CSU-Aschermittwoch Seehofer verteilt die Guttenberg-Droge

So sieht ein Populist in Hochform aus: Horst Seehofer liefert beim Aschermittwoch reichlich Stammtischparolen, denn die CSU leidet immer noch unter Guttenberg-Entzug. Der Parteichef tröstet - und untermauert seinen neuen Führungsanspruch.

Von , Passau


Die CSU ist auf Guttenberg-Entzug. Sie zittert am ganzen politischen Leib, sie flüchtet sich seit Tagen in Erlösungsphantasien. Und weil sich am Aschermittwoch die Treuesten der Treuen unter den Christsozialen immer wieder aufs Neue in Passau versammeln, sind hier die Symptome des Partei-Patienten quasi in Reinform zu studieren.

"KTG, lass' uns nicht im Stich, Bayern und Deutschland brauchen Dich", reimt es auf selbstgebastelten Plakaten, hochgereckt in den Dunst von Bier und Fischsemmeln. Ein Spruch, wie in eine Holztafel gefräst. "Die Neider ab nach Afrika", teilt einer etwas plakativer mit. Andere begnügen sich mit der "Bild"-Zeitung, tragen eines der vielen Pro-Guttenberg-Titelblätter bei sich. Ein paar CDU-Leute aus Baden-Württemberg haben sich T-Shirts mit KT-Konterfei drucken lassen und träumen vom Erlöser: "Wenn der Guttenberg jetzt hier einliefe, dann würde das Bier nicht ausreichen und der Seehofer alt aussehen."

Aber Guttenberg kommt nicht.

Stattdessen sind die Freunde aus der Schwesterpartei der bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer begegnet. Die hat flugs die schönen KT-Shirts mit ihrem Autogramm versehen. "Ist vielleicht abwaschbar", sagt der Anführer der Truppe.

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Politischer Aschermittwoch: Bier, Musik und derbe Sprüche
So leidet sie vor sich hin, die christsoziale Anhängerschaft. Als CSU-Chef Horst Seehofer kurz vor elf Uhr ans Mikrofon tritt, da warten die rund 3000 Zuhörer nur aufs KTG-Signal. Die Wut, der Frust, die ganze Enttäuschung der vergangenen Tage - das muss ja alles auch mal raus. Irgendwie. Seehofer aber lässt seine Leute noch exakt 75 Minuten warten.

Als die Stimme vom lauten Reden schon richtig schön brüchig ist, die eine oder andere Maß Bier geleert und die Polit-Welt sortiert - da erst geht's los. Die mit den Guttenberg-Shirts klettern auf die Bierbank. Seehofer beschwört das Comeback des Gefallenen: "Ich werde alles dafür tun, dass Karl-Theodor wieder in die bayerische, in die deutsche Politik zurückkehrt." Frenetischer Jubel. Bravo-Rufe. Seehofer lässt es zu. Eine Minute, eineinhalb Minuten. Er trinkt einen Schluck Bier. Es läuft. Der Chef verabreicht die KT-Droge.

Aber was ist mit der Copy-and-Paste-Affäre, den bürgerlichen Tugenden, den Dutzenden Strafanzeigen? Alles einfach weggewischt und vergessen?

Guttenberg habe sich ja entschuldigt, sagt Seehofer. Und das verdiene Respekt. Fertig. Dann kommt prompt der Schlag gegen die Opposition: "Wir lassen uns aus der Partei der Steinewerfer, aus der Partei der Stasi-Kommunisten nicht Anstand und Moral vorhalten." Seehofer brüllt, er ballt die Faust.

Der größte Ironiker der deutschen Polit-Landschaft gibt plötzlich den zornigen CSU-Familienvater. Seehofer pöbelt. "Oh wie ist das schön", singen ein paar hinten in der Halle.

Guttenberg, Guttenberg, Guttenberg

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Dabei kommen Seehofers entscheidende Sätze erst jetzt. "Ich habe eine Menge Freude und Spaß am Amt des Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden", sagt er. Er "brenne" auf die nächsten Aufgaben. So redet kein Geduldeter, der Seehofer bis kurz vor Guttenbergs Ende in seiner Partei nur noch war.

Nein, so redet einer, der bleiben will. Ganz plötzlich haben sich die Verhältnisse für den Vorsitzenden gewandelt: Der Mann hat wieder eine Perspektive, der diesjährige Aschermittwoch ist sein Startpunkt. Galt er noch bis vor wenigen Wochen als Amtsinhaber von Guttenbergs Gnaden, so hat Seehofer nun kein parteiinternes Ablaufdatum mehr - nicht mehr den kommenden November mit den CSU-Vorstandwahlen, nicht mehr den Herbst 2013 mit der Landtagswahl.

Das Problem: Bisher hat Seehofer kein wirkliches Thema gefunden, das die Leute mit ihm verbinden. Kein Projekt, mit dem er die anderen mitunter nerven könnte. So versucht er, aus der Tagespolitik längerfristiges Kapital zu schlagen, indem er an die durch CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich wieder aufgewärmte Islam-Debatte ("Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt") anknüpft.

Das geht so: Seehofer will die bayerische Verfassung ändern, das Integrationsgebot des Förderns und Forderns hineinschreiben lassen. Und dafür - so ist es geregelt in Bayern - braucht es einen Volksentscheid. Wie der ausgehen wird, das ist den Strategen in Seehofers Umfeld natürlich längst klar: Die Bayern würden mit wohl großer Mehrheit einer solchen Änderung zustimmen.

