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Bundeswehr und Coronavirus Weisung Nr. 2 regelt die Krise

Die Bundeswehr steht vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Sie muss die Truppe vor dem Coronavirus abschotten - ohne die Einsatzbereitschaft zu riskieren.
aus DER SPIEGEL 12/2020
Soldaten auf Truppenübungsplatz: "Absonderungsbereiche" in den Kasernen

Soldaten auf Truppenübungsplatz: "Absonderungsbereiche" in den Kasernen

Foto: CHRIS EMIL JANßEN / PICTURE PRESS

Seit Mittwoch ist die "Joint Operation Cell" (JOC) abgeriegelt. Die mehr als 100 Soldaten, die in Schichten rund um die Uhr die temporäre Einsatzzentrale im Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe besetzen, sind in einem Gebäudetrakt isoliert. Sie essen getrennt von den Kollegen, dürfen ihre normalen Büros nicht betreten, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, sollen nach Dienstende sofort nach Hause fahren und bis zur nächsten Schicht dort bleiben.

Generalleutnant Martin Schelleis, der Nationale Territoriale Befehlshaber der Bundeswehr, hat sein Büro im selben Gebäudekomplex. Anfang der Woche war er noch persönlich in der Operationszentrale, inzwischen schaltet sich der General per Video zu den Kameraden, die praktisch nebenan sitzen. Das Ansteckungsrisiko soll so klein wie möglich gehalten werden.

Die Einsatzzentrale JOC, die für besondere Lagen eingerichtet wird, koordiniert derzeit den Umgang der Bundeswehr mit der Corona-Epidemie. Hier laufen alle Informationen aus dem Inland ein. Dazu zählen auch die Anfragen kommunaler Behörden für Amtshilfe. So bat in dieser Woche der vom neuartigen Virus stark betroffene Landkreis Heinsberg um Unterstützung durch Laborkapazitäten. Im Fall der Fälle wird hier auch dafür gesorgt, dass die Truppe in ihren Kasernen genügend "Absonderungsbereiche" für Menschen unter Quarantäne bereitstellt. Die Männer und Frauen der JOC sollten also besser nicht krank werden.

Spezielle Regeln für die Soldaten, die viel unterwegs sind

Mit 265.000 militärischen und zivilen Mitarbeitern kann sich die Bundeswehr nur schwer vor der Epidemie schützen. Doch zugleich verfügt die Truppe über reichlich Material und Personal, um den zivilen Behörden im Notfall beistehen zu können. Die militärische Führung steht deshalb vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Sie muss die eigenen Leute so gut wie möglich vor dem Virus abschotten, darf die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte damit aber nicht gefährden.

Schon seit Beginn der Krise gelten strenge Vorschriften, um eine Ausbreitung des Virus in den eigenen Reihen zu begrenzen. Das enge Miteinander der Soldaten in den Kasernen und die vielen Dienstreisen ins europäische Ausland sind ein idealer Nährboden für die Weiterverbreitung.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

In einem internen Erlass ordnete das Ministerium schon früh "besondere Maßnahmen zum Schutz vor einer Ausbreitung von Covid-19" an. Was mit den normalen Hygienemaßnahmen wie Händewaschen beginnt, endet bei der Bundeswehr mit speziellen Regeln für die Soldaten, die viel unterwegs sind. So wies die Hausleitung alle Heimkehrer aus Risikogebieten wie China, Iran oder auch Italien an, zwei Wochen lang zu Hause zu bleiben.

"Erkrankte Personen werden isoliert, Kontaktpersonen gehen in Absonderung bzw. Quarantäne"

Sicherheitshalber werden in allen Kasernen für mindestens zwei Prozent des Personals Krankenzimmer für Covid-19-Patienten vorgehalten. Die Regelungen im Intranet sind eindeutig: "Erkrankte Personen werden isoliert, Kontaktpersonen gehen in Absonderung bzw. Quarantäne."

Seit Montag gilt in der Bundeswehr die vertrauliche "Weisung Nr. 2 zum Meldewesen und Verhalten/Umgang mit Ereignissen im Zusammenhang mit der Lage Covid-19". Auf sechs Seiten ordnet das Ministerium ein striktes Informationsregime an. Absicht sei es, "unter den Bedingungen Covid-19 weiterhin die Einsatzbereitschaft sicherzustellen" und das Risiko der Verbreitung "durch die und in der Bw zu minimieren".

Vollständig verhindern lässt sich die Verbreitung jedoch nicht. In einem internen Lagebericht von Mittwoch listet das Ministerium 48 "begründete Verdachtsfälle" bei der Bundeswehr auf, 12 seien bestätigt. Ein Betroffener ist inzwischen als gesund entlassen worden. Die Führungsakademie in Hamburg wurde wegen eines Corona-Falls bis auf Weiteres geschlossen. Stark eingeschränkt ist die Arbeit beim Personalamt der Bundeswehr in Köln, dem Logistikbataillon im sachsen-anhaltischen Burg und bei einer Kompanie des Luftwaffenausbildungsbataillons im bayerischen Roth.

Noch ist unklar, welche Auswirkungen die Krise auf Auslandseinsätze hat. "Ab sofort und bis vorerst Ende April 2020 werden grundsätzlich alle zivilen und militärischen Reisen in die Einsatzkontingente der Bundeswehr ausgesetzt", heißt es im Lagebericht. Das gilt auch für den geplanten Afghanistanbesuch von Peter Tauber, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Die Kontingentwechsel seien davon aber "derzeit nicht betroffen".

Doch wie lange noch? Die Regierung in Mali erwäge, "per Dekret eine Selbstisolation für Einreisen" zu verhängen, heißt es in dem Lagebericht. Das Einsatzführungskommando prüfe mögliche Auswirkungen auf "Kontingentwechsel und Versorgung". Das Verteidigungsministerium beobachtet die Entwicklung in dem Sahelstaat besorgt. Bestehen die Malier auf einer 14-tägigen Quarantäne, wäre das womöglich das vorläufige Aus für den wichtigsten Auslandseinsatz der Bundeswehr.

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