CSU findet sich selbst Beten und Abschieben

Huber und Beckstein drohte ein Rückschlag - doch am Ende jubelten ihnen die Delegierten zu. Hubers Bekenntnis zu klassischen Werten und Becksteins harte Kante gegen kriminelle Ausländer kamen auf dem Parteitag in Nürnberg gut an. Da war die Merkel-Show vom Vortag fast vergessen.

Von , Nürnberg


Nürnberg - Am Ende muss der alte Rivale den Parteichef loben: Ja, Erwin Huber habe die Delegierten motiviert, sagt Parteivize Horst Seehofer: "Hubers Rede war sehr familiär, aufs Innenleben der CSU abgestellt."

Das war tatsächlich ihre Stärke. Und Hubers Rettung.

Denn es sah anfangs nicht gut aus für den Vorsitzenden der Christsozialen - nachdem Kanzlerin Angela Merkel auf dem CSU-Parteitag zuvor eine ihrer rhetorisch besseren Leistungen abgeliefert, die kleine Schwesterpartei niedergelobt, Hubers Wunsch nach Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale erneut abgelehnt - und allein eines Nebensatzes gewürdigt hatte.

Gepoltert, gekämpft, gewonnen: Ministerpräsident Beckstein drehte mit seiner Rede die Stimmung auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg
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Gepoltert, gekämpft, gewonnen: Ministerpräsident Beckstein drehte mit seiner Rede die Stimmung auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg

So hat Huber schon Stunden vor seiner Rede an diesem Samstag in Saal 7B der Messe Nürnberg offensichtlich Lampenfieber. Er blättert in seinem Manuskript, er fügt Notizen ein, er reißt Blätter raus.

Und als es dann in der Mittagszeit endlich losgehen soll, da ist der für die tausend Delegierten hergerichtete Saal zunächst halbleer. Nicht wenige Delegierte sind bereits abgereist. Nachdem sie CDU-Chefin Merkel am Freitag bejubelt haben, scheinen sie von ihrem eigenen Vorsitzenden nicht mehr viel zu erwarten.

Wenn die Parteitagskameras den Saal abschwenken, erscheinen nun leere Sitzreihen rot gepolsterter Stühle links und rechts auf den Großbildleinwänden hinter Redner Huber. Der versucht sich derweil in der Kategorie Schreckensszenario: Wenn die CSU ihre Macht verliere, "wird Bayern in wenigen Jahren abgestürzt sein". Die SPD mache sich eines "historischen Sündenfalls" schuldig, weil sie auch in Bayern mit "Kommunisten und Trotzkisten" - Huber meint die Linkspartei - zusammenzuarbeiten gedenke. Und die Grünen seien "geifernd": "Wer Hass predigt, der handelt nicht im christlichen Geiste."

Bayern in Gefahr! Das wirkt, die Delegierten gehen mit. Das erste Mal. Huber streckt jetzt den rechten Zeigefinger aus, deutet ins Publikum: Aber zur Bewahrung Bayerns "muss auch jeder von euch etwas beitragen".

Nein, es folgt keine Wutrede á la Uli Hoeneß über die "Scheiß-Stimmung" des Publikums. Obwohl der Jubel für Merkel und die maue Begeisterung für die eigenen Spitzenleute am Vortag den CSU-Granden natürlich aufgefallen war - und jeder von ihnen in nahezu jedem Journalistengespräch darauf hinwies, dass dies auch in früheren Jahren öfter vorgekommen sei. Ja, dass sogar der große Franz Josef Strauß auf CSU-Parteitagen nicht immer mit Jubel rechnen konnte - Ex-CDU-Kanzler Helmut Kohl dagegen schon.

"Durcheinander der Werte in Deutschland"

Huber kam bisher nicht an vor großem Publikum: Zu hölzern, zu verkrampft, die Pointen überlesend. An diesem Samstag in Nürnberg nun aber hält er seine bisher beste Rede als Parteichef. Indem er sich an seine Leute ranpirscht. Indem er an die CSU-Familie, an die gemeinsame "Kampf- und Wertegemeinschaft" appelliert.