"Der größte Stammtisch der Welt"

So feilt der selbsterklärte Populist Seehofer an seinem konservativen Profil. Und sieht sich dabei gern in der Tradition seines Vor-Vorgängers Edmund Stoiber. Der ist an diesem Aschermittwoch natürlich auch mit von der Partie beim "größten Stammtisch der Welt" (Eigenwerbung) - und kann Seehofer nicht entkommen. Wo es geht, schüttelt er dem Mann im hellbraunen Anzug die Hand, die Kameras übertragen das auf die Großleinwand, die Menge jubelt.

Stoiber, der noch gut weiß, wie es sich anfühlt, von einem CSU-Parteitag ausgebuht zu werden, findet das alles jetzt so prima, dass er schnell auf seinen Tisch in Reihe eins klettert und in die Menge winkt. Seehofer lobt ihn dann später in seiner Rede hier und da, Stoiber scheint präsenter als der selige Franz Josef Strauß - was in Passau durchaus eine Besonderheit darstellt.

Als alles vorbei ist, der Schlussapplaus aufbrandet, Seehofer kaum noch Stimme hat und irgendwie glücklich hin und her läuft, zeigt er auf Stoiber da unten. Der solle doch mal auf die Bühne kommen, los. Stoiber macht das natürlich und eine Minute später halten sich beide an der Hand, recken sie in die Höhe wie Schiedsrichter und Sieger nach einem Boxkampf. Seht her, ich stehe in seiner Tradition - das ist wohl Seehofers Zeichen.

Die Leute applaudieren jetzt deutlich mehr als zuvor für Seehofer allein. Für heute ist Stoiber, der letzte Parteiheld, ihr Methadon. Seehofer wird sich daran messen lassen müssen.

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Seite 1
arinari 09.03.2011
1. ???????????
Zitat von sysopSo sieht ein Populist in*Hochform aus:*Horst Seehofer liefert*beim Aschermittwoch*reichlich Stammtischparolen, denn die CSU leidet immer noch unter Guttenberg-Entzug. Der Parteichef tröstet - und untermauert seinen neuen Führungsanspruch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749935,00.html
Soll dieser polemische Bericht eine Wahlempfehlung für die SPD sein?Ich denke , eine solide Zeitschrift zu lesen, aber es kommt mir vor, als lese ich in eine Propagandaschrift.
ProDe 09.03.2011
2. CSU - nur noch peinlich
Zitat von sysopSo sieht ein Populist in*Hochform aus:*Horst Seehofer liefert*beim Aschermittwoch*reichlich Stammtischparolen, denn die CSU leidet immer noch unter Guttenberg-Entzug. Der Parteichef tröstet - und untermauert seinen neuen Führungsanspruch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749935,00.html
da hat wohl selbst der Herr Seehofer den Gutti-Sympathiewerten aus Facebook und BILD glauben geschenkt und hofft wohl von den 87% und 500.000 Freunden die Hälfte abzubekommen. Das ist ja nur noch peinlich. Wenn dann die restlichen "Inhalte" nur aus niveaulosem SED-Gegröle und den albernen Steinewerfer-Partei besteht dann ist es wirklich höchste Zeit die CSU unter die 5% zu bringen.
takeo_ischi 09.03.2011
3. .
Zitat von arinariSoll dieser polemische Bericht eine Wahlempfehlung für die SPD sein?Ich denke , eine solide Zeitschrift zu lesen, aber es kommt mir vor, als lese ich in eine Propagandaschrift.
Bei solchen Problemen sollte man dann besser bei der Apothekenumschau bleiben...
O-Dannyboy 09.03.2011
4. Trost
Der Gutti kommt schon wieder, muss niemand traurig sein. Es sagen alle, Gutti sei weg, ist er aber nicht, sitzt doch zuhause rum in seinem Schloss, vielmehr seiner Burg. Und ist ja vielseitig begabt. Er muss doch nicht als Politiker wiederkommen. Da ist zum Beispiel die Moderation von "Wetten dass" vakant oder der Trainerposten beim FCB, da könnte er auch hübsch in Bayern bleiben, und hätte auch wieder alle seine CSU-Spezln um sich rum. Oder, auch ne Möglichkeit: Er vertritt im Duo mit Lena Deutschland beim nächsten Grand Prix. Oder etwas politiknäher: Er beerbt den Jean-Claude Trichet, das schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe; der Gutti ist wieder in aller Munde und Deutschland kriegt doch noch den EZB-Chef-Posten. Dass ihm bei der Deutschen Bank ein Job offen steht, ist ja eh klar. Da geht er aber nur gemeinsam mit seiner Frau hin, damit auch die Sache mit der Frauenquote gleich mit geklärt ist. Und und und ...
smilla21@web.de 09.03.2011
5. ach, ja, der Horst!
"Seehofer verteilt die Guttenberg-Droge" Als Frauenbeglücker war er ja schon schwer vorstellbar. Als Drogendealer gefällt er mir schon besser, so ein paar Tröpfchen ins Gläschen und schon läuft die Sache. Wenn er seine Rumpf-Csu mit dem geölten Blender aufpeppen will, mein Lieber, da gehört aber schon Mut zu. Es mag ja noch Leute geben, die ihr Leben auf einer Alm verbringen und die kann man mit dem Gelichteten vielleicht noch blenden. Was ist aber mit dem Rest, der jetzt schon nicht mehr csu wählt? Glaubt er denn, dass diese Leute einem Taschenspieler auf den Leim gehen, nur weil der Seehofer Horst ihm die Stange hält?
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