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05. Oktober 2018, 17:40 Uhr

CSU in der Krise

Das Ende ist nahe

Ein Kommentar von

Jahrelang haben Horst Seehofer und Markus Söder mit ihrem Machtkampf um die CSU-Herrschaft Bayern in Atem und die Republik in Geiselhaft gehalten. Sie stritten hart - nun droht der gemeinsame Absturz.

Die bayerische Landtagswahl ist die wichtigste Wahl der Welt. Wer in Washington herrscht oder Moskau, wer auch immer im Kanzleramt sitzt - all das ist vergleichsweise nebensächlich: Wahre Macht ist nur die Macht in Bayern, im schönsten, großartigsten, besten Bundesland, das jemals vom menschlichen Auge erblickt wurde.

Wer um diese Tatsache nicht weiß, der musste sich in den vergangenen Monaten und Jahren wohl ganz schön gewundert haben: Warum nur ist diese CSU immer so bockig? Warum fordern deren Leute ständig Sachen, bei denen andere nur den Kopf schütteln? Weshalb braucht es eine Pkw-Maut für Ausländer? Weshalb einen staatlichen Zuschuss für die häusliche Kindererziehung? Welchen Grund könnte es geben, bei Kriegsflüchtlingen von "Asyltourismus" zu reden? Was reitet den Bundesinnenminister, immer wieder die Große Koalition an den Abgrund zu treiben?

Die Antwort ist stets dieselbe: Bayernwahl, Bayernwahl, Bayernwahl. Man mag als CSU-Politiker vielleicht ein bundespolitisches Amt innehaben - alles Wollen und Wirken ist dennoch stets nur auf Bayern gerichtet.

Auch die seltsamste Volte christsozialer Politik ließ sich mit dem Wahlgang am 14. Oktober erklären: Die beinharte Opposition Horst Seehofers gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik betonte die Eigenständigkeit der CSU, sein regelmäßiges Einknicken belegte deren dann doch wieder vorhandene verlässliche Koalitionsfähigkeit.

Mal verschärfte Markus Söder den Ton in der Asyldebatte, um potentielle AfD-Stimmen bei der CSU zu halten. Es fruchtete wenig: Bei rechtsgesinnten Wählern kam eine immer radikalere AfD gerade gut an, die bürgerlichen drifteten derweil in Richtung der Grünen ab. Also schaltete Söder um auf eine säuselige Landesvatermelodie und gab den geläuterten Staatsmann. Den nimmt ihm aber auch keiner so richtig ab. Es ist wie verhext. Vom nächtlichen Rücktrittsdramulett bis zur selbstgebauten Weltraumrakete: Sie haben wirklich alles probiert. Aber nichts scheint zu helfen. Und jetzt ist das Ende nahe.

Nun ist schon länger niemand mehr davon ausgegangen, dass die CSU die absolute Mehrheit wird verteidigen können - anderslautende Lippenbekenntnisse ihrer Kandidaten waren nur noch Durchhalteparolen. Längst war klar, wie es nach der Wahl weitergehen würde: Der ungeliebte Parteichef Horst Seehofer würde schnellstens als Schuldiger ausgemacht, aller Ämter enthoben und heim nach Ingolstadt geschickt werden.

Kurzer Prozess nach althergebrachter Tradition der CSU. Zimperlich war sie nie mit Verlierern. Und es wäre ja auch naheliegend, Seehofer zum alleinigen Sündenbock zu machen: Das Irrlicht im Innenministerium strahlt weit über Berlin eine irrationale, verbohrte Kompromisslosigkeit aus, die schon längst nicht mehr als Machtwille imponiert, sondern zunehmend wirkt wie der alles zerstörende Rundumschlag eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat.

Nach jüngster Umfrage ist die CSU nun auf 33 Prozent abgesackt. Das ist ein Wert, den katastrophal zu nennen aus Sicht der Christozialen ein Euphemismus wäre. Damit wäre rechnerisch sogar eine bayerische Regierung ohne die ewige Regierungspartei möglich. Wenn die CSU tatsächlich so tief fallen sollte, dann wird der Partei ein einsamer Schuldiger Seehofer nicht mehr ausreichend sein, das Debakel zu sühnen. Dann muss auch Markus Söder gehen. Und das wohl zurecht.

Video: Warum die CSU diesen Stammwähler verloren hat

Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte lang hat Söder nach dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten gestrebt. Er war sich für keinen Unsinn zu schade, für keine Boshaftigkeit zu gut, brächte sie ihn nur an die Spitze und Horst Seehofer dem Abgang näher. Am Ende könnte es gerade dieses unbedingte Streben sein, das Markus Söders Karriere beendet, bevor sie für ihn richtig begonnen hat, bevor er sein großes Ziel erreichen konnte, Ministerpräsident und Parteichef in einer Person zu sein: Endlich bayerischer Alleinherrscher.

Alleinherrschaft, auch erträumte, hat allerdings ihre Nachteile: Kaum jemand findet so einen allzu strebsamen Regenten besonders sympathisch. Und ganz oben wird die Luft so dünn, dass es schwierig wird, noch einen klaren Kopf zu bewahren.

Das einigermaßen irre Foto, das der Ministerpräsident kürzlich von sich selbst per Tweet verbreitete, ist nur der jüngste, aber höchst eindringliche Beleg dafür, dass sich die Wahlkampfmaschine Söder angesichts der nahenden Niederlage kräftig überhitzt hat: Wer allen Ernstes vor einem überlebensgroßen Portrait seiner selbst posiert, wer sich wie ein Astronaut eines eigens erfundenen Weltraumprogramms inszenieren und sich gleichsam "Bavaria One" nennen lässt und das dann noch eigenhändig und stolz verbreitet - der hat ganz augenscheinlich jede Verbindung zur Normalität seiner Wähler verloren. Markus Söder ist offenbar in seinen ganz eigenen Kosmos entschwebt, davongeflogen wie ein bunter Gasballon: Leichter als Luft.

Zurück bleibt eine CSU, deren zwei größte Talente sich gegenseitig so heftig zum Wohle der Partei bekämpft haben, dass diese Partei schweren Schaden genommen hat. Sie wird sich vollkommen neu erfinden müssen.

In Bayern brechen neue Zeiten an.

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