CSU-Bashing auf dem Nockherberg "Getrennt meucheln, gemeinsam erben!"

Was für eine Show! Selten zuvor hatte die CSU den Kabarettisten vom Münchener Starkbieranstich so viel Anlass zu Spott und Schadenfreude gegeben. Da wurde das diesjährige Derblecken eine Gaudi ohne Grenzen - bis hin zu Stoibers rührseligem Abschied von seinem Komiker-Double.

München - Als alle ihn am Ende verlassen haben, da besingt Edmund Stoiber zur Melodie von "Don't cry for me, Argentina" seinen Abschied: "Weint nicht um mich, Landeskinder, ihr werdet es schwer bereuen, es ist zu spät, spart euch die Tränen, ich werde weg sein - ihr kriegt den Beckstein."

Hinter ihm ziehen sie derweil die bayerische Fahne ein und versehen sie mit einem Trauerflor. Dann wird sie erneut gehisst. Evita-Herzschmerz-Stimmung durchzieht den Saal. Edmund Stoiber steigt von der Bühne, geht auf Edmund Stoiber zu, der steht auf, sie schließen sich fest in die Arme. Das Double Michael Lerchenberg aus dem Nockherberg-Singspiel und der echte Noch-Landesvater. Es ist beider letzter Auftritt. Stoiber verliert sein Amt, Lerchenberg nach zwei Dutzende Auftritten seine Muse.

Erst als das Double der Stoiber-Stürzerin Gabriele Pauli in roter Lederkluft und mit Motorrad auf die Bühne knattert, wird die traute Zweisamkeit zerstört.

Zur Erinnerung: Das ist nicht die persönliche Abschiedsgala des Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber. Das ist das traditionelle "Derblecken" beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg. Mit Freundlichkeit braucht ein Politiker da gar nicht erst zu rechnen.

"Was dir folgt, ist doch koa Volk, des sind Gstörte."

"Staatszirkus Nockherberg" heißt das Singspiel 2007, das neben der Großen Koalition in Berlin insbesondere die CSU-Führungskrise thematisierte. Als christsoziale Clown-Combo im Mittelpunkt: Die Herren Stoiber, Söder, Beckstein, Huber und Seehofer.

Da treten Beckstein und Huber als Clowns auf, die sich ihres Putsches gegen Oberclown Stoiber rühmen: "Getrennt meucheln, gemeinsam erben." Gegen Clown Seehofer machen sie gemeinsame Sache - "Da kommt wer, Achtung! Tandem bilden!" - und schlüpfen in eine gemeinsame Hose. Doch Seehofer weiß die Basis hinter sich: "Erwin, begreifs, das Volk will mich, nicht dich." Worauf Huber kontert: "Was dir folgt, ist doch koa Volk, des sind Gstörte."

Doch gegen die Salvator-Rede des Kabarettisten Django Asül ist das Singspiel eine Entspannungsübung. Denn der türkischstämmige Niederbayer hantiert beim Derblecken genannten Verspotten der Politiker mit dem verbalen Holzhammer. Zuerst erwischt es CSU-Generalsekretär Markus Söder. Der habe gesagt, er bleibe sein Leben lang Stoiberianer. Asül an Stoiber gewandt: "Der Söder ist für Sie wie Malaria, den kriegen Sie nie mehr los."

Edmund Stoiber selbst könne "erhobenen Hauptes" die politische Bühne verlassen: "Selbst in Berlin haben Sie sich ja aufs Angenehmste entbehrlich gemacht". Stoiber sei geläutert, wie "Saulus der zum Paulus wurde - auch wenn dazu erstmal Frau Pauli zur Sauli werden musste".

Seehofer im Spagat und in der Talkshow

Besonders Horst Seehofer mit seiner Liebesaffäre hat es Django Asül angetan. Er wirke ein "bissl rastlos", hält der Kabarettist dem Bundesagrarminister vor. Das sei aber kein Wunder, denn der müsse "ja auch einen Spagat nach dem anderen hinlegen. Zwischen Berlin und Bayern. Zwischen Image und Glaubwürdigkeit. Zwischen Privatleben und Familie." Es ehre den Minister, dass er sein "Privatleben aus der Öffentlichkeit" heraushalte, so Asül, der entgegen der Tradition nicht wie sein Vorgänger Bruno Jonas mit Mönchskutte, sondern im schwarzen Anzug predigt: "Um das allen klar zu machen, lassen Sie auch keine Talkshow aus", ruft er Seehofer zu.

Zum Schluss bekommt es noch einmal Stoiber ab: Es habe nicht viele Momente gegeben, "in denen Sie mit deutlicher Aussprache brilliert haben". Stoiber sei als "freiwilliger Politiker" gekommen und gehe "als unfreiwilliger Humorist", so Asül: "Sie sind längst Metaphysik. Sie sind entrückt aus all ihren Ämtern und doch noch da."

Der Brauch des Derbleckens geht zurück auf die Paulaner-Mönche. Vor 250 Jahren kämpften sie darum, ihr Starkbier auch außerhalb des Klosters ausschenken zu dürfen. So luden sie den Kurfürsten zur Bierprobe und der damalige Braumeister Barnabas las ihm die Leviten. Auf die Rezeptur von Bruder Barnabas geht auch das beim Derblecken ausgeschenkte Starkbier zurück. In diesem Jahr, so berichtet die Paulaner-Brauerei stolz, sei es mit einem Alkoholgehalt von acht Prozent besonders stark.

Ähnlich stark wie die Predigt von Django Asül alias Bruder Barnabas.

Die Politiker nehmen es professionell. Erwin Huber sagt, der Nockherberg sei "immer deftig, so stark wie das Bier". Sein Kontrahent um den CSU-Vorsitz sieht das ähnlich: "Ich kann damit leben, das war im Rahmen und korrekt", so Seehofer, der nach eigener Aussage mit noch härteren Attacken wegen seiner Liebesaffäre gerechnet hatte: "Wenn ich Fastenprediger wäre, würde ich's noch a bisserl deftiger machen." Markus Söder findet es "insgesamt gut, ein paar Stellen waren sehr deftig, aber das muss man aushalten".

Günther Beckstein, dem Django Asül in der Fastenpredigt "Oberwasser ohne Ende" diagnostiziert hat, meint zufrieden: "Ein türkischstämmiger Niederbayer ist etwas ganz Besonderes." Schon vor Beginn des Spektakels war Bayerns designierter Ministerpräsident in bester Stimmung und gab sich vor dem Hintergrund des anstehenden Starkbierausschanks beim Thema "erster Rausch" auskunftsfreudig: Er komme zwar aus der evangelischen Jugend, wo man Alkohol gemieden habe, aber als Student "hab' ich auch mal kräftig gesoffen", so Beckstein. Und er wisse noch, "wie es war, das Zimmer aufzuputzen".