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Auswege aus dem Corona-Lockdown Wie kommen wir da wieder raus?

Der Ausnahmezustand mag ein paar Wochen lang auszuhalten sein, danach droht ein Zusammenbruch der bestehenden Ordnung. Experten entwickeln Szenarien, um das zu verhindern. Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelstory.
aus DER SPIEGEL 14/2020
Skyline von Frankfurt am Main: Reicht es, die verschärften Maßnahmen bis Ostern in Kraft zu lassen?

Skyline von Frankfurt am Main: Reicht es, die verschärften Maßnahmen bis Ostern in Kraft zu lassen?

Foto: MICHAEL PROBST / AP

Von Benjamin Bidder, Felix Bohr, Anna Clauß, Jürgen Dahlkamp, Ullrich Fichtner, Jan Friedmann, Annette Großbongardt, Martin Knobbe, Marcel Rosenbach, Michael Sauga, Cornelia Schmergal, Thomas Schulz, Gerald Traufetter und Steffen Winter

Die Welt fährt "auf Sicht", kein Land ist ausgespart, und es kommen noch härtere Tage. Die Menschheit ist, bei allen Differenzen und von wenigen Narren abgesehen, vereint in der Furcht vor einer Seuche, die schlimmstenfalls Verheerungen anrichten wird, wie man sie nur aus illustrierten Geschichtsbüchern kannte.

Jetzt türmen sich die Särge in Bergamo, Wuhan zählt seine Gräber, in Madrid, Paris, Teheran erschöpfen sich die Kapazitäten der Krankenhäuser, in New York stecken sich in rasendem Takt die Menschen an. In Indien appelliert die Regierung an ihr Milliardenvolk, eine 21-tägige Quarantäne einzuhalten, weil das Land sonst um 21 Jahre zurückfallen werde. In Afrika macht sich das Virus breit. In Amerika.

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist, und doch richten sich in Zeiten existenzieller Bedrohung alle Fragen jäh an sie. Werde ich mich anstecken? Wird meine Mutter überleben? Wie lange bleibt dieses Virus? Wie viele Tote wird es geben? Wie viel Schaden wird es anrichten? Und: Habe ich noch Arbeit morgen? Ist mein Betrieb in sechs Wochen noch da? Wie lange halten es die Kinder in der Wohnung noch aus? Wie lange dauern die Ausgangsbeschränkungen?

Es sind bedrückende Fragen, weil Antworten auf sie nicht zu haben sind. Und weil das Leben, das Planen, das Vorausschauen trotzdem irgendwie weitergehen müssen.

Wenn Gewissheiten enden und sich Wirklichkeit schlagartig umformt, wenn unsichtbare Gefahren grassieren, schlägt in aufgeklärten Gesellschaften die Stunde der Forscher und Gelehrten, der Virologen und Mathematiker, der Epidemiologen und Stochastiker. Ökonomen werden gehört, Psychologen, Soziologen, Therapeuten. Auch sie können nicht in die Zukunft schauen, aber sie kennen Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die auf Aspekte des aktuellen Durcheinanders vielleicht anwendbar sind oder die wenigstens helfen, das Dunkel aufzuhellen.

Regierungen in aller Welt stützen sich jetzt auf den Rat der Experten und lassen sich Modelle und Szenarien erklären, um ihren Entscheidungen eine rational begründbare Basis zu geben, trotz aller Unsicherheit. Die Entscheidungen zur Schließung von Grenzen, zum Hausarrest für ganze Bevölkerungen fallen im Angesicht exponentieller Kurven, die den Krisenkabinetten für den Fall des Nichtstuns unbegreifliche Zahlen an Todesfällen vorhersagten, bei gleichzeitigem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung.

Aber schon taucht die Frage auf: Wie lange halten wir das aus? Wie lange hält die Wirtschaft durch? Wie lösen wir den Konflikt zwischen Wohlstand und Gesundheit? Es ist eine ethische Unmöglichkeit, Wirtschaftswachstum gegen körperliche Unversehrtheit aufzurechnen. Unwirklich kann es einem aber auch vorkommen, wenn eine gesunde Wirtschaft ruiniert wird, um die Idealvorstellungen von Virologen und anderen Medizinern ins Werk zu setzen.

Schließlich stellt sich auch die Frage, wie lange Demokratien den Menschen die Freiheit derart beschneiden dürfen, wie es jetzt überall geschieht. Deutschland ist noch nicht im vollen Shutdown; Italiener, Spanier, Franzosen aber schon. Wie lange lassen sie sich den Ausgang verbieten?

In Deutschland sind seit Montag Beschränkungen der Grundrechte in Kraft, wie sie in Friedenszeiten bislang undenkbar waren. Vorerst befristet auf zwei Wochen legt die von Bund und Ländern verordnete Kontaktsperre das öffentliche Leben praktisch still. Die Republik läuft auf Reserve, gesteuert wird sehr vieles, die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Regierung, aus dem Homeoffice. Wie kommen derart schwerwiegende Beschlüsse zustande?

Die deutsche Kontaktsperre folgte auf Beratungen mit Virologen und Seuchenforschern. Nur mit sozialer Distanzierung lasse sich die Pandemie noch eindämmen, andernfalls drohe der Kollaps des Gesundheitssystems. Die Schreckensbilder aus Italien und Spanien vor Augen, hören jetzt alle auf die Wissenschaft, aber das klingt besser, als es ist. Forscher widersprechen sich auf der Suche nach Lösungen, sie bewerten Zahlen anders, sie interpretieren Kurven unterschiedlich. Wissenschaft handelt auch davon, dass der Mensch über viele Dinge wenig weiß.

Deshalb bewegt sich die Politik in Deutschland gerade zwischen zwei Polen. Am einen Pol versammeln sich die Prediger der Härte. Sie berufen sich auf die Zahlen, die das Robert Koch-Institut (RKI) und die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore täglich verkünden. Solange sich die Steigerung der Infizierten- und Opferzahlen nicht abschwächt, argumentieren sie, müssen rigorose Maßnahmen gelten; Ausgangsbeschränkungen, Laden- und Schulschließungen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder agiert am Pol der Harten, Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, auch Tobias Hans im Saarland. Sie preschen vor, Männer mit klarer Ansage und steigender Beliebtheit. Den anderen Pol bilden die Abwägenden.

Auch sie blicken auf die Zahlen und unterstützen harte Maßnahmen, aber sie kalkulieren weitere Faktoren mit ein: Wie wirkt eine lange Isolation auf die Menschen? Wie lange kann man Kontaktverbote durchhalten? Die Abwägenden sind dafür, nach Appellen oder Maßnahmen erst mal einige Tage abzuwarten, um zu sehen, ob sie wirken. Um erst dann über härtere Schritte nachzudenken. Zu den Abwägenden gehören die Kanzlerin und ihr Amtschef Helge Braun, zu den Abwägenden gehört auch Armin Laschet, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident. Sie konnten sich in den vergangenen Wochen nicht immer durchsetzen und gaben oft dem Druck der Harten nach.

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