Corona-Pandemie Spahn spricht von "Ruhe vor dem Sturm"

Tausende neue Ansteckungen, große regionale Unterschiede: Noch ist nicht klar, wie sich das Coronavirus in Deutschland weiter ausbreiten wird. Gesundheitsminister Spahn sieht die Politik weiter im "Krisenmodus".
Jens Spahn in der Bundespressekonferenz (Archivbild)

Jens Spahn in der Bundespressekonferenz (Archivbild)

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Kontaktsperre, geschlossene Schulen und Geschäfte, Versammlungen untersagt: Die Bürger erleben laut Jens Spahn angesichts der Corona-Pandemie die stärksten Einschnitte in die bürgerlichen Freiheitsrechte in der Geschichte der Bundesrepublik. Das hat der Bundesgesundheitsminister bei der Bundespressekonferenz betont. Entwarnung gab er nicht, im Gegenteil: "Aber noch ist das die Ruhe vor dem Sturm. Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt."

Es sei wichtig, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die Behandlungskapazitäten in den Krankenhäusern zu erhöhen. Es gebe viele Tests auf das Virus, aber diese müssten auch zielgerichtet eingesetzt werden, sagte er. Die Politik sei gerade im "Krisenmodus". Nach Ostern werde besprochen werden, wie Freiheiten wieder zurückgegeben werden könnten.

Spahn hat zudem eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen nach Ostern in Aussicht gestellt. Voraussetzung dafür sei aber, dass die Auflagen der Behörden bis dahin "konsequent" eingehalten würden, sagte Spahn am Donnerstag in Berlin. Ein wichtiger Aspekt bei der Eindämmung der Epidemie sei, die Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen. Hierzu sei eine Handy-Ortung wichtig, ohne die eine Lockerung der Einschränkungen schwierig sei.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

In Deutschland sind kurzfristig weit über 10.000 freie Intensivbetten zur Behandlung von schwer erkrankten Virus-Patienten verfügbar. "Wir sind im Augenblick - heute, morgen, übermorgen – gerüstet", sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Mittlerweile beteiligten sich etwa 60 Prozent aller Krankenhäuser an einer Online-Plattform zur Verfügbarkeit von Intensivbetten. Am Donnerstagmorgen seien 5600 Betten freigewesen, zusätzlich wären weitere 5700 Betten innerhalb von 24 Stunden freizumachen.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind - Stand null Uhr - in Deutschland mindestens 36.500 Menschen erkrankt, 198 Patienten an der Lungenkrankheit Covid-19 in der Bundesrepublik bislang gestorben. Das Robert Koch-Institut erfasst als Bundesbehörde die offiziellen Corona-Infektionsfälle für Deutschland. Da es ein paar Tage dauert, bis die Daten aus Laboren und von den Gesundheitsämtern in Städten und Landkreisen beim RKI ankommen, kann es bei der täglichen Zahl der Neuinfizierten zu Ungenauigkeiten kommen. Die Daten werden nachträglich vom RKI korrigiert (mehr dazu lesen Sie hier).

Am Coronavirus können nach Worten des RKI-Chefs, Lothar Wieler, alle Altersgruppen erkranken. Aber je älter man sei, desto höher sei das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs. Das Durchschnittsalter der in Deutschland durch das Coronavirus Verstorbenen betrage 81 Jahre. Aber auch Jüngere könnten daran erkranken und daran sterben. "Wir stehen gerade am Anfang", sagte er.

"Warum immer noch Feste gefeiert werden, ist mir unverständlich"

Auf drei Dinge komme es angesichts der Krise nun besonders an:

  • Eindämmung: Die Fälle müssten schnell erkannt werden.

  • Schutz der Risikogruppen: Auch hier könne jeder mithelfen - vor allem, indem Abstand eingehalten werde.

  • Versorgungskapazitäten erhöhen: "Je mehr Beatmungsgeräte wir haben, desto mehr Menschen werden überleben", sagte Wieler.

Noch sei keine gesicherte Aussage möglich, ob sich die Ausbreitung des Virus verlangsamt habe. Es gebe große regionale Unterschiede. So seien in Hamburg 69 von 100.000 Einwohnern erkrankt, in Mecklenburg-Vorpommern seien es lediglich 15 pro 100.000 Einwohnern. Manchen Städten mit einem "großen Ausbruchsgeschehen" sei es gelungen, dieses unter Kontrolle zu bringen.

Alle seien gefragt mitzumachen, um Corona zu bekämpfen. Wieler rief erneut dazu auf, physisch Abstand zu halten, und verwies auf Ansteckungsrisiken bei Treffen, etwa bei Festen. "Warum immer noch Feste gefeiert werden, ist mir unverständlich", sagte Wieler.

vks/Reuters