Kampf gegen Coronavirus Im Krisenmodus
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Innenminister Horst Seehofer (CSU): "Deutlich verschärfte Lage"
Foto:Kay Nietfeld/ dpa
Dass sie die Gefahr kleinreden, die vom Coronavirus ausgeht, diesen Vorwurf wollen sich die Minister ganz sicher nicht machen lassen. Das macht Horst Seehofer am Donnerstag gleich mehrfach klar. Die Lage habe sich "deutlich verschärft", sagt der CSU-Innenminister beim gemeinsamen Auftritt mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Es handele sich um eine "beginnende Epidemie", so Seehofer. Was bedeute: "Es wird auch eine weitere Entwicklung nach oben geben."
Auch Spahn spricht von einer neuen Lage angesichts der wachsenden Zahl von Infektionen. Es müsse damit gerechnet werden, dass sich die Epidemie auch in Deutschland ausbreite, sagt der Gesundheitsminister. Beide Unionspolitiker betonen, alles zu tun, um die Bürger zu schützen. Ein Krisenstab wurde eingerichtet, der tagesaktuell über neue Maßnahmen beraten soll. Vor allem die Häuser von Seehofer und Spahn sind damit befasst, doch laut dem Innenminister sind fast alle Ressorts beteiligt.
Seehofer und Spahn sind nun auch Verteidigungsminister. Ihre Botschaft ist klar: Wir unterschätzen die Gefahr nicht, tun alles, was nötig ist. Entschlossenheit, Handlungsfähigkeit, Kontrolle - soweit es sie eben geben kann bei einer Krankheit, die sich still und leise über alle Grenzen hinweg ausbreitet. Es ist ein Balanceakt, denn zugleich will die Bundesregierung die Menschen nicht unnötig verunsichern. Es sei eine ernste Situation, sagt Spahn, betont aber, man müsse sie besonnen angehen, um Überreaktionen in der Bevölkerung zu verhindern.
Was plant die Bundesregierung konkret? Die Maßnahmen im Überblick:
Die Minister wollen die Bevölkerung aufklären. Dazu haben sie die, wie Spahn berichtet, "170.000 Arztpraxen, 20.000 Apotheken, über 2.000 Krankenhäuser und 14.000 Pflegeeinrichtungen" zu erreichen versucht. Sie wollen sie mit Informationsmaterial versorgen und darüber aufklären, wie mit Verdachtsfällen umzugehen ist.
Auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums , des Robert Koch-Instituts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung können sich Bürgerinnen und Bürger informieren, zudem wurden bei den Ländern und beim Bund Hotlines zum Coronavirus eingerichtet. Nachdem die Server am Mittwoch an ihre Grenzen gestoßen seien, sei die Kapazität nun erhöht worden.
Der Krisenstab hat die Aufgabe, die Infektionsketten in Deutschland zu unterbinden und nach Deutschland zu unterbrechen. So müssen Flug- und Schiffsreisende künftig sogenannte Aussteigerkarten ausfüllen, sich so registrieren, wenn sie aus besonders betroffenen Gebieten einreisen - zum Beispiel aus China, Südkorea, Japan, Iran und Italien. Bus- und Bahnunternehmen, so hoffen die Minister, sollen sich freiwillig dazu verpflichten.
Der Pandemieplan, der eigentlich ein Influenza-Pandemieplan sei, werde nun aktualisiert und auf das Coronavirus angepasst. Zudem müssten die Länder ihre Pandemiepläne überarbeiten, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Rettungsdienste und Unternehmen sollten ebenfalls bereits Pandemiepläne haben, erklärt Spahn.
Asylbewerber müssen sich künftig auch auf das Coronavirus testen lassen. Würde eine größere Zahl von Menschen positiv getestet, müsse man laut Seehofer über eine "gemeinsame Unterbringung" nachdenken. Auf Nachfrage stellt er klar: Wenn bei infizierten Personen Krankheitssymptome auftreten sollten, würden sie selbstverständlich unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus im Krankenhaus behandelt.
Am Freitag will sich der Krisenstab unter anderem mit dem Umgang von Großveranstaltungen, etwa Konzerten, Sportereignissen oder Messen befassen. Zum Beispiel soll es eine Empfehlung geben, ob die Internationale Tourismusbörse ITB in Berlin abgesagt werden sollte. Auch der Güterverkehr soll noch einmal genauer betrachtet werden.
Den Ministern ist vor allem die "Informationsoffensive" wichtig, es müsse beides gelingen: "Dass nicht jeder Husten gleich zu einem Verdacht auf Coronavirus führt", sagt Spahn, "und dass gleichzeitig hohe Aufmerksamkeit da ist, wenn es ein begründeter Verdacht ist". Das Robert-Koch-Institut, die oberste Behörde zur Krankheitsüberwachung, soll künftig täglich oder alle zwei Tage über die neuesten Entwicklungen informieren, außerdem will Spahn in der nächsten Woche gemeinsam mit Experten die Öffentlichkeit wieder auf den neuesten Stand bringen.
Wenig Wissen - viele Fragen
Doch bei aller Entschlossenheit - die Unsicherheit bleibt. Viele Fragen können Seehofer und Spahn gar nicht beantworten, weil sie es schlicht nicht wissen: etwa, wie viele Atemschutzmasken es derzeit im Land gibt. Wie viele Intensivstationsbetten während der Epidemie gebraucht werden könnten - derzeit gibt es in Deutschland 28.000 solcher Betten. Oder wie viele unerkannte Erkrankte es in Deutschland und Europa jenseits der offiziell registrierten Infektionen geben könnte.
Auch Fragen zur Sterblichkeit seien derzeit noch schwierig zu beantworten, räumt Spahn ein. In China würden zum Beispiel nur Fälle, die auch in Behandlung seien, in die Statistik aufgenommen - aber bei etwa 80 Prozent der Erkrankten verlaufe das Virus entweder unauffällig oder völlig ohne Symptome, daher könnte die Sterblichkeit zu hoch eingeschätzt werden. Das Robert Koch-Institut schätzt das Coronavirus aber tödlicher ein als die normale Grippe. Konkrete Zahlen könne man aber erst nach dem Ende der Epidemie nennen.
"Die Ärzte, mit denen ich spreche, die sagen eigentlich zu 100 Prozent: Da und dort wissen wir noch zu wenig", sagt Seehofer. Spahn ergänzt: Die abschließende Erkenntnis, was das Virus im Menschen macht, hätte man noch nicht. Aber: Schon heute gebe es deutlich mehr Wissen als noch vor vier Wochen.
Und Seehofer verweist auf seine langjährige Erfahrung: "Ich habe in meiner Zeit als Gesundheitsminister und in meiner Zeit als Landwirtschaftsminister bei der Tiergesundheit und der Humangesundheit etliche solche Fälle erlebt." Soll wohl auch heißen: Bislang haben wir die Krisen in den Griff bekommen - bei dieser werden wir das auch schaffen.
Spahn und Seehofer bleiben fast eineinhalb Stunden, eine halbe Stunde länger als geplant. Trotzdem sind am Ende noch nicht alle Fragen beantwortet. Das Virus, es wird Deutschland noch eine Weile beschäftigen.