Stefan Kuzmany

Covid-19-Pandemie Wir Patienten

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Erst langsam sickert es ins Bewusstsein: Es ist uns etwas zugestoßen. Jetzt müssen wir auf den Arzt hören. Für alles andere ist später wieder Zeit.
Straßenszene in Dresden, 17. März 2020

Straßenszene in Dresden, 17. März 2020

Foto: Robert Michael/ DPA

Wir wissen, was zu tun ist. Es kann jetzt keinen und keine mehr geben, der es nicht gehört, nicht gesehen, nicht gelesen hat, dem es nicht gesagt worden ist, immer wieder: Wascht euch die Hände, aber gründlich. Haltet Abstand, am besten zwei Meter. Bleibt daheim, ladet niemanden ein. Und wenn ihr einkaufen geht, kauft so ein, dass auch den anderen noch etwas bleibt.

Wir wissen, was wir zu tun haben. Und doch sickert es erst langsam ins Bewusstsein: Wir sind krank. Hoffentlich nicht Sie oder ich persönlich, aber wir alle sind es. Und so müssen wir uns jetzt verhalten.

Diesmal ist "Wir" keine Lüge

Wenn "wir" gesagt oder geschrieben wird, dann sind selten alle gemeint. "Wir" meint eine Gruppe, die andere ausschließt: "Mia san mia", sagt der Bayer, und das bedeutet: Ihr seid es nicht. "Wir" meint eine Gruppe, zu der gern gehören würde, wer "wir" sagt: Wir sind Weltmeister, wir sind Papst, dabei waren das nur wenige oder nur einer, und der auch nur kurz. Und "wir" meint gerne eine Gruppe, die gefälligst etwas tun sollte, was der "Wir"-Sager will: Wir müssen für unsere Altersvorsorge mehr Geld in Aktien anlegen, spricht der Blackrock-Lobbyist, und meint doch nur: Kauft bei mir Aktien.

Diesmal jedoch bedeutet "wir" tatsächlich: Wir alle. Und alle, das sind diesmal nicht nur alle Deutschen, alle Arbeitnehmer oder Arbeitslosen oder Rentner, alle Rechten oder Linken, alle Alten oder Jungen, alle Frauen oder Männer oder Diverse. Wir, das sind diesmal und jetzt und bis auf Weiteres: alle Menschen.

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Es regieren neue Autoritäten

Wir Menschen hatten einen Unfall. Es ist uns etwas zugestoßen. Die Natur hat mit den Fingern geschnippt, ein Virus ist mutiert, es verbreitet sich. Es ist gefährlich. Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher, unser bisheriges Leben ist erst einmal vorbei. Wir wissen es vielleicht noch nicht, aber langsam dämmert es: Wir leben ab jetzt als Patienten. Die Welt ist ein Krankenhaus.

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Die Kanzlerin hat lange geschwiegen, jetzt spricht sie täglich zu uns. Immer neue Maßnahmen hat sie zu verkünden, Einschränkungen des Alltags und der Freiheit, aber sie spricht nicht mehr als Politikerin zu uns. Es geht nicht mehr um Interessen von Interessengruppen, nicht mehr um Parteien, Koalitionen, Meinungen oder Einstellungen oder Ideologien. Politik, wie wir sie kannten, findet nicht mehr statt. Die politische Regierung ist zur Apotheke geworden: Sie verteilt die Mittel, die der Arzt verschrieben hat.

Es regieren uns jetzt andere, neue Autoritäten, deren Namen wir erst lernen mussten: Drosten heißen sie in Deutschland, Kekulé oder Addo, sie sagen uns, was wir tun sollen, worauf wir achten müssen. Sie und alle ihre Kolleginnen und Kollegen tun, was sie können. Wir können ihnen nur vertrauen und auf sie hören.

Sterblich waren wir auch vor Corona

Machen wir uns nichts vor: Auch wenn uns jetzt gemeinsam bewusst werden sollte, dass uns das Virus alle gemeinsam betrifft, dass wir uns alle einschränken müssen, um später wieder frei sein zu können: Dieses "Wir" wird nicht halten. Schon vor Corona wussten wir, dass die Menschheit bedroht ist von der Klimakatastrophe, begriffen haben wir es kaum. Schon vor Corona wussten wir, dass wir sterblich sind. Wir werden es gerne wieder vergessen.

Aber in diesen Tagen und Wochen und vielleicht Monaten der verordneten Einsamkeit können wir uns vielleicht die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, was tatsächlich wichtig ist. Und wir können auch schon damit anfangen, anders zu leben. 

Denn es ist nicht so, dass wir zur Untätigkeit verdammt daheim sitzen müssen, vor dem Rechner im Homeoffice, besorgt um die schwindenden Klopapiervorräte, das Haltbarkeitsdatum der Lebensmittel im Kühlschrank und der Beziehung auf engem Raum, das bereits nach dem ersten unbeschulten Tag gefährlich gelangweilte Kind im Ohr. Wir können versuchen, uns zu helfen. Die Einsamen und Labilen anrufen. Uns gegenseitig Mut machen. 

Nicht übermütig sein, und nicht verzweifeln. Kein Trotz, keine Party, kein Streit, keine unnötige Aufregung. Dafür ist später wieder Zeit. Werden wir erst einmal wieder gesund.

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