Erwin Huber bastelt sich und den Rest-Delegierten von Nürnberg eine rhetorische Trutzburg - an der kann er Kritik abperlen lassen, mehr noch: sie sogar zur Verstärkung dieses Wir-Gefühls einsetzen. So wirft Huber etwa "den Medien" Missverständnisse in Sache CSU vor, es gehe ihnen eben "in erster Linie um die Frage: Wo wird gestritten?".

Nicht vom Streit spricht nun aber Huber. Sondern von der Volkspartei CSU und deren 170.000 Mitgliedern. Davon, dass dieser Parteitag "ein Querschnitt des Volkes" sei; dass man nicht dem Zeitgeist hinterherlaufen, sondern ihn prägen wolle.

Das kommt an. Einige rufen "Bravo!". Huber wird lockerer. Steht er sonst auf Zehenspitzen schräg hinterm Rednerpult, sich mit beiden Händen an den Seiten festklammernd, so stützt er in Nürnberg lässig mal den linken, mal den rechten Ellbogen auf. Er lobt jetzt jeden einzelnen aus der Führungsriege der Partei, ruft die einzelnen Namen auf - und erinnert an die Erfolge der Vergangenheit: das Offenhalten der deutschen Frage durch die Verfassungsklage Bayerns gegen Willy Brandts Grundlagenvertrag mit der DDR; oder der "Kampf gegen den Asylmissbrauch" in den Neunzigern.

Und nun der Ärger mit der Kanzlerin um die Pendlerpauschale? Huber betont lässig: Wenn Merkel sage "Jetzt nicht", dann sei das doch kein Grund für ein Zerwürfnis.

Nein? Dafür haben Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein in den letzten Wochen doch ein bisschen zu heftig gen Berlin gestänkert.

Aber der Wir-Gefühl-Huber will davon nichts mehr wissen. Er ist bei Höherem angelangt. "Wir haben eine Mission, einen ganz speziellen Auftrag: Werte in die Politik zu bringen." Denn in Deutschland herrsche "ein Durcheinander der Werte, wenn überhaupt noch welche da sind".

Schon Beckstein, der im Herbst als CSU-Spitzenkandidat in die Landtagswahl geht, hat diese Thematik kurz zuvor in seiner Rede herausgehoben: Es sei "bayerisches Spezifikum", junge Menschen "in den Werten zu erziehen". Beckstein nennt "Leistungsbereitschaft, Disziplin, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft".

"Wer sich so verhält, gehört hinaus"

Schließlich kommt er - vor seiner Ministerpräsidentenzeit 14 Jahre bayerischer Innenminister - auch auf die kürzlich verurteilten U-Bahn-Schläger von München. Bayern wolle sie nach Verbüßung der Haftstrafen in ihre Heimatländer abschieben: "Wer sich so verhält, nachdem er alle Segnungen des Sozialstaats genossen hat, der gehört hinaus, hinaus", ruft Beckstein in die Halle. Und erntet Jubel. Die CSU sei "für die Anständigen da - und nicht für die Verbrecher".

Für jeden, der nach Deutschland komme, gelte die "Hausordnung": "Wir verlangen die Bereitschaft, sich bei uns einzufügen, unsere Leitkultur mit den Wurzeln Christentum, Aufklärung, Humanismus anzuerkennen." Es werde ja keiner gezwungen, nach Deutschland zu kommen: "Wenn jemand zwangsweise hierher verschleppt wurde, dann helfe ich ihm gern wieder hinaus", fügt Beckstein mit einem Augenzwinkern an.

Hubers CSU-Familie samt Wertemission, Becksteins klassische Hardliner-Themen: Mit dieser Mixtur dreht das Führungstandem den Parteitag doch noch zu seinen Gunsten.

Das Familien-Motiv findet seinen symbolischen Schlusspunkt im Aufmarsch aller Bezirkstags- und Landtagskandidaten vorne auf der Bühne, Huber und Beckstein mittendrin. Es sind über 200 Leute. Und die meisten Namen werden einzeln aufgerufen. Man müsse nah ran an die Menschen, hat Huber vorher in seiner Rede gesagt. Bezogen auf die Parteifreunde hat er das an diesem Tag geschafft.



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