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21. Juli 2015, 05:20 Uhr

CSU ohne Einfluss

... und zur Beerdigung kommt Merkel

Ein Kommentar von

Erst scheitert die Maut, heute das Betreuungsgeld, und bei der Eurorettung tappt Horst Seehofer der allmächtigen Kanzlerin hinterher. Die CSU verschwindet als eigenständige Kraft in Berlin.

Manch schöne Geschichte endet aus einem schnöden Grund. Weil die Miete zu teuer wird, wird die CSU im kommenden Januar aller Voraussicht nach zum letzten Mal in Wildbad Kreuth tagen. Das malerisch gelegene ehemalige Sanatorium im Tegernseer Tal gehört zur Parteigeschichte wie Biergärten zu Bayern. Franz Josef Strauß blies hier zum Angriff auf Helmut Kohl, und für Edmund Stoiber schlug auf diesem christsozialen Zauberberg politisch die letzte Stunde. Jetzt also noch einmal Kreuth, sogar die Bundeskanzlerin hat sich angesagt, die CSU ist richtig stolz darauf.

Der Mythos Kreuth stirbt, und zur Beerdigung kommt die CDU-Vorsitzende.

Es ist ein treffendendes Bild, denn im zehnten Regierungsjahr von Kanzlerin Angela Merkel wirkt die CSU nur noch wie der 16. Landesverband der größeren CDU - angepasst, brav, unsichtbar. Für eine Partei, die auf Deutschland gerechnet gerade mal auf sechs Prozent der Wählerstimmen kommt, ist das brandgefährlich. Die CSU braucht Erfolge in Berlin, auch um in Bayern an der Macht zu bleiben. So funktioniert das seit Jahrzehnten - bis jetzt.

Wie mit dem Tintenkiller gelöscht

Heute hat die CSU auch noch das Bisschen verloren, was sie in den Jahren mit Merkel durchsetzen konnte. Als das Bundesverfassungsgericht am Vormittag das Betreuungsgeld kippte, war ein weiteres CSU-Lieblingsprojekt perdu. Die Ausländermaut ist schon Geschichte, seit Brüssel ein Vertragsverletzungsverfahren einleitete. Wie mit einem Tintenkiller wird die christsoziale Handschrift aus zehn gemeinsamen Regierungsjahren mit Angela Merkel gelöscht.

Die CSU verschwindet als bundespolitische Kraft. Beim wichtigsten Thema der vergangenen Jahre ist sie gar völlig verstummt - der Eurorettung. CSU-Chef Horst Seehofer hat seinen Leuten blinden Gehorsam verordnet, was den Kurs der Kanzlerin angeht, jedes Widerwort gegen Merkel ist unerwünscht. Doch wer keine eigenen Ideen entwickelt, wird leicht übersehen. Als Merkel vor gut eineinhalb Wochen mit Finanzminister Wolfgang Schäuble und SPD-Chef Sigmar Gabriel die Strategie für den entscheidenden EU-Gipfel festlegte, war kein CSU-Mann im Kanzleramt dabei.

Dabei würden die meisten Christsozialen die Griechen am liebsten noch schnell vor dem Beginn der bayerischen Sommerferien aus dem Euro werfen. Doch Seehofer hegt die Kritiker ein. Sein Grund für den Kuschelkurs mit Merkel ist nicht etwa staatspolitische Verantwortung, sondern weit schlichter: Die Kanzlerin garantiert längst auch seine Wahlerfolge, Merkel ist in Bayern populärer als Seehofer selbst. Nichts darf die Kanzlerin beschädigen.

All das ist so klein, so provinziell, so rein bayerisch, dass man sich fragt, warum die Christsozialen im Verbund mit der CDU überhaupt noch Sonderrechte genießen sollen. Eine Performance wie die der CSU in Berlin schafft heute sogar die NRW-CDU, die, nebenbei bemerkt, sogar mehr Abgeordnete in den Bundestag schickt als die Christsozialen aus Bayern.

Ein christsoziales "Gagaprojekt" pro Legislaturperiode Merkel - zumindest diese Regel sollte heute enden. Kreuth 2016 wäre ein guter Ort für die Kanzlerin, die unliebsame Nachricht zu verkünden. Mit viel Widerstand müsste sie nicht rechnen. Es ist längst ihre CSU.

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