Sebastian Fischer

Unzureichende Anti-Corona-Beschlüsse Genug improvisiert

Sebastian Fischer
Ein Kommentar von Sebastian Fischer
Ein Kommentar von Sebastian Fischer
Der Shutdown geht in die Verlängerung – und das ist auch richtig so. Doch die Maßnahmen sind nicht ausreichend. Vier konkrete Ideen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Erinnern Sie sich noch an Ihren Spruch vom Silvesterabend? Wie gut, dass dieses furchtbare 2020 jetzt vorbei ist, haben Sie vielleicht gesagt. Das neue Jahr könne nur besser werden. Haben Sie das so gesagt?

Dann haben Sie sich möglicherweise getäuscht. 

Der Optimismuseffekt des lang ersehnten Impfstarts wird konterkariert durch die Fehlkalkulation bei der Bestellung des Impfstoffs. In Israel werden 150.000 Menschen pro Tag geimpft, in Deutschland sind es bislang knapp über 300.000 – insgesamt. Jetzt wird nachverhandelt, die EU wünscht weitere 300 Millionen Biontech-Impfdosen und die Bundesregierung setzt auf eine neue Impfstofffabrik in Marburg. 

Wie konnten wir aus dem Sommer der Hoffnung in diesen Winter des Missvergnügens geraten? Warum ist nicht rechtzeitig genügend bestellt worden? Warum sind nicht im Sommer schon die Produktionskapazitäten für die Impfstoffe mit massiver staatlicher Förderung ausgebaut worden?

Bürgerinnen und Bürger waren zu lässig im Sommer, die Regierenden zu nachlässig. Die jetzige Misere ist hausgemacht. Um es mal mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn zu sagen: Wir müssen uns alle miteinander gerade eine ganze Menge verzeihen.

Und nun? 

Ministerpräsidentinnen, Ministerpräsidenten und die Kanzlerin haben heute den geltenden Shutdown bis Ende Januar verlängert, Präsenzunterricht in Schulen bleibt ausgesetzt und für Landkreise jenseits einer 200er-Inzidenz wird der Bewegungsradius auf 15 Kilometer um den Wohnort beschränkt.

Symbolische Maßnahme

Wetten, dass letztere Maßnahme der Aufreger dieser Zusammenkunft werden wird? Das wird heiß diskutiert, verlacht oder verteidigt werden. Wir werden uns über Radien streiten.

Das ist komplett sinnlos. Was für einzelne Höchstinzidenzlandkreise im Erzgebirge Sinn ergeben mag, ist deutschlandweit doch eher eine symbolische Maßnahme. Ein 15-Kilometer-Radius auf dem Land ist etwas anderes als einer in der Großstadt. 15 Kilometer im Landkreis Uckermark entsprechen wahrscheinlich 15 Metern in Berlin.

Geschenkt, der Spott wirkt fad. Dabei gibt es ein paar ganz konkrete Dinge, die wir alle miteinander tun sollten – aber eben leider noch immer nicht tun.

Deshalb muss alles, wirklich alles getan werden, um das Impfen zu beschleunigen.

Erstens: Weil wir anders als Taiwan, Südkorea, Japan oder Neuseeland diese Pandemie nicht durch solidarisches Handeln und den Einsatz moderner Technik unter Kontrolle bekommen und gehalten haben, ist der Impfstoff für Deutschland und Europa das einzig verbliebene, zentrale Instrument zur Corona-Bekämpfung. Umso schwerer wiegt das aktuelle Impfdesaster.

Deshalb muss alles, wirklich alles getan werden, um das Impfen zu beschleunigen. Koste es, was es wolle. Der Verlust an Menschenleben, Gesundheit, Lebensperspektiven, der volkswirtschaftliche Schaden weiterer Shutdowns – all das stellt die Impfkosten in den Schatten. 

Ob neue Produktionsstandorte, Lizenzen für andere Hersteller, beschleunigte Zulassungsverfahren, bessere Koordinierung der Verimpfung vor Ort: Alles, was nur irgend geht, muss gemacht werden. Ansätze dafür finden sich in dem Beschluss, am Mittwoch plant Angela Merkel zudem einen Impfgipfel.

Die mögliche Überbestellung oder Überproduktion könnte übrigens kostenfrei an ärmere Länder gehen, damit diese früher als geplant an Impfstoffe kommen. Jeder Tag zählt.

Denn es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen das mutierte britische Coronavirus. Das, was das norditalienische Bergamo im letzten Frühjahr war, sollte uns jetzt London in diesem Winter sein: ein Menetekel. Wir haben aus Bergamo gelernt, hoffentlich lernen wir aus London. Es ist ein gutes Zeichen, dass Bund und Länder dem in Deutschland dringend nötigen Ausbau der Genom-Sequenzierung einen ganzen Absatz in ihrem Beschluss gewidmet haben: Nur wer die Mutante findet, kann sie auch bekämpfen. 

Zweitens: Zu viele von uns arbeiten nicht im Homeoffice, obwohl sie das könnten. Jeden Morgen sind die Straßen voller Autos, Bus und Bahn sind gut gefüllt, in den Büros sitzen die Menschen teilweise ohne Masken beisammen. Die Arbeitsstätten sind wohl Treiber der Pandemie, im heutigen Beschluss findet sich dazu wieder nur eine magere Bitte: »Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werden dringend gebeten großzügige Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen.«

Drittens: Im elften Monat dieser Pandemie begnügen sich die meisten noch immer mit Stofflappen im Gesicht. Stattdessen sollte jede und jeder kostenfreien Zugang zu FFP2-Masken erhalten.

Viertens: Der gegenwärtige Shutdown wird auch Ende Januar kaum enden können. Ja, aus guten, rechtlichen Gründen kann eine solche Maßnahme nicht für unbestimmte Zeit angeordnet werden. Nichtsdestotrotz sollten die Inzidenzzahlen im Vordergrund stehen, nicht die Zeitvorgaben. Solange die Werte nicht auf um die 25 gedrückt werden können, ist eine konsequente Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter kaum möglich. Aber das ist gerade vor dem Hintergrund der Gefährdung durch das mutierte Virus besonders wichtig. 

Vier Punkte für den Kampf gegen Corona. Doch bislang setzt die viertgrößte Volkswirtschaft dieser Erde vornehmlich auf heimisches Improvisationstalent.

Wir improvisieren beim Impfen (Verwertung der Impfstoffreste in den Fläschchen), wir improvisieren bei der Schule (Bildungschancen abhängig von Engagement und Status des Elternhauses statt Digitalisierung für alle), wir improvisieren beim Testen (teils dubiose Privatanbieter statt staatlicher Teststrecken). Und so weiter.

Um es klar zu sagen: In Krisenzeiten muss improvisiert werden. Aber Improvisation ist kein Selbstzweck. Wenn andere Mittel zur Verfügung stehen, sollten wir diese strategisch nutzen und einsetzen.

Dann wird das Licht am Ende des Tunnels größer und größer werden. Ganz sicher.