Nikolaus Blome

Wut auf Impfverweigerer 2G – geimpft und gelackmeiert

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Der Lockdown für alle kommt, das Hoffnungs-Narrativ der Politik zerbröselt. Wehe, wenn die Geimpften jetzt zornig werden.
Der Lockdown für alle kommt: Polizisten auf St. Pauli in Hamburg

Der Lockdown für alle kommt: Polizisten auf St. Pauli in Hamburg

Foto: Jonas Walzberg / picture alliance/dpa

Hin und wieder schaue ich in die Kommentare unter den Kolumnen hier, das ist mitunter sehr interessant. Vor zwei Wochen etwa ging es darum, ob Geimpfte de facto nun zu »Geiseln« der (freiwillig) Ungeimpften würden, knapp 8000 Kommentare, der leider schon gewohnte Geifereifer aus dem Eck der Impfgegner oder gar Querdenker, aber zum ersten Mal auch sichtbar: eine sprachlich kaum gebremste Wut der Geimpften auf die Ungeimpften. Heiliger Bimmbam, dachte ich mir, wenn jetzt auch noch die Mehrheit im Land den Verstand verliert, stehen schwarze Weihnachten ins Haus.

Nikolaus Blome
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Daniel Reinhardt / DPA

Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der »Bild«-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender »Bild«-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv.

Freilich muss auch der Kummer gewohnte Konservative einräumen: Zumindest haben die Leute Grund, stinksauer auf die politischen Staatsversager in Bund und Ländern zu sein. Ich würde noch gelten lassen, dass manch‘ eine Warnung vor dem Ausmaß der nächsten Coronawelle nicht sofort ernst genommen wurde, weil mitunter Modellierer das Wort erhoben, die ihre Mathematik als Extremsportart betreiben.

Außerdem hatten wir Wahlkampf und eine Jahrhundertflut, welche viel Aufmerksamkeit verlangten. Dennoch gibt es keine, absolut keine Entschuldigung dafür, dass die 15 bis 25 Millionen kalenderfest absehbaren Boosterimpfungen so schlecht vorbereitet wurden, die Impfzentren geschlossen und die Hausärzte vergrätzt sind.

Ebenso absolut keine Erklärung gibt es, warum – bereits halb begraben unter der Coronawelle – die Ampelparteien weite Teile des Eingriffs-Instrumentariums für obsolet erklären wollten, vom Auslaufen aller Einschränkungen im nächsten März schwärmten und Kritik daran näselnd-naseweis auf Juristisch zu beantworten beliebten.

Kurzum: Die Verantwortlichen stoßen mit voller Wucht jene zwei Drittel der Bevölkerung vor den Kopf, die sie durch die 18 Monate seit Pandemiebeginn getragen haben. Dieselben Planlos-Politiker lassen es geschehen, dass bald Tag für Tag aus freiwillig Geimpften unfreiwillig Ungeimpfte werden könnten, weil sie ihre Boosterimpfung nicht rechtzeitig erhalten.

In diesem Drehbuch of Desaster ist das nächste Kapitel schon geschrieben: Lockdown für alle. Viele Wissenschaftler reden ihm das Wort, Österreich hat so beschlossen, Bayern und Sachsen sind schon ziemlich weit, andere Bundesländer werden folgen. Come on, macht Euch ehrlich, das nennt man »Notbremse«, wenn man den Politikern wissenschaftlich wohl will. Oder »Offenbarungseid«, wenn man politisch Augen im Kopf hat.

Die Verantwortlichen stoßen mit voller Wucht jene zwei Drittel der Bevölkerung vor den Kopf, die sie durch die 18 Monate seit Pandemiebeginn getragen haben.

Man kann ahnen, was das alles mit der geimpften Mehrheit macht, die sich im besten Sinne bürgerlich zeigte: pflichtbewusst und pflichterfüllend, verantwortungsbereit und sicherlich auch mit festem Blick auf die ausgelobte Belohnung. »Impfen ist der Weg aus der Pandemie«, für jeden einzelnen und für alle zusammen, wie oft haben wir diesen Satz gehört und wie fest haben wir ihn geglaubt?

Wenn wir aber alle gleichermaßen wieder in den Lockdown müssen, klingt der Satz wie Hohn – noch dazu wie der Hohn der Impfgegner, was es doppelt bitter macht. Die gesamtgesellschaftliche Erzählung von, ja, Erlösung, von der Freiheit und Wiederaushändigung des alten Lebens, sie zerfällt. Die individuelle Impfdividende wird zu Asche, 2G zu »geimpft und gelackmeiert«. Back to square one also, versprochen, gebrochen, verar…t.

Die (freiwillig) Ungeimpften sind daran nicht allein schuld, gewiss nicht. Aber sie sind der mit Abstand überflüssigste Teil des Problems, und so bläst ihnen die Mehrheit immer stärker ins Gesicht: Eine allgemeine Impfpflicht wollten laut RTL-Umfrage im Juni  nur 22 Prozent der Befragten, Mitte November waren es 64 Prozent. Heißt: Anfangs waren auch viele Geimpfte gegen eine allgemeine Impfpflicht, heute (rechnerisch) so gut wie keiner mehr von ihnen. Stabil blieb indes die fast totale Ablehnung gegen Prämien als Impfanreiz, 87 bis 90 Prozent der Befragten zwischen August und November. Man hat den Impfzögerern nie etwas gegönnt, jetzt wünscht man ihnen die allgemeine Impfpflicht an den Hals.

Nächstes Beispiel: Wenn demnächst 3G am Arbeitsplatz gilt, werden die einen am Werkstor oder Büroeingang ganz normal hineingehen und ihren Impfausweis vorzeigen, die anderen aber sich testen lassen (müssen), weil sie ungeimpft sind. »Impf-Outing« am Arbeitsplatz nannte das eine kluge Kollegin dieser Tage. Und ich dachte unwillkürlich an: Zwangs-Outing.

Seit Dezember vergangenen Jahres (Kolumne: Impfpflicht, was denn sonst?) spreche ich mich für sozialen oder staatlich kontrollierten Druck auf freiwillig Ungeimpfte aus, um sie zur Impfung zu bewegen. Staat und Gesellschaft haben im Einzelfall das Recht, einer mehrheitlich gefassten Norm breite Geltung zu verschaffen, in einer manifesten Pandemie haben sie meines Erachtens sogar die Pflicht dazu.

Trotzdem ist es nicht gelungen, und man sieht mit großem Kummer, wie es die Gutmütigen sind, die darüber jetzt irre werden oder verzweifeln – und nicht die Störrischen.

Wer wissen will, wohin es mit der gesellschaftlichen Druckprobe noch gehen wird, der nehme die kleine Änderung zur Kenntnis, welche die sächsische Landesregierung zum Wochenende an der gesetzlichen Arbeitszeitbegrenzung vornahm: In den sächsischen Krematorien kann jeder Mitarbeiter ab sofort zwölf Stunden pro Tag Dienst tun. Leichen verbrennen.

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