Nikolaus Blome

Corona Wir wollen nur unser Leben zurück

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Bürgerinnen und Bürger sehnen sich nach Verlässlichkeit und Sicherheit. Das ist normal. Trotzdem tut sich die Politik immer schwerer damit.
Straßenszene am Brandenburger Tor in Berlin

Straßenszene am Brandenburger Tor in Berlin

Foto: golero / E+ / Getty Images

Als inmitten der großen Finanzkrise 2008/2009 keiner so richtig wusste, wie es weitergeht, prägte Tim Geithner, US-Finanzminister, folgenden Satz: »plan beats no plan«. Ein Plan ist besser als kein Plan. Er meinte: irgendein Plan.

Ich denke, das stimmt. Verlässlichkeit und Sicherheit sind der Goldstandard einer jeden Krise, und da nimmt es der Bürger zur Not auch in kleiner Münze, also: irgendeinen Plan statt keinen Plan und gefühlte Sicherheit statt garantierter Sicherheit. Man könnte auch sagen, ganz ohne Spott: Die meisten Deutschen sind viel konservativer, als die Wahlergebnisse es nahelegen. In den großen Krisen machen sie es ihren Regierenden wirklich nicht schwer.

Trotzdem beginnen eben diese Regierenden seit einigen Tagen die Contenance zu verlieren, was zumeist ja nur ein erstes Zeichen ist, wie der stilbewusste Konservative weiß: Erst gehen die Formen verloren, dann die Nerven oder die Vernunft, und dann die Kontrolle über das Handeln.

Das zeigt sich zum Beispiel an der Bundeskanzlerin, der bei einer Rede im Deutschen Bundestag die Stimme wegkippte. Das habe ich in 15 Jahren nicht erlebt und war froh darum, weil ich ihre kühle Nüchternheit wirklich schätze. Das zeigt sich des Weiteren am Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, der über Wochen dem pandemischen Treiben der Hauptstadt eher gelassen beiwohnte, nun aber hoch polemisch ein »Dinner bei Kerzenschein« gegen Corona-Tote aufrechnet und dabei Tränen der Selbstrührung in den Augen hat. Oder an Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der härtere Beschlüsse in der Runde mit Frau Merkel vielfach bremste, nun aber von »autoritären« Maßnahmen redet, die wegen des (vermeintlichen) Schlendrians der Bürger über dieselben kommen sollen wie das Jüngste Gericht.

Selbst Markus Söder, den ich ob der Klarheit seiner Sprache für den bislang besten Corona-Kommunikator halte, geht aus dem Leim. Am Sonntag verwarf er alles, was er in den vergangenen acht Wochen selbst (mit-)beschlossen hat, »als halbe Sachen«. Der bayerische Ministerpräsident mochte gar nicht mehr aufhören zu reden und wurde immer martialischer in seinen Bergamo!-Bildern. Dabei wäre er der Erste, der den Satz unterschriebe: Der starke Staat ist nichts für schwache Nerven.

Angela Merkel, Markus Söder, Olaf Scholz und Michael Müller vor der Pressekonferenz zum Dezember-Shutdown

Angela Merkel, Markus Söder, Olaf Scholz und Michael Müller vor der Pressekonferenz zum Dezember-Shutdown

Foto: Bernd von Jutrczenka / AP

Wie mir scheint, tut sich die Politik mit zweierlei in wachsendem Maße schwer.

  • Zum einen ist das ein funktionierendes Widerspruchsmanagement. Wenn das Einkaufen in den Innenstädten zur »patriotischen« Pflicht erklärt wird, keine 14 Tage später aber die Läden zusperren müssen, weil von den Personenbewegungen beim Shoppen doch eine Gefahr ausgehe – dann braucht es eine Erklärung jenseits von: ging nicht anders, muss jetzt sein.

Man kann dabei so verfahren wie Markus Söder, der die weicheren Beschlüsse der jüngeren Vergangenheit am Sonntag kurzerhand verspottete, weil härtere jetzt möglich sind. Oder man macht es wie Berlins Regierende Bürgermeister Michael Müller, der Kontinuität und Widerspruchsfreiheit der Beschlüsse trotz aller gegenteiliger Evidenz einfach immer neu behauptet. Beide Wege führen das Publikum in die Irre, da ist mir der Satz von Jens Spahn aus dem Frühjahr lieber: »Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.« Die Politiker, Jens Spahn inklusive, sollten indes nicht so tun, als ginge es darum, dass die Politiker den Bürgern etwas verzeihen müssten. Auch in Corona-Zeiten tun die Menschen alles, was nicht verboten ist, wenn es vorher heißt, dass ja eh nur erlaubt ist, was keinen Schaden anrichtet.

  • Zum Zweiten geht es um die Paradedisziplin der Kanzlerin, das »Erwartungsmanagement«. Die Bürger wünschen sich verständlicherweise Sicherheit und Planbarkeit über eine möglichst lange Zeit. Aber sie wünschen sich ebenso dringend, dass die Beschlüsse, vor allem, wenn es sich um Einschränkungen handelt, in kurzen Intervallen überprüft werden. Das ist unbestreitbar ein Dilemma, aber gewiss kein neues. Trotzdem kam der harte Lockdown am Sonntag dann doch überraschend. Das suggeriert vielleicht Tatkraft, aber eben auch Getriebensein. Denn man möge sich erinnern: Weihnachten im größeren Kreis der Familie wurde vor acht Wochen als gesamtgesellschaftliche Belohnung für den verlängerten November-Lockdown ausgelobt. Diese Erwartungen werden jetzt ebenso kurzerhand kassiert wie die Zusagen, Ladenschließungen auf breiter Front werde es nach den Erfahrungen des Frühjahrs kein zweites Mal geben. Auch darauf dürfte sich der eine oder andere verlassen haben. Pustekuchen.

Was sein muss, muss sein – dass die Mehrheit der Deutschen weiterhin so denkt, darauf können die Regierungen vermutlich zählen. Aber darunter liegt die eine große Erwartung, die dringend zu bewirtschaften wäre: Am Ende wollen die Leute ihr Leben zurück. Back to normal, stupid, das ist das Ziel. So gesehen macht es Boris Johnson richtig, beim Impfen, dem einzig möglichen Happy End einer Geschichte, die er von vorne bis hinten eigentlich versemmelt hat, auf maximale Geschwindigkeit zu setzen.

Und so gesehen täte die Bundesregierung gut daran, mehr deutsche Unterhaltungsmusik zu hören. »Können wir vorspulen? Und so tun als wär' alles wieder gut?« So zitierte die Nachrichtenagentur dpa unlängst aus einem neuen Lied der Sängerin Sarah Connor. Über die Schlichtheit dieser Zeilen kann man schmunzeln. Aber man sollte es nicht, wenn einigen Dutzend Millionen Menschen im Land kurz vor Weihnachten genau das im Kopf herumgeht.

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