Kleine Anfrage im Bundestag Bundesregierung hat bislang kaum Informationen über Long Covid

Wie viele Patienten in Deutschland leiden unter den Spät- und Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung? Wie werden sie versorgt? Die Bundesregierung hat darauf keine Antwort – und riskiert einen Versorgungsengpass.
Long-Covid-Erkrankter Pedro Sanchez-Vicente: Viele Betroffene leiden noch Wochen oder Monate unter Symptomen

Long-Covid-Erkrankter Pedro Sanchez-Vicente: Viele Betroffene leiden noch Wochen oder Monate unter Symptomen

Foto: SUSANA VERA / REUTERS

Rund ein Jahr nach Beginn der Coronapandemie hat die Bundesregierung noch kaum einen Überblick, wie viele Menschen in Deutschland unter Spät- und Langzeitfolgen des Virus leiden. Das ergibt sich aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünenfraktion im Bundestag, die dem SPIEGEL vorliegt.

»In Deutschland liegen noch keine eigenen Daten zur Anzahl der Patientinnen und Patienten mit Spät- und Langzeitfolgen in Folge ihrer Covid-19-Erkrankung sowie zu besonders betroffenen Altersgruppen vor«, heißt es darin. Als Grund dafür gibt die Bundesregierung an, dass Spätfolgen bislang vom Robert Koch-Institut (RKI) nicht regulär im Meldesystem erfasst werden. Es liefen jedoch Studien, von denen unter anderem auch Erkenntnisse zu Long Covid zu erwarten seien.

Unter Long Covid werden die Langzeitbeschwerden vieler Patientinnen und Patienten zusammengefasst, die nach ihrer Covid-19-Infektion teilweise noch Wochen oder Monate unter Symptomen leiden. Zu den häufigsten Langzeitbeschwerden gehören Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlappheit, Haarausfall, Konzentrationsstörungen, Kurzatmigkeit, neurologische Probleme oder die sogenannte Fatigue (Erschöpfungssyndrom). Die meisten Betroffenen berichten davon, unter mehreren dieser Symptome zu leiden.

Viele von ihnen sind aufgrund ihrer Beschwerden längerfristig arbeitsunfähig. Wie viele, das konnte die Bundesregierung auf die entsprechende Frage der Grünen nicht sagen. Auch nicht, wie lange die Betroffenen durchschnittlich krankgeschrieben sind.

Wer an Long Covid erkrankt und warum, bleibt für die Wissenschaft vorerst ein Rätsel. Auch die Bundesregierung hat darüber nur rudimentäre Kenntnisse. »Nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand wird vermutet, dass Spät- und Langzeitfolgen von Covid-19 durch eine Dysregulation der Immunantwort verursacht werden«, heißt es in der Antwort. Entzündungen der Gefäße sowie Ausbildung von Mikrothromben schienen in manchen Fällen ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen. Das Virus könne in zahlreichen Gewebearten vorkommen, und auch die Spät- und Langzeitsymptome könnten nach derzeitigem Kenntnisstand mehrere Organsysteme betreffen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jeder Zehnte von Long Covid betroffen ist, mehrheitlich Frauen. Auch scheinen jüngere Patienten mit eher milden Verläufen ein Risiko für Langzeitfolgen zu haben. Belastbare Daten gibt es hierfür noch nicht. Die Bundesregierung bezieht sich auf internationale Studien. Demnach weisen weltweit bis zu 80 Prozent der Personen, die positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden, auch noch zwei Wochen nach der Diagnose mindestens ein Symptom auf. In einer chinesischen Studie zeigten 75 Prozent der Patientinnen und Patienten diverse Symptome sechs Monate nach der Erkrankung.

Kein Long-Covid-Register für Deutschland

Die WHO hat sich zum Ziel gesetzt, sich zunehmend auf die Spät- und Langzeitfolgen von Covid-19 zu konzentrieren. Dazu will die Organisation ein internationales Konzept ausarbeiten, das Long Covid systematisch erfassen soll. Ein eigenes Register für Deutschland plant die Bundesregierung den Angaben zufolge nicht.

In vielen deutschen Großstädten wurden bereits Long-Covid-Ambulanzen  eingerichtet, an die sich Betroffene richten können. Die Einrichtung der Ambulanzen erfolgt in Eigeninitiative der Kliniken.

Einige Expertinnen und Experten, darunter etwa der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, warnen bereits davor, dass Patienten mit Langzeitbeschwerden ein Problem sein werden, das uns noch lange beschäftigen wird. Die aktuell steigenden Fallzahlen könnten außerdem zu ebenfalls steigenden Zahlen von Long-Covid-Betroffenen führen.

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Die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Grünenfraktion zeigt, dass der Erfassung und Versorgung von Long-Covid-Patienten in Deutschland bislang noch keine besonders große Aufmerksamkeit zukommt. Das liegt zum einen daran, dass Covid-19 eine neue Erkrankung ist und damit auch das Ausmaß der Langzeitfolgen nun erst langsam deutlich wird. Zum anderen dürften Bund und Länder ihr Augenmerk derzeit vor allem auf die Bewältigung der Pandemie und die Versorgung der akuten Covid-19-Fälle gelenkt haben, die auf die Intensivstation müssen.

Doch wie schon Karl Lauterbach warnt, dürften die Zahlen der Long-Covid-Patienten in Deutschland noch steigen. Ob das deutsche Gesundheitssystem dafür ausgelegt ist, ihnen allen eine angemessene Behandlung zukommen zu lassen, ist fraglich. Es sei »erschreckend«, wie wenig der Bundesregierung nach mehr als einem Jahr Pandemie über die Folgen einer Covid-19-Erkrankung bekannt sei, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink. »Dennoch machen die Antworten auf unsere Kleine Anfrage deutlich, wie enorm der Handlungsdruck ist.«

Es fehle nach wie vor an einer systematischen und zielgerichteten Herangehensweise an diese Problematik, obwohl zu befürchten sei, dass viele Menschen davon betroffen seien oder sein würden – darunter laut aktueller Berichte auch Kinder und Jugendliche. Klein-Schmeink forderte die Bundesregierung dazu auf, die Erforschung und Versorgung von Long-Covid-Patienten voranzutreiben. »In der Nachbehandlung darf es nicht zu Engpässen oder Versorgungslücken kommen«, so Klein-Schmeink.

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