Inzidenz unter Ungeimpften Hamburg kennt Impfstatus von Infizierten oft nicht

Seit Wochen unterscheidet Hamburg zwischen einer Inzidenz für Ungeimpfte und einer für Geimpfte. Doch es gibt Zweifel an den Daten.
Hamburg führte als erstes Bundesland die 2G-Regel ein

Hamburg führte als erstes Bundesland die 2G-Regel ein

Foto: CHRISTIAN OHDE / imago images/Christian Ohde

Das Coronavirus trifft Ungeimpfte vielfach härter als Geimpfte. Über Wochen meldete Hamburg deshalb die Inzidenzwerte getrennt: für die 47. Kalenderwoche gab die Sozialbehörde der Hansestadt etwa eine Sieben-Tage-Inzidenz von 24,0 pro 100.000 Einwohner bei Geimpften an. Unter Ungeimpften oder nicht vollständig Geimpften lag sie in dieser Zeit demnach bei 898,2.

Journalistinnen und Journalisten von »Welt«  und »Süddeutscher Zeitung« hatten Zweifel an diesen Zahlen. Sie recherchierten nach, bei wie vielen Coronafällen der Impfstatus überhaupt bekannt war. Ihr Verdacht: Infektionen von Menschen, bei denen die Gesundheitsbehörden den Impfstatus nicht wissen, werden als Ungeimpfte aufgeführt. Nun scheint sich dieser Verdacht zu bestätigen.

Die Kleine Anfrage der FDP-Abgeordneten Anna von Treuenfels ergibt, dass in der 47. Kalenderwoche bei fast 70 Prozent der Coronafälle nicht eindeutig war, ob die infizierte Person geimpft oder ungeimpft war. Die Infektionen wurden dennoch in der Gruppe der Ungeimpften aufgeführt. Die Anfrage liegt dem SPIEGEL vor.

Wie der Fehler zustande gekommen sein könnte, erklärte der Sprecher der Sozialbehörde, Martin Helfrich, im Gespräch mit dem  NDR. Demnach müssen die Gesundheitsämter den Impfstatus nicht nur in jedem Einzelfall abfragen – sondern ihn auch in jedem Einzelfall überprüfen. »Solange aber kein Nachweis eingereicht ist, können wir naturgemäß nicht unterscheiden, ob die Person das schlicht versäumt hat oder sie keinen Nachweis erbracht hat, weil sie über keinen Impfnachweis verfügt.«

Aussagen des Bürgermeisters

Die Kleine Anfrage zeigt auch, dass Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bei der Landespressekonferenz am 16. November Angaben machte, die nicht korrekt waren. Tschentscher sagte damals, in Kalenderwoche 45 seien »über 90 Prozent« der Neuinfektionen »bei Personen ohne vollen Impfschutz« aufgetreten . Nun zeigt sich: Bei mehr als 63 Prozent der Fälle in Kalenderwoche 45 ist der Impfstatus gar nicht bekannt. Der Anteil der nachweislich Ungeimpften liegt demnach bei nur 14,3 Prozent.

Auf Anfrage der »Welt« teilte ein Sprecher von Tschentscher dazu mit, wegen der gestiegenen Infektionszahlen »können die Angaben zum Impfstatus zum Teil erst mit erheblichem Zeitverzug eingegeben werden«.

Die Behörden wollen die Daten für die zurückliegenden Wochen möglichst vollständig nachliefern. Es ist nicht das erste Mal, dass Hamburgs Berechnung von Inzidenzen irreführend ist. Bereits im August hatte die Hansestadt auf der Grundlage ihrer Berechnungen zur Unterscheidung von Infektionen bei Geimpften und Ungeimpften als erstes Bundesland die 2G-Regelung eingeführt.

Die Opposition im Hamburger Rathaus ist verärgert. »Wer auf der Grund­lage falscher Zah­len unter an­de­rem Grund­recht­sein­griffe vor­nimmt, darf sich nicht wun­dern, wenn deren Ak­zep­tanz bei den Ham­bur­gern ra­pide ab­nimm­t«, sagte Treuenfels.

CDU-Fraktionsvorsitzender Dennis Thering sagte dem SPIEGEL: »Hamburgs rot-grüner Senat leistet bei der Bewältigung der Corona-Pandemie mittlerweile handwerklich schlechte Arbeit. Es kann schlicht nicht angehen, dass der Senat in so vielen Fällen über den Impfstatus im Unklaren ist. Die Diskussion um uneindeutige Zahlen ist Wasser auf die Mühlen aller Verschwörungstheoretiker und deshalb mehr als unglücklich.«

Auch wenn es Ungereimtheiten bei den Zahlen aus Hamburg gibt, meldet das Robert Koch-Institut  regelmäßig deutlich höhere Hospitalisierungsraten für Ungeimpfte als für Geimpfte. Je 100.000 Einwohner lag die Hospitalisierungsrate in Kalenderwoche 47 etwa deutschlandweit bei den 18- bis 59-jährigen Ungeimpften bei 11,7. Bei Geimpften dagegen bei 1,6.

mfh/sms
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