RKI-Chef zum Coronavirus "Die Menschen stecken sich hauptsächlich im privaten Umfeld an"

Private Feiern tragen aktuell viel zur Verbreitung des Coronavirus in Deutschland bei, bestätigt der Chef des Robert Koch-Instituts. Noch immer fehlen bundesweite Obergrenzen für Privatpartys.
RKI-Präsident Lothar Wieler (Archivbild)

RKI-Präsident Lothar Wieler (Archivbild)

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ANNEGRET HILSE/ REUTERS

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hat den Eindruck bestätigt, dass viele der aktuellen Corona-Infektionen in Deutschland auf private Zusammenkünfte zurückzuführen sind. "Die Menschen stecken sich derzeit hauptsächlich im privaten Umfeld an, also auf Partys, Hochzeitsfeiern, Beerdigungen, auch im Gottesdienst", sagte er der "Welt am Sonntag". Der private Bereich spiele "die große Rolle".

Dagegen sei das Risiko einer Ansteckung in Betrieben bisher nicht so hoch, sagte Wieler. Es habe zwar sehr spektakuläre Ausbrüche gegeben, aber nicht sehr viele. "Die meisten Betriebe scheinen die Pandemie gut zu managen." Auch in Geschäften gebe es bislang ganz wenige Ansteckungen, sagte der RKI-Chef. An Schulen gebe es mittlerweile einige Ausbrüche. Dies müsse gut analysiert werden.

Bereits Ende August hatten Bund und Länder beraten, ob es eine einheitliche Obergrenze für die Besucherzahl von Privatpartys geben solle - 25 bei Feiern in privaten Räumen, 50 bei Feiern in Gaststätten, Gemeindesälen oder ähnlichem. Zuvor hatte unter anderem die Ärztegewerkschaft Marburger Bund diese einheitliche Obergrenze gefordert. In einer Umfrage im Auftrag des SPIEGEL unterstützte eine Mehrheit diesen Plan. In diesem Punkt konnten sich die Politikerinnen und Politiker jedoch nicht einigen.

Aktuell gelten deshalb je nach Bundesland sehr unterschiedliche Obergrenzen. So sind etwa in Baden-Württemberg  Feiern mit bis zu 500 Teilnehmern erlaubt, wobei ab 100 Feiernden ein schriftliches Hygienekonzept vorliegen muss. In Mecklenburg-Vorpommern  dürfen zu familiären Anlässen bis zu 50 Menschen miteinander feiern, bei "gewichtigen familiären" Anlässen wie etwa Hochzeiten 75.

Zuletzt kam es in der nordrhein-westfälischen Stadt Hamm zu einem Coronavirus-Ausbruch, weil auf einer Hochzeit offenbar Hygiene- und Abstandregeln missachtet wurden. "Weil eine Handvoll Feiernder jeglichen Anstand, Abstand und auch ihre Masken zur Seite gelegt hat, leiden jetzt 180.000 Menschen darunter", sagte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) im SPIEGEL-Interview. "Die haben sich verhalten, als ob es Corona nicht gäbe. Das darf nicht sein."

Damit Gesundheitsämter Kontakte gut nachverfolgen können

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, plädierte am Sonntag im Radiosender NDR Info für eine bundeseinheitliche Obergrenze von 50 Teilnehmern. "Das ist eine Zahl, bei der die Gesundheitsämter die Kontakte noch gut nachverfolgen können und das ist das Entscheidende, um die Ausbreitung einer Infektion unter Kontrolle zu halten", sagte sie.

Auch der Präsident des Landkreistages, Reinhard Sager, hatte eine einheitliche Obergrenze für Privatfeiern von weniger als 50 Teilnehmern verlangt. Der gegenwärtige Flickenteppich irritiere die Menschen, sagte Sager der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Samstag. Bei den nächsten Bund-Länder-Beratungen über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie am Dienstag müsse ein entsprechender Beschluss fallen. Sager forderte, die Einhaltung müsse "kontrolliert und der Verstoß auch sanktioniert werden, sonst bringt das nichts".

wbr/AFP
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