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Alexander Neubacher

Die Gegendarstellung Heilsamer Horror

Beim Thema Maskenpflicht fühlen sich die Bürger von der Politik verschaukelt. Ein internes Papier aus dem Innenministerium zeigt, wie es besser geht.
aus DER SPIEGEL 15/2020
Gesundheitsminister Spahn

Gesundheitsminister Spahn

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Xander Heinl/ photothek/ imago images

Sollten wir jetzt alle Maske tragen? Gesundheitsminister Jens Spahn sagte diese Woche, er sei dagegen, er halte das im Moment nicht für notwendig. Ich bin kein Virenexperte; ich weiß nicht, ob das stimmt. Doch ich wunderte mich, dass am selben Tag Spahn auf Fotos, die sein Ministerium auf Facebook und Twitter verbreitete, selbst eine Maske trägt, ebenso wie Mediziner um ihn herum. Will Spahn eine Panik vermeiden? Ist er nur deshalb gegen die Maskenpflicht, weil er und seine Leute es nicht schaffen, genug Exemplare aufzutreiben, damit es für alle reicht?

Die Maskendebatte zeigt, wie schwierig Kommunikation in Krisenzeiten ist. Spahns Botschaft ist unklar; er sendet widersprüchliche Signale, die Bürger fühlen sich verschaukelt. Spahns schiefe Kommunikation befeuert Verschwörungstheoretiker und löst ebenjene Panikreaktionen aus, die er verhindern will. Masken werden gehamstert und geklaut.

DER SPIEGEL 15/2020
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cgs

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Wie sollte die Regierung die Bürger in der Coronakrise informieren? Der Psychologe und Risikoforscher Bernhard Streicher sagt: "Menschen können viele schwierige Situationen durchstehen. Was sie aber nicht gut können, ist, mit Unsicherheit umzugehen. Also nicht zu wissen, was passiert." Darum sei so entscheidend, dass Politiker offen sagten, was sie planten.

Fachleute im Innenministerium haben einen 17 Seiten langen Leitfaden entwickelt, Überschrift: "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen". An erster Stelle nennen sie das Thema Kommunikation. Die Experten raten zu brutaler Offenheit. Sie schlagen vor, die Bürger mit dem schlimmstmöglichen Szenario zu konfrontieren, um eine Schockwirkung zu erzielen.

Einige Textpassagen lesen sich wie das Drehbuch für einen Horrorfilm: "Viele Schwerstkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause." Oder: "Wenn Kinder dann ihre Eltern anstecken und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, schuld daran zu sein, weil sie zum Beispiel vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann."

Bei der Lektüre des Worst Case tritt eine deeskalierende, beruhigende Wirkung ein.

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat das Papier sicherheitshalber mit dem Stempel "VS – Nur für den Dienstgebrauch" versehen lassen. Ich halte das für einen Fehler. Es wäre klug, das Papier zu veröffentlichen.

Gerade weil die Experten konkret beschreiben, wie der Worst Case der Pandemie aussieht, tritt bei der Lektüre eine deeskalierende, beinahe beruhigende Wirkung ein. Die Angst vor dem Unbekannten schwindet. An ihre Stelle tritt die Furcht vor einem greifbaren Szenario, aber auch die Erleichterung, die Risiken realistischer einschätzen zu können – und auch die anderen Szenarien in Betracht zu ziehen, die weitaus weniger schlimm verlaufen.

Es ist das Gefühl der Erleichterung, das Patienten beschreiben, wenn sie nach langer Leidensgeschichte eine verlässliche Diagnose bekommen: endlich Klarheit.

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