CSU-Fraktion tief zerstritten Seehofer nur Reservekandidat für Beckstein-Nachfolge

Vier Kandidaten gibt es für die Beckstein-Nachfolge: die Minister Goppel und Hermann, Fraktionschef Schmid - und den designierten Parteichef Seehofer. Dessen Vorgänger Huber erklärt jetzt, Seehofer zähle nicht wirklich zu den Bewerbern. Eine Entscheidung soll erst in einer Woche fallen.

Von und , München


München - Es war kurz nach halb vier, als der scheidende CSU-Chef Erwin Huber vor die verblüfften Journalisten in München trat. Nach der Sitzung der Fraktion erklärte er, gebe es jetzt drei Kandidaten um die Nachfolge des zurückgetretenen Ministerpräsidenten Günther Beckstein: Innenminister Joachim Herrmann, Wissenschaftsminister Thomas Goppel und Fraktionschef Georg Schmid hätten in der Fraktion ihr Interesse bekundet.

Goppel, Herrmann, Schmid, Seehofer: Land und Partei in einer Hand?
DPA

Goppel, Herrmann, Schmid, Seehofer: Land und Partei in einer Hand?

Und Horst Seehofer? Der designierte Parteichef habe erklärt, er wolle nur als Ministerpräsident antreten, wenn sich die Fraktion nicht auf einen Bewerber aus ihren Reihen verständigen könne.

Seehofer - ein höflicher Gentleman, der auf mehr Macht verzichtet? Nur ein Notnagel für die CSU? In der Partei herrscht nach dem Wahlfiasko und dem Rücktritt des alten Führungsduos offenes Chaos. Bemerkenswert: Die Entscheidung über die Nachfolge des Ministerpräsidenten solle in einer Woche fallen, erklärte Fraktionschef Schmid nach der Sitzung.

Es war das Ende eines dramatischen Tages für die CSU - begonnen hatte alles mit der Rücktrittserklärung am Mittag. Seit der Wahlniederlage war der Rücktrittsdruck auf Günther Beckstein Stunde um Stunde gewachsen. Die Fraktionssitzung sollte jetzt über sein Schicksal entscheiden.

Doch der Ministerpräsident ließ es nicht dazu kommen.

Kaum waren die nurmehr 92 Abgeordneten - vor dem Wahldebakel waren es noch 124 - zusammengekommen, zog sich eine Vierer-Gruppe aus Beckstein, Huber, Seehofer und Schmid in dessen Büro zurück. "Die treffen jetzt ein Agreement", sagt ein Abgeordneter auf dem Flur.

Nicht ganz. Denn die Vier fanden keine Einigung. Er werde der Fraktion in wenigen Minuten seinen Rückzug ankündigen, sagte Beckstein. Aber wer soll sein Nachfolger werden? Keiner mochte es entscheiden. Jetzt sollte erst mal die Fraktion diskutieren.

Beckstein steht kurz darauf vor Abgeordneten, die ihm mit Applaus für seine knapp 12 Monate im Amt danken. Es ist aus.

Er werde nicht mehr als Ministerpräsident antreten, sagte Beckstein später vor Journalisten. Nach der "schmerzlichen Wahlniederlage" spüre er, "dass der Rückhalt von mir in der Partei nicht groß genug ist" - auch wenn das "regional etwas unterschiedlich ist".

Und auf diese Regionen kommt es jetzt an. Denn während die Franken eigentlich weiter auf ihren Landsmann Beckstein setzen wollten, hielten die Oberbayern dagegen. Sie hatten am Sonntag mit minus 20 Prozentpunkten die höchsten Verluste zu verzeichnen. So wirbt etwa der Münchner Abgeordnete Ludwig Spaenle für Seehofer, selbst Oberbayer: "Partei und Land in einer Hand!" Manche Niederbayern dagegen zeigten sich schockiert über den Rücktritt ihres Landsmanns Huber. Sie versuchen nun, Seehofer zu verhindern.

In der Fraktion prallten mehrere Machtblöcke gegeneinander. Und mittendrin saß einer hinter seiner silbernen Teekanne, der in den vergangenen Tagen viel telefoniert hat: der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber. Seine interne Botschaft im Vorfeld der Sitzung: Beckstein dürfe nicht weitermachen. Dabei hat gerade eine Emnid-Umfrage für den TV-Sender N24 ergeben, dass 48 Prozent der Bayern Beckstein als Ministerpräsidenten favorisieren. Horst Seehofer kam bei dieser Erhebung auf nur 28 Prozent.

Hinter verschlossenen Türen rang die Fraktion um die Verfahrensweise zur Nominierung des neuen Ministerpräsidenten. Ergebnis: In einer Woche will man erneut zusammenkommen. Spätestens dann muss sich die Fraktion auf einen Kandidaten verständigt haben - oder Seehofer tritt ebenfalls an.

Joachim Herrmann, Bayerns bisheriger Innenminister, 52-jährig und Franke, ist jedenfalls beliebt in der Fraktion. Er war vier Jahre lang ihr Vorsitzender. Herrmann hat - neben Seehofer - den CSU-Abgeordneten bereits signalisiert, dass er sich das Amt zutraue und übernehmen würde.

Dann ist da Goppel, bisher Wissenschaftsminister unter Beckstein. Der Sohn des früheren Ministerpräsidenten Alfons Goppel (1962 bis 1978) zeigte schon am Dienstag Interesse: Falls Beckstein nicht mehr antrete, verweigere er sich "nicht jeder Kandidatur", so Goppel zum "Münchner Merkur". Er werde "dann unter Umständen kandidieren".

Und da ist Georg Schmid, der CSU-Fraktionschef im Landtag. Der 55-jährige war zuvor Becksteins langjähriger Staatssekretär im Innenministerium. Kaum Vorsitzender der CSU-Abgeordneten im Landtag, drückte er das umstrittene scharfe bayerische Rauchverbot durch.

Für Horst Seehofer eine vertrackte Situation. Er wollte nicht vorpreschen, wartete auf einen Ruf. Die Landtagsfraktion hat den Berliner Bundesminister am Morgen mit nur höflichem Applaus aufgenommen. Denn sie begreift sich als "Herzkammer" der Partei, hier und nicht in Berlin wurden in der Vergangenheit die maßgeblichen Personalentscheidungen getroffen. Bei jedem Staatssekretär, den ein Ministerpräsident von außerhalb dieses Kreises berief, gab es teils heftigen Widerspruch. Und jetzt soll der Ministerpräsident aus Berlin kommen?

Das gelang bisher nur Franz Josef Strauß. Der kam 1978 aus dem Bonner Bundestag nach München und verdrängte Goppel aus der Staatskanzlei. Aber Strauß war eben Strauß.

Seehofer taktiert weit vorsichtiger. Nichtmal den Weg zur Toilette geht er durchs Spalier der Kameras und der fragenden Journalisten. Er nimmt die Feuertreppe aus dem Fraktionssaal. "Ich möchte einfach mal freies Geleit für ein Bedürfnis, dass ein Mensch hat", sagt er, grinst und tritt den Rückweg an. Über die Feuertreppe.

insgesamt 1101 Beiträge
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Seite 1
mbberlin, 30.09.2008
1.
Viel Auswahl bleibt ja sonst nicht und einer muss es ja machen. Immerhin hat Seehofer in Bayern anscheinend keinen besonderen Ruf, den er noch irgendwie großartig verspielen könnte. Das ist doch ein klarer USP! :-)
Balu2 30.09.2008
2. Ist Seehofer der richtige Mann für die CSU
Zitat von sysop13 Monate war er im Amt - jetzt tritt Erwin Huber als CSU-Chef zurück. Er werde auf dem Sonderparteitag Ende Oktober sein Amt zur Verfügung stellen, sagte Huber auf einer Pressekonferenz. Bundesminister Horst Seehofer ist bereit, sein Nachfolger zu werden. Ist Seehofer der richtige Mann für die CSU-Spitze?
Die Südzucker wird schon genug Öffentlichkeitsarbeit leisten um Seehofer zu stärken.
Heidelerche, 30.09.2008
3.
Wozu braucht man eine CSU-Spitze? Soll die CDU die aufmüpfige "Schwsterpartei" doch integrieren. Hier in S-H oder in NRW gibt es ja auch keine Extrawürste!
Wabalu, 30.09.2008
4. Seehofer hätte gleich Parteichef werden sollen!
Das Schwergewicht im physischen und psychischen Sinne wird trotz seiner Einzelgängerattitüten zunächst einmal Ruhe in die CSU tragen. Er sitzt in Berlin am Kabinettstisch. Er steht für das S in der CSU. Viele sagen ja, Seehofer könnte auch in der SPD reüsieren. In der Bundespolitik mischt er seit 92 mit. Trotz Herzinfarkt und Schlammschlacht gegen ihn glaube ich, dass er jetzt der richtige Mann ist. Allerdings ist es immer wieder traurig ansehen zu müssen, dass die Personaldecke hinsichtlich jüngerer Kräfte für Spitzenpositionen in den Parteien so dünn ist.
Balu2 30.09.2008
5. Er steht für das S in der CSU
Zitat von WabaluDas Schwergewicht im physischen und psychischen Sinne wird trotz seiner Einzelgängerattitüten zunächst einmal Ruhe in die CSU tragen. Er sitzt in Berlin am Kabinettstisch. Er steht für das S in der CSU. Viele sagen ja, Seehofer könnte auch in der SPD reüsieren. In der Bundespolitik mischt er seit 92 mit. Trotz Herzinfarkt und Schlammschlacht gegen ihn glaube ich, dass er jetzt der richtige Mann ist. Allerdings ist es immer wieder traurig ansehen zu müssen, dass die Personaldecke hinsichtlich jüngerer Kräfte für Spitzenpositionen in den Parteien so dünn ist.
Wenn sie das .S. meinen wofür er steht können sie es auch ausschreiben.SÜDZUCKER
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