Coronavirus im Herbst RKI warnt vor "unkontrollierter Verbreitung"

Gesundheitsminister Spahn zeigt sich "sehr besorgt" angesichts des sprunghaften Anstiegs der Neuinfektionen. Es sei "möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen", ergänzte RKI-Präsident Lothar Wieler.
RKI-Chef Wieler (l.), Bundesgesundheitsminister Spahn

RKI-Chef Wieler (l.), Bundesgesundheitsminister Spahn

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler haben gemeinsam mit anderen Experten über die Corona-Lage im Herbst informiert. Beide zeigten sich "sehr besorgt" über die steigenden Infektionszahlen.

"Die Corona-Zahlen steigen wieder und mit ihnen steigt die Unsicherheit", sagte Spahn. Die Zahl der Todesfälle und der intensivmedizinischen Behandlungen seien aber vergleichsweise niedrig. Vor allem jüngere Menschen steckten sich derzeit an.

Wieler sagte, das Infektionsgeschehen nehme in fast allen Regionen zu. Das mache ihm große Sorgen. "Es ist möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet", sagte der RKI-Chef.

Die Zahl der Neuinfektionen binnen Tagesfrist war zuvor auf über 4000 Fälle gestiegen - nach knapp 3000 Neufällen am Mittwoch.

AHA-Regeln, Lüften

Deutschland sei bisher gut durch die Krise gekommen, sagte Spahn: "Es gibt kaum ein Land, das diese Krise bis hierhin so gut hat bewältigen können." Man dürfe "dieses Erreichte aber nicht verspielen". Die Situation in Berlin zeige, wie schnell sich die Lage ändern könne.

Die banalste aber wirksamste Hilfe seien die AHA-Regeln. Im Herbst solle zusätzlich viel gelüftet werden. Eine Situation wie im März werde es nicht noch einmal geben, sagte Spahn. Durch das Nutzen der AHA-Regeln werde es wohl nicht mehr zu einer vergleichbaren Situation kommen, auch wenn es immer wieder neue Beschränkungen geben könne.

Spahn sprach sich gegen eine Debatte über einen zweiten Lockdown aus. "Wir haben keine Ausbrüche beim Einkaufen oder beim Friseur, auch in den Kindergärten und Schulen läuft es vergleichsweise gut", sagte er. Das Problem seien Feiern  und Großveranstaltungen, hier seien Beschränkungen und Kontrollen vonnöten. Spahn befürwortete unter anderem für bestimmte Kontexte und Tageszeiten ein Alkoholverbot.

Spahn kündigte an, Schnelltests nutzen zu wollen, um Bewohnern und Besuchern von Pflegeheimen mehr Sicherheit zu geben. Außerdem sei er gemeinsam mit den Bundesländern dabei, die Quarantäneregeln für den Herbst und Winter zu überarbeiten.

"Diese Pandemie ist ein Charaktertest für uns als Gesellschaft"

"Diese Pandemie ist ein Charaktertest für uns als Gesellschaft", sagte Spahn.

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Wieler sagte, die meisten Übertragungen fänden inzwischen nicht durch Auslandsreisen, sondern innerhalb Deutschlands statt. Sobald sich wieder mehr ältere Menschen ansteckten, werde es auch wieder mehr schwere Verläufe und mehr Todesfälle geben.

Dass das Virus nicht so gefährlich sei, sei ein Trugschluss. "Es geht uns den Umständen entsprechend gut, weil wir uns an die Regeln gehalten haben."

"Lüften ist eine sehr effektive Präventivmaßnahme"

Nur wenn die Infektionszahlen niedrig blieben, könne das Leben ohne allzu große Einschränkungen weitergehen. Er appellierte an die Menschen, große Gruppen und geschlossene Räume mit vielen Menschen zu meiden.

Prof. Dr. Martin Kriegel von der TU Berlin forscht seit Jahren an der Ausbreitung von Aerosolen. Er sagte: "Lüften ist eine sehr effektive Präventivmaßnahme." Dabei sei die Menge der zugeführten Frischluft und die Aufenthaltsdauer in einem Raum mit mehreren Menschen entscheidend. Das Risiko sei aber nie bei null.

Susanne Herold, Leiterin der Abteilung Infektiologie am Uniklinikum Gießen, informierte über medizinische Entwicklungen in der Behandlung von Covid-19-Patienten . Bei Beatmungspatienten habe sich das Ebola-Medikament Remdesivir bewährt, um die Schwere des Verlaufs zu lindern. Oft gingen Covid-Erkrankungen mit starken Entzündungen im Körper einher, diese würden mit dem Cortisonabkömmling Dexamethason behandelt. Auch Thrombosen und Embolien hätten bei Covid-Patienten schon zum Tod geführt, hier werde mit Gerinnungshemmern gearbeitet.

Mit Remdesivir und dem Cortison-Präparat sei auch Donald Trump behandelt worden.

mfh/luz
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