Besuch an der CSU-Basis Unmut am Stammtisch

Der CSU droht bei den Landtagswahlen ein Desaster, in Umfragen liegt die Partei unter 40 Prozent. Der Asylstreit mit der CDU-Schwester wühlt die Basis noch immer auf. Ein Besuch in Oberbayern.
CSU-Stammtisch in Bad Wiessee mit Ilse Aigner, dem Bürgermeister von Holzkirchen Olaf von Löwis, Maria Furtwängler und Uli Hoeneß

CSU-Stammtisch in Bad Wiessee mit Ilse Aigner, dem Bürgermeister von Holzkirchen Olaf von Löwis, Maria Furtwängler und Uli Hoeneß

Foto: SPIEGEL ONLINE

Als die moderierte Stammtischrunde vorbei ist, erhebt sich Reinhard Kremmling als Erster. So als sei er bestellt worden, um die Krise der CSU an diesem heißen Donnerstagabend zu dokumentieren. Hier im tiefschwarzen Stammland der Christsozialen, in Oberbayern am Tegernsee.

Kremmling kommt aus dem Allgäu, ein Mann mittleren Alters, der sich seit jeher der CSU zugehörig fühlte, sich viele Jahre lokalpolitisch für die Partei engagierte. Doch nun, nach zehn Jahren als Ortsvorsitzender, habe er aus Protest gegen die seiner Meinung nach viel zu "einseitige" Art von Asylpolitik die Partei verlassen. "Unmöglich" finde er den Stil von Horst Seehofer, sagt Kremmling.

Drei weitere Ortsvorsitzende aus der Region seien aus den gleichen Gründen ausgetreten. Er wünsche sich, dass Leute, die "sich eher zur Mitte hin sehnen, auch wahrgenommen werden" - aber sein entsprechender Brief an die Parteiführung sei unbeantwortet geblieben. "Das finde ich schade, dass man uns so ziehen lässt."

Am 14. Oktober wählt Bayern einen neuen Landtag, und für die CSU ist die Lage düster. Die absolute Mehrheit ist Umfragen zufolge in weiter Ferne, zuletzt lag man sogar unter der 40-Prozent-Marke. Der von den CSU-Oberen heraufbeschworene Streit mit der CDU in der Flüchtlingspolitik, der die Koalition an den Rand des Zusammenbruchs brachte, die populistischen Parolen von Seehofer und Ministerpräsident Markus Söder, haben der Partei offensichtlich geschadet. Wertkonservative christliche Wähler wenden sich ab. Neue parteiinterne Gruppierungen wie die "Union der Mitte" machen die Parteiführung nervös.

Die Krise wird ignoriert

Reinhard Kremmling ist in den Postsaal gekommen, um gehört zu werden - in einer Region, wo die CSU bislang mit ihre stärksten Ergebnisse erzielt hat. Hier am idyllischen Tegernsee in der Gemeinde Bad Wiessee, wo Bayern aussieht wie auf einer Postkarte, haben sich die örtlichen CSU-Vertreter - der Bürgermeister der Stadt Holzkirchen, Olaf von Löwis, und die Stimmkreisabgeordnete und Vizeministerpräsidentin Ilse Aigner - prominente Gäste an die Seite geholt: die Schauspielerin Maria Furtwängler und Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München.

Beide haben einen Wohnsitz am See, sie sollten die Menschen locken. Denn auch hier in den bayerischen Voralpen ist die Krise der Partei längst angekommen. Bei den letzten Bundestagswahlen büßte die CSU im dortigen Wahlbezirk mehr als zwölf Punkte ein, bekam nur noch 41,6 Prozent. Aber immerhin, der Glamourfaktor funktioniert: Mehr als 300 Menschen wollen Furtwängler und Hoeneß sehen.

Der Abtrünnige Kremmling erfährt an diesem Abend allerdings nicht viel Trost - jedenfalls nicht von Aigner. Sie fände es sehr schade, dass er ausgetreten sei. Eine Volkspartei wie die CSU habe eben eine große Bandbreite, erklärt sie. In der Vergangenheit sei es immer gelungen, alles unter einen Hut zu bekommen. Wenn die Umfragen im Moment nicht so seien, wie man es sich wünsche, so sei doch im Vergleich mit anderen Parteien immer noch eine große Breite gegeben. So etwas werde man in Europa kaum noch finden.

Applaus, wenn Hoeneß spricht

CSU-Geschäftsstelle am Tegernsee

CSU-Geschäftsstelle am Tegernsee

Foto: imago

Die Situation ist für Aigner heikel. Sie selbst hat sich im Flüchtlingsstreit betont zurückgehalten. Gleichzeitig kann sie öffentlich nicht von Seehofer oder Söder abrücken.

Und so werden während des Stammtisch-Gesprächs mit Furtwängler und Hoeneß die CSU-Krise und die Flüchtlingspolitik lieber ignoriert. Stattdessen geht es um Frauenfußball, den Umgang mit den Medien und Heimatliebe. Man spricht über Naturschutz, Handysucht, den Fall Özil. Die Zuhörer sind vor allem dann entzückt, wenn Bayern-Präsident Uli Hoeneß eine seiner Weisheiten oder Einsichten zum Besten gibt. Was zählt an diesem Abend: gute Stimmung.

Doch die Frage, wie die CSU Volkspartei bleiben kann, bleibt. Und auch die Zerrissenheit der Anhänger lässt sich hinter flotten Hoenß-Sprüchen nicht vollends verbergen. Im persönlichen Gespräch jenseits des Podiums tritt sie offen zutage.

Da sind die glühenden Seehofer/Söder-Fans wie der CSU-Nachwuchspolitiker der Jungen Union. Die aktuellen Umfragen bildeten nicht die Realität ab, es gebe eine schweigende Mehrheit für die CSU, glaubt er. Den Stil Seehofers halte er für einen "sehr guten politischen Stil". Ähnlich wie den von US-Präsident Donald Trump.

Aber es gibt auch etliche, die Kritik üben: Seehofer und Söder hätten übertrieben, aber wie Angela Merkel es macht, sei eben auch falsch. Und man wünsche sich, dass sich die CSU auch für andere Themen öffentlich einsetze, nicht nur über Flüchtlinge spreche.

"Die Angie", sagt ein Rentner aus einer der Seegemeinden, "die will ja die Mutter Theresa von Europa werden, nur dass Mutter Theresa selbst geholfen hat. Angie aber lässt uns helfen." Ob er es richtig finde, wie Seehofer agiert habe? Nein, denn das sei ja menschenfeindlich gewesen, denn jeder Flüchtling sei eben in erster Linie ein Mensch. "Kriegsflüchtlingen muss geholfen werden, erst recht, wenn sie schon hier sind." Es sei aber falsch, Menschen anzulocken. Die Politik müsse in richtige Bahnen gelenkt werden. Wie das gehen soll? Maßvoll, findet er.

Den Menschen die Angst nehmen, klarmachen, dass sich eine Lage wie 2015 nicht wiederholen werde, weil längst gegengesteuert wurde, darum müsse es gehen, sagt CSU-Mann Olaf von Löwis, Bürgermeister von Holzkirchen. Auch er findet, dass die Parteigranden überdreht hätten, eigentlich richtige Themen würden falsch verpackt - wegen der AfD. Dabei könne man doch erklären. Und zeigen, dass man die Situation im Großen und Ganzen im Griff habe.

Von Löwis hat eine Hoffnung: "Vielleicht führen ja jetzt die schlechten Umfragewerte zu einer anderen Strategie."

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