CSU-Jubiläum Missglückte Seelenmassage

Traurige Stimmung zum Parteijubiläum: Ein CSU-Chef Edmund Stoiber, der sich kleinlaut entschuldigt, ein Bundesminister Horst Seehofer, der seine Freude an der Macht zur Schau stellt und eine Basis, die nicht feiern will - selbst die Kanzlerin konnte nicht helfen.

Von , München


München - Der katholische Pfarrer lächelte verschmitzt. Gerade hatte er der christsozialen Gemeinde in der Münchner Mariahilf-Kirche erläutert, dass deren neugotischer Glockenturm Vorbild