Coronakrise Kontaktbeschränkungen in Deutschland werden über Ostern verlängert

Auch über die Ostertage hinaus sollen Kontakte zu anderen Menschen außerhalb der Angehörigen auf ein absolutes Minimum reduziert bleiben. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt.
Geschlossene Strandbar am Elbstrand bei Övelgönne

Geschlossene Strandbar am Elbstrand bei Övelgönne

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa; Graffito: Solaris100

Bund und Länder verlängern die bestehenden scharfen Kontaktbeschränkungen wegen der Coronakrise mindestens bis zum Ende der Osterferien. Die Bürger "bleiben angehalten, auch während der Osterfeiertage Kontakte zu anderen Menschen außerhalb der Angehörigen des eigenen Hausstandes gemäß den geltenden Regeln auf ein absolutes Minimum zu reduzieren", heißt es in einem Beschluss, auf den sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer in einer Telefonkonferenz geeinigt hat.

Die Bürger werden demnach aufgefordert, "generell auf private Reisen und Besuche auch von Verwandten zu verzichten". Dies gelte auch im Inland und für überregionale tagestouristische Ausflüge, heißt es in dem Papier weiter. Die entsprechenden Regelungen sollen nach diesen Informationen zunächst bis zum 19. April gelten. In fast allen Bundesländern enden an diesem Tag die Osterferien der Schüler.

In einer Audio-Pressekonferenz bestätigte Merkel den Beschluss. Bei der Beratung über die Lage werde man sich am 14. April an der pandemischen Bewertung des Robert Koch-Instituts orientieren. 

DER SPIEGEL

Merkel dankte den Bürgern, von denen sich eine Vielzahl an die bestehenden Kontaktbeschränkungen halte. Das sei auch weiterhin nötig. "Es ist bei Weitem zu früh darüber nachzudenken, die Kontaktbeschränkungen zu lockern", sagte die Kanzlerin.

Corona-Verordnungen in den Ländern

Auch hier gilt das strenge Kontaktverbot, auf das sich Bund und Länder am Sonntag geeinigt haben: Treffen von mehr als zwei Personen im Freien sind demnach verboten. In der Öffentlichkeit muss der entsprechenden Landesverordnung zufolge zudem ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden . Beim Spazierengehen, auf dem Wochenmarkt, aber auch in beengten Räumen wie der Straßenbahn. "Die Corona-Partys sind verschwunden", sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Er sei darüber sehr froh und kündigte an, die Einhaltung der Regeln zu kontrollieren. Die Polizei werde andernfalls hart durchgreifen.

Die Wohnung solle nur für unbedingt notwenige Tätigkeiten verlassen werden, um zur Arbeit zu gehen, um Lebensmittel einzukaufen, aber auch für Sport und Bewegung an der frischen Luft, sagte Kretschmann. Auf Kommunal- oder Kreisebene wie in der nahe zum französischen Risikogebiet gelegenen Stadt Freiburg gelten neben dem Kontaktverbot zudem teils explizite Betretungsverbote für öffentliche Orte, die nur unter bestimmten Bedingungen Ausnahmen zulassen . Berufspendler nach Frankreich oder in die Schweiz dürfen die Grenzen nur noch mit einer Bescheinigung überqueren .

Die Landesregierung hat zudem den Betrieb zahlreicher Geschäfte verboten. Geschlossen werden müssen den Auslegungshinweisen des Wirtschaftsministeriums  zufolge etwa Hotels, Fotostudios, Friseure, aber auch Schreibwaren- und Spirituosenläden. Geöffnet bleiben dürfen dagegen Optiker, Fahrradwerkstätten und Reisebüros. Auch Musiklehrer oder Fitnesstrainer dürfen im Einzelunterricht weiter ihre Dienste anbieten.

Es habe zudem große Einigkeit bestanden, dass es keine Pflicht zum Tragen von Schutzmasken geben solle. Es sei deutlich gemacht worden, dass man sich an die bestehenden Auflagen halten müsse, selbst wenn man solche Masken trage.

Alle Länder haben ihre Einschränkungen im öffentlichen Leben ohnehin bereits bis zum Ende der Osterferien verlängert. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte nach der Telefonschalte, die Maßnahmen würden auch im Falle einer Verbesserung nach dem 19. April nicht komplett wegfallen können. Es sei nicht zu erwarten, dass ab dem 20. April, einem politisch festgelegten Termin, "alles wird wie vorher", sagte der CSU-Chef. Besondere Priorität habe jetzt der Schutz von Alten- und Pflegeheimen. Dazu sollten auch Testmöglichkeiten für die Beschäftigten dort ausgebaut und Ersatzkapazitäten etwa in Rehaeinrichtungen geschaffen werden.

"Das Coronavirus kennt keine Feiertage", sagte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) mit Blick auf Ostern. Zu den Ergebnissen der bisherigen Anstrengungen, die Ausbreitung der Infektionen zu bremsen, äußerte er sich sehr vorsichtig. "Wir können nicht sicher sein, dass wir dieses Ziel bisher überhaupt erreicht haben."

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Merkel sprach sich auch für den Einsatz sogenannter Tracking-Apps aus, wenn diese in Tests erfolgversprechende Ergebnisse liefern.

Die Kanzlerin würde eine solche App nach eigenen Angaben auch selbst nutzen. "Klar ist jetzt schon, dass wir das auf freiwilliger Basis machen würden", sagte Merkel. Wenn sich bei Tests dieser Apps herausstelle, dass sie die Nachverfolgung von Kontaktfällen besser überprüfbar machten, dann wäre sie "unbedingt" dafür, "das den Bürgern zu empfehlen und wäre dann natürlich auch bereit für mich selber das anzuwenden und damit vielleicht anderen Menschen zu helfen" (welche Hoffnungen dabei auf der datenschutzfreundlichen Technik "Pepp-PT" liegen, lesen Sie hier).

Die Grünen lobten die Verlängerung der Kontaktbeschränkungen als "absolut notwendig". "Das ist der richtige Weg", sagte Parteichefin Annalena Baerbock. Die Phase müsse jetzt aber genutzt werden, um mit Hochdruck für die Beschaffung von Beatmungsgeräten und Schutzkleidung zu sorgen. Baerbock forderte die Einsetzung einer "Task Force", um die Initiativen vieler Unternehmen, die ihre Produktion entsprechend umstellen wollten, zu bündeln.

Kanzlerin noch immer in häuslicher Quarantäne

Bund und Länder hatten am 22. März Ansammlungen von mehr als zwei Personen in der Öffentlichkeit in ganz Deutschland für zunächst zwei Wochen verboten - ausgenommen sind Angehörige, die im eigenen Haushalt leben. Restaurants mussten schließen, ausgenommen ist die Lieferung von Speisen für zu Hause. Auch Friseurläden wurden dichtgemacht. Wer sich nicht an die Regeln hält, dem drohen Strafen.

Die Kanzlerin leitete die Telefonkonferenz - wie am Vormittag die Kabinettssitzung - erneut von ihrer Berliner Wohnung aus. Sie hatte sich am 22. März in häusliche Quarantäne begeben, nachdem bei einem Mediziner, der sie vorbeugend geimpft hatte, das Coronavirus festgestellt worden war. Auch beim dritten Test der Kanzlerin war am Montag keine Infektion festgestellt worden.

jon/mes/vks/dpa/AFP