zeitz/ imago images

Zugegeben, im Moment bin ich mir etwas unsicher, was mich mehr besorgt: eine "zweite Welle" der Corona-Ansteckungen? Drastische, neue Einschränkungen, um sie in den Griff zu kriegen? Oder zuvorderst doch der Umstand, dass es keine wissenschaftliche oder politische Definition dafür gibt, was das ist - die "zweite Welle".

Das ist nicht irgendeine Wortklauberei am Narrensaum des Sommerlochs. Wenn der zentrale Referenzpunkt einer Analyse undefiniert ist, verbieten sich große (politische) Schlussfolgerungen: Wer nicht weiß, wo er ist, kann nicht wissen, wie er an sein Ziel kommt. Die Coronakrise mag anfangs eine Ausnahme gewesen sein, weil Wucht und Komplexität so überraschend waren. Die Verantwortlichen mussten ganz viel lernen, obwohl sie zugleich ganz schnell handeln mussten. Bei einer "zweiten Welle" jedoch, das sagt allein der Name, wird es eine ähnliche Entschuldigung für die verwirrenden Wechsel der Maßstäbe und Warngrößen nicht geben.

Damals im März war der Maßstab zunächst die Zahl der Infizierten, bald abgelöst durch die "Verdoppelungszeit", jene Frist von Tagen also, innerhalb derer sich die Zahl der Infizierten verdoppelte. Auch ich habe verfolgt, wann die Zehn überschritten sein würde, das nämlich hatte die Kanzlerin am 30. März als Schwelle für eine erste Entspannung der Einschränkungen genannt. Dann kam der R-Faktor (der Ansteckung wie vieler Personen durch einen Infizierten), und ich meine mich an eine Presskonferenz wiederum mit Angela Merkel zu erinnern, bei der sie ausführlich über die Bedeutung der Zehntelstelle hinter dem Komma eines R-Faktors von "1" referierte. Wenig später war davon kaum noch die Rede. Am Ende legten Bund und Länder 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen als Schwelle für neue, regional begrenzte Einschränkungen fest. Das hat mir eingeleuchtet, aber machen wir uns nichts vor: Das Hin und Her hat unnötig Misstrauen und Ängste geschürt. Es sollte sich also nicht wiederholen, das würde gefährlich. Tut es aber gerade.

Wer wie ich bei "Dauerwelle" schmunzeln muss, dem macht es die Politik nicht leichter, ernst zu bleiben. Für Sachsens Ministerpräsident Kret­sch­mer ist die zweite Welle längst da. Der allgegenwärtige wiewohl nicht allwissende SPD-Ge­sund­heits­ex­per­te Lau­ter­bach meint, dass die zweite Welle jetzt da ist. CSU-Chef Söder sagte der "BamS", sie ist "praktisch schon da", Kanzleramtschef Braun, dass sie bald da sein könnte. Und Thüringens Ministerpräsident Ramelow hingegen will die zweite Welle "nicht herbeireden", was ja wohl heißt, dass sie noch lange nicht da ist.

Auch fehlt der einheitliche Maßstab für das Sozialverhalten bestimmter Gruppen, was zum handfesten Problem werden könnte, wenn die Infektionszahlen weiter steigen und die Suche nach Schuldigen Fahrt aufnimmt. Immerhin: Weil die allermeisten eh' abschätzig darauf hinunterblicken, ist man sich einig, dass promiskuitives Sangria-Saufen als "Superspreader-Event" verboten gehört. Schon schwieriger wurde es bei der Clan-Beerdigung in Essen mit 750 Teilnehmern, versammelt um ein einziges Grab. Diese Feier als "Corona-asozial" zu ächten, läge auf einem sehr schmalen Grat zwischen Gesundheitsvorsorge, Pietätlosigkeit und möglichem Ressentiment gegen Großfamilien mit Migrationshintergrund. Die Essener Behörden schritten nicht ein.

Bei politischen Demos ist es noch komplizierter: Dicht gedrängte Massen "Gegen rechts" oder "Gegen Rassismus" werden gerade im linken Lager bereitwillig akzeptiert. Ganz anders die bizarre Corona-Demo in Berlin am Wochenende - da wurde bis hinauf zur SPD-Vorsitzenden härteste Kritik geübt. Zu Recht, wie ich finde, wenn es um die vielen abseitigen Parolen geht. Doch von bigotter Doppelmoral ist es, bei zu eng demonstrierenden Regierungsgegnern von einer "Gefährdung" der Gesundheit aller zu schimpfen, bei zu eng demonstrierenden "Rechts"-Gegnern aber nicht. Als Superspreader taugen beide Gruppen leider gleichermaßen, in dieser Hinsicht zählt akkurater Mundschutz mehr als politische Motive. Auch ist mir nicht zu Ohren gekommen, dass Rheinland-Pfalz' Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) der Berliner Polizei am Wochenende "Deeskalation" angeraten hat wie nach den Krawallen von Stuttgart und Frankfurt. Dort handelte es sich, so die nachsichtigen Worte Dreyers, vorwiegend um Menschen, "die unzufrieden sind, weil sie wegen Corona nicht feiern können." Das könnte man von den Berliner Demonstranten auch sagen.

Noch einmal: Ich fand die Corona-Einschränkungen trotz ihrer vielfältigen Kosten richtig. Better safe than sorry war definitiv angezeigt, als die Kontrolle über das Virus verloren zu gehen drohte. Aber der pragmatische Konservative weiß auch: Es gibt nichts, was man nicht besser machen kann, und manches, was man besser nicht zweimal macht. Staatliche Eingriffe in Wirtschaft, Privatleben und Gesellschaft werden kaum noch einmal so tief reichen können wie erlebt. Und schon gar nicht lassen sie sich mit diffusen Warnungen vor der "zweiten Welle" vorbereiten. Man möchte dieses Mal vorher wissen: Was konkret beschreibt der Begriff? Ab welcher Zahl (in welchem Zeitraum) von regionalen Ausbrüchen oder bundesweit Infizierten wollen wir amtlich von einer "zweiten Welle" reden, die einen beschlossenen Rahmen des Tolerierbaren sprengt und neue, drastische Eingriffe gebietet? Bevor das nicht geklärt ist, werden die Warnungen zwar immer lauter werden. Aber verhallen.

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