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Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Der Forschkönig

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Ja, Virologen irren sich. Ei der Daus! Sie lernen dazu und korrigieren sich. Das macht die Wissenschaft nicht zum Problem, es ist ihr Wesenskern.
aus DER SPIEGEL 20/2020
Foto: Hannibal Hanschke / REUTERS

Zuletzt hatte ich den Eindruck, als steckte Deutschland tief in der Vergangenheit fest. Irgendwo rund um das Jahr 1692. Kurz vor Beginn der Aufklärung. 1692 jedenfalls wäre man mit Christian Drosten ganz ähnlich umgegangen. Wie sich Politiker, Journalisten und Bürger dieser Tage über den Berliner Virologen äußern, wie sie die Arbeit von Wissenschaftlern verstehen und bewerten, hat sogar etwas Mittelalterliches. Und ziemlich peinlich ist es auch.

Zunächst wurde Dr. Drosten als Halbgott mit Wuschelhaaren gefeiert. Wer nicht gleich ein Kind von ihm haben wollte, ging zumindest mit ihm und seinem Podcast ins Bett. Millionen Deutsche waren bereit, ihm überallhin zu folgen. Auch in die Isolation. Diese Götzenphase der Drosten-Betrachtung, die sogenannte Phase eins, war bizarr. Was jetzt in Phase zwei geschieht, ist aber noch beknackter. In wenigen Tagen wurden aus den Halbgöttern plötzlich Buhmänner beziehungsweise Buhfrauen. Einen ähnlichen Absturz des öffentlichen Ansehens hat nicht mal Martin Schulz erlebt. Bei ihm ging es langsamer.

Drosten und andere Forscher erhalten inzwischen Morddrohungen, weil sie für die katastrophalen Folgen der Ausgangsbeschränkungen verantwortlich gemacht werden. Weil sie Corona partout nicht harmloser reden wollen, als es ihrem Kenntnisstand entspricht. Im Fernsehen werden sie jetzt als Dödel hingestellt, die heute dies und morgen das sagen. "Dieses Hin und Her" der Virologen ärgere ihn doch sehr, klagte FDP-Chef Christian Lindner. Selbst der ehemalige Ober-Shutdowner Markus Söder, stets die fränkische Flagge im Wind der gefühlten Stimmung, macht inzwischen mit beim heiteren Virologenbashing. Am tiefsten enttäuscht aber ist Armin Laschet, der beinahe täglich über "die Virologen" klagt. "Wenn alle paar Tage die Meinung geändert wird, ist das auch für Politik schwierig", sagte Laschet neulich. Er wirkte dabei so gekränkt, als hätte ihn seine Frau betrogen.

Ja, Virologen irren sich. Ei der Daus! Sie lernen dazu und korrigieren sich. Das macht die Wissenschaft nicht zum Problem, es ist ihr Wesenskern: die ewige Suche nach neuen Erkenntnissen, die niemals abgeschlossen ist, erst recht nicht bei einem Phänomen wie Corona, das gerade mal fünf Monate jung ist.

Der Umgang mit Virologen hat etwas Mittelalterliches. Ziemlich peinlich ist er auch.

Das Problem sind Politiker, die das Wesen der Wissenschaft nicht verstanden haben. Die ihre Entscheidungen auf deren Zwischenstände gründen und dann wie beleidigte Leberwürste klagen, dass sie sich selbst korrigieren müssen, wenn sich ein Zwischenstand als vorläufig erweist.

Statt dieser Selbstverzwergung brauchte es einen klugen, selbstbewussten Umgang der Politik mit Beratern aus der Wissenschaft. Ein Virologe wird immer vor der Gefahr von Covid-19 warnen und zu Kontaktsperren raten. Wenn nicht, könnte er gleich eine Pommesbude aufmachen. Ein Ökonom hingegen wird fast immer vor den Auswirkungen von Kontaktsperren für die Wirtschaft warnen. Und beide haben recht.

Gute Politiker lassen sich von solchen Einschätzungen nicht kirre machen. Sie hören zu, wägen ab und entscheiden selbst. Wenn sie das überfordert, haben sie ihren Beruf verfehlt.

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