Nikolaus Blome

Corona Die große Angst vorm Impfen

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Politik zittert vor Kleinmut beim politischen Umgang mit dem Impfen. Das ist viel ärgerlicher als ein etwas holpriger Impfstart.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei Pressekonferenz in Nürnberg, 11. Dezember 2020

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei Pressekonferenz in Nürnberg, 11. Dezember 2020 

Foto: Xander Heinl/photothek.de / imago images/photothek

Eines vorweg: Ich für meinen Teil habe großes Verständnis für Impfängste. Vor langer Zeit stand ich bei der Bundeswehr einmal in einer Schlange mit anderen Rekruten, und wir konnten durch eine offen stehende Tür zusehen, wie jeder vor mir ins Hinterteil geimpft wurde. Was in der Nadel war, weiß ich nicht mehr, aber sie war fürchterlich groß. Und nein, ich will mich nicht lustig machen über Ängste mancher Menschen, die sie wegen möglicher Nebenwirkungen der Corona-Impfung haben. Ich finde nur, dass man diese Ängste unbedingt hintanstellen muss.

Die aktuelle polit-mediale Debatte ums Corona-Impfen hingegen lässt mich ratlos bis verärgert zurück. Ein verlässliches Indiz für aus dem Ruder laufende Auseinandersetzungen sind Einlassungen der Berliner Landesregierung. Ausgerechnet die ansonsten restlos überforderte Gesundheitssenatorin fühlte sich berufen, bundesseitig verschuldete Verzögerungen beim Impfstart wortreich anzuprangern, da wusste ich: Wir verlassen jetzt den seriösen Sektor. Der Kollege Jan Fleischhauer schrieb gar von der »verheerendsten Entscheidung« in 15 Jahren Merkel-Kanzlerschaft. Come on.

Es ist gewiss ärgerlich, dass Deutschland aktuell womöglich langsamer impft als andere Staaten und mancherorts der Nachschub nicht in den erhofft üppigen Mengen ankommt. Aber wenn die Bundesregierung nicht gelogen hat, waren am Jahresende rund 1,3 Millionen Impfdosen an die Bundesländer ausgeliefert, doch mit Stand Sonntag, 3.1., erst knapp 240.000 davon verbraucht. Es sieht auf den ersten Blick also nicht so aus, als würde in ganz Deutschland massiv Impfstoff fehlen, die beklagten Verzögerungen müssten rasch aufzuholen sein. Wie viele Menschen in der allerersten Welle geimpft werden, bis die Logistik sauber eingespielt ist, sagt zudem nicht viel darüber aus, wann wir alle unser normales Leben zurückbekommen. Das aber ist, ehrlich gesagt, die Frage, die mich mit am meisten interessiert. Hinten ist die Ente fett, sagte mal ein Bundeskanzler.

Falls nun der Eindruck entsteht, ich würde hier den Bundesgesundheitsminister ein wenig in Schutz nehmen, ist das richtig. Ich finde die Aufregung um den vermeintlich völlig versemmelten Impfstart alles in allem übertrieben, und, nein, ich gehöre nicht zu Jens Spahns journalistischen Duzfreunden. Ich duze überhaupt nur den einen deutschen Politiker, mit dem ich vor 35 Jahren auf der Bonner Hofgartenwiese Fußball gespielt habe, und da war er kein Politiker.

Verstörend schlecht gemacht ist hingegen die politische Diskussion über »Sonderrechte« oder »Privilegien« für Geimpfte. Allein die Wortwahl, das framing: Der Staat nimmt in der Pandemie Bürgerrechte an sich, etwa die Gewerbe- oder Versammlungsfreiheit, und wenn er sie zurückgibt, sind es auf einmal »Sonderrechte«? In welchem Keller hat er bloß so schnell das eine ins andere umgerubelt? Da wird jeder Hütchenspieler blass vor Neid.

Hinzu kommt die kategorische Ablehnung, zwischen Geimpften und Ungeimpften Unterschiede zu machen: Damit sägt die Politik den Ast ab, auf dem sie bald sitzen muss, denn sie wird diese Ungleichbehandlung nicht verhindern können, mehr noch: Sie wird sie brauchen. Die Verteufelung läuft trotzdem, sie wird diktiert von Kleinmut und der Angst vor der, nun, krassen Emotionalität der Impfdebatte. Viele Impfskeptiker machen, wenn sie in die Schlacht ziehen, tatsächlich keine Gefangenen, wie ich unlängst wegen einer Kolumne unter dem Titel »Impfpflicht, was denn sonst?« hier erfahren habe. So rasend kreist die Nazikeule selten, wie wenn man zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften unterscheidet und Letzteren ein wenig ins Gewissen redet.

In den nächsten Wochen mag das noch nicht wichtig sein. Wenn nicht einmal ein Bruchteil derer geimpft ist, die wollen, dann kann man jene, die zuerst dürfen, schlecht belohnen, indem man die staatlichen Museen ausschließlich für sie öffnet. Das leuchtet ein. Einstweilen werden sich auch private Gaststätten oder Kinobetreiber zwei Mal überlegen, ob sie einer kleinen Minderheit von Geimpften Einlass gewähren und die große Mehrheit ihrer Kundschaft vor den Kopf stoßen, obwohl die ja nichts dafürkann, noch ungeimpft zu sein.

Aber die Zeit spielt gegen die Knappheit, und wenn alle, die wollen, sich in absehbarer Zeit auch impfen lassen können, wird es kein Halten geben. Dann werden wir zum Beispiel diskutieren, wie mit Restaurants zu verfahren ist, die privat oder halb-öffentlich betrieben werden. Wie mit öffentlichen Badeanstalten im Unterschied zu privaten »Spaßbädern«? Oder mit der Bundesbahn (ganz in Staatsbesitz) oder der Lufthansa (zum Teil in Staatsbesitz)? Alles offen nur für Geimpfte, und die anderen müssen leider draußen bleiben? Bedauerlicherweise vermauern Politiker der Großen Koalition mit der umfassenden Absage an Ungleichbehandlung gerade alle pragmatischen Lösungen solcher Probleme. Und da sage noch einer, Frau Merkel denke die Dinge »vom Ende her«, oder die Sozialdemokraten hätten mit Staatskapitalismus nichts mehr am Hut.

Dabei wage ich die Prognose, dass bald massenweise geimpft und ein Tagesrekord den anderen jagen wird. Sehr fraglich ist indes, wie sich das Impftempo entwickelt, wenn erst einmal, sagen wir, gut die Hälfte der Deutschen versorgt ist – und nicht der Nachschub mit Impfstoff ins Stocken gerät, sondern der mit Impfwilligen. Dann gilt es, jenen sanften Druck entstehen zu lassen, den es nach allen Umfragen brauchen wird, um die zusätzlich nötigen zehn bis fünfzehn Prozentpunkte Impfwillige unter den Deutschen zu gewinnen, für unser aller Herdenimmunität und die Rückkehr zum alten Leben. Dieser Druck erwächst, man ahnt es, aus eben jener Ungleichbehandlung, die eh nicht zu verhindern ist: Bürgern, die sich vorbildlich verhalten (haben), kann man ihre Rechte nicht auf Dauer vorenthalten. Das hat nichts mit mangelnder Solidarität der Geimpften zu tun, sondern mit Verfassungs- und Vertragsrecht.

Vor einigen Tagen hörte ich im Radio, dass die Columbiahalle, ein beliebter Veranstaltungsort in Berlin, jetzt Corona-Testzentrum ist und da, wo sonst die Konzertankündigungen hängen, ein Zettel klebt: »Erst impfen, dann feiern«. So einfach ist es.

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