Roland Nelles

Die Lage am Morgen Impfoffensive bei Schülern – eine überfällige Entscheidung

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um die geplante Ausweitung der Impfungen bei Kindern und Jugendlichen, um Impfmuffel, die sich bekehren lassen – und um einen neuen Konflikt zwischen Iran und Israel.

Mehr Impfungen für Kinder und Jugendliche

Es ist schon zu erahnen, der Herbst könnte ungemütlich werden. Die rasche Ausbreitung der Delta-Variante sorgt nun dafür, dass die Politik bei den Impfungen noch mehr Druck macht: Das Bundesgesundheitsministerium will den Gesundheitsministerinnen und -ministern der Länder heute vorschlagen, dass künftig auch allen Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren in den Impfzentren flächendeckend Angebote zur Impfung gemacht werden sollen. Zudem sollen auch Ärztinnen und Ärzte die Jugendlichen verstärkt impfen.

Hinter dem Schritt steckt die pure Angst: In den ersten Bundesländern enden in dieser Woche die Sommerferien, der Schulstart mit Hunderttausenden ungeimpften Kindern könnte zu einer weiteren Ausbreitung der Delta-Variante beitragen. Bei den Jugendlichen hat bislang erst jeder Fünfte seine erste Impfung erhalten.

Die Impfungen von Jugendlichen sollen zum Schulstart vorangetrieben werden

Die Impfungen von Jugendlichen sollen zum Schulstart vorangetrieben werden

Foto:

Swen Pförtner / picture alliance/dpa

Sollten die Gesundheitsminister der Länder dem Vorschlag aus Berlin folgen, würde sich die Politik damit zumindest ein Stück weit von den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) absetzen. Das Expertengremium empfiehlt die Impfung bisher nur vor allem Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen. Ein besseres Impfangebot dürfte nun automatisch dazu führen, dass sich immer mehr Eltern dafür entscheiden, ihre Kinder impfen zu lassen – Stiko-Empfehlung hin oder her.

Ganz nachvollziehbar ist die extreme Vorsicht der Stiko ohnehin nicht. Die deutschen Experten nehmen eine Sonderstellung ein. Sowohl die amerikanische Zulassungsbehörde FDA als auch die europäische Aufsicht bei der EMA haben die Impfstoffe von Pfizer-Biontech und Moderna für die Altersgruppe ab zwölf Jahren freigegeben. Dort kennt man sich mit der Materie bekanntlich ebenfalls aus. Und in vielen Staaten wie etwa den USA oder Frankreich werden Kinder und Jugendliche bereits seit vielen Wochen verstärkt geimpft ­– und zwar mit dem Segen der Impfspezialisten des jeweiligen Landes.

Das beste Mittel gegen Impfgegner ist die Wirklichkeit

Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland ist es am Wochenende wieder zu teilweise gewaltsamen Demonstrationen von radikalen Impfgegnern gekommen. In Berlin gab es Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und sogenannten Querdenkern, die trotz eines Demonstrationsverbots unterwegs waren.

Was tun mit solchen Impfmuffeln? Hilft eine Impfpflicht, braucht es drastische Einschränkungen für nicht Geimpfte? Kann alles sein. Das wahre Leben lehrt allerdings, dass Zwang eher selten zu guten Ergebnissen führt. Viel wirksamer ist wohl am Ende eher die persönliche Einsicht durch eine Begegnung mit der Wirklichkeit.

Demonstration von Impfgegnern in Berlin

Demonstration von Impfgegnern in Berlin

Foto: Paul Zinken / AFP

So wie in den USA. Dort steigt seit einigen Tagen wieder die Impfquote. Ein wahrscheinlicher Grund: Die Delta-Variante frisst sich gerade gnadenlos durch all jene Bevölkerungsgruppen, die sich bislang hartnäckig gegen Impfungen gewehrt haben. Darunter sind viele Anhänger des früheren Präsidenten Donald Trump. In Staaten wie Missouri oder Texas klopft der Tod bei ihnen nun buchstäblich an die Nachbartür. Das führt bei etlichen Impfgegnern endlich zum Umdenken.

Das Fernsehen ist allabendlich voll mit Berichten über reumütige Impfgegner. Es sind traurige Geschichten. So wie diese: Ein 41 Jahre alter Familienvater, der das Coronavirus stets für eine Erfindung linker Spinner hielt, liegt blass auf dem Krankenbett. Er gibt zu, dass er einen Fehler gemacht habe, sich nicht impfen zu lassen. Und seine Frau sagt jetzt: »Jeder sollte sich impfen lassen.«

Was treibt Iran schon wieder?

Der Konflikt der USA und Israels mit Iran könnte sich erneut zuspitzen. Der Grund ist ein mutmaßlicher iranischer Angriff auf den Öltanker »MT Mercer Street« vor der Küste von Oman. Das Schiff wird von der britischen Firma Zodiac Maritime verwaltet. Vorsitzender der Zodiac-Gruppe ist der israelische Geschäftsmann Ejal Ofer, der nach Medienberichten auch Anteile der Gruppe besitzt.

Bei dem Angriff mit explodierenden Drohnen am vergangenen Freitag waren zwei Seeleute ums Leben gekommen, ein Brite und ein Rumäne. US-Marinesoldaten, die in der Nähe waren, wurden von der Besatzung zu Hilfe gerufen.

Israel, die USA und Großbritannien machen nun Iran für die Attacke verantwortlich. Die US-Regierung bespreche sich mit ihren Verbündeten, um eine angemessene Antwort auf den Angriff zu finden, warnte US-Außenminister Antony Blinken.

Der Öltanker »Mercer Street« (Archivbild) wurde vor der Küste Omans angegriffen

Der Öltanker »Mercer Street« (Archivbild) wurde vor der Küste Omans angegriffen

Foto: Johan Victor / AP

Der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett erklärte, es lägen »nachrichtendienstliche Beweise« für die Schuld Irans vor. Indirekt drohte er zugleich mit Vergeltung: »Auf jeden Fall wissen wir, wie wir dem Iran auf unsere Weise eine Botschaft übermitteln können.«

Die Attacke kommt zu einem brisanten Zeitpunkt: Die USA versuchen, die schwierigen Gespräche mit Teheran über eine Wiederbelebung des Atomabkommens zu retten. Sie pausieren derzeit und sollten eigentlich nach der Amtseinführung des neuen iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi am kommenden Donnerstag fortgesetzt werden.

Verlierer des Tages…

Alexander Lukaschenko

Alexander Lukaschenko

Foto: ? Sergei Karpukhin / Reuters/ REUTERS

…ist der belarussische Autokrat Alexander Lukaschenko. Gegen sein Schreckensregime lehnen sich nun auch noch Olympia-Athleten auf. Bei den Spielen in Tokio sorgt der Fall der belarussischen Sprinterin Krystsina Tsimanouskaya für Schlagzeilen. Dabei werden der selbstherrliche Machthaber und seine Schergen auf internationaler Bühne vorgeführt.

Die Sportlerin Tsimanouskaya sollte offenbar gegen ihren Willen vorzeitig nach Hause geflogen werden, nachdem sie öffentlich Sportfunktionäre ihres Landes kritisiert hatte. Am Flughafen in Tokio weigerte sie sich dann jedoch mutig, zurückzukehren. Sie habe auf dem Flughafen Haneda den Schutz der japanischen Polizei gesucht, um den Flug nicht antreten zu müssen, sagte sie.

Nun will die Sportlerin möglicherweise in einem europäischen Land Asyl beantragen. »Ich habe Angst, dass sie mich in Belarus womöglich ins Gefängnis sperren«, sagte sie laut Berichten. »Ich habe keine Angst, dass sie mich entlassen oder aus der Nationalmannschaft werfen. Ich habe Angst um meine Sicherheit.«

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • 1500-Meter-Favoritin Hassan stürzt – und gewinnt ihren Vorlauf dennoch: Der Traum von Dreifachgold wäre für Sifan Hassan nach einem Sturz fast beendet gewesen. Mit einem furiosen Finish qualifizierte sich die Niederländerin aber doch noch für die nächste Runde. Der Olympia-Überblick

  • YouTube sperrt australischen Sender wegen Covid-Falschinformationen: Der australische Kanal hatte auf YouTube unter anderem die Existenz von Covid-19 infrage gestellt – nun geht die Videoplattform gegen Sky News vor. Der Sender kann vorerst keine Inhalte mehr hochladen

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Roland Nelles

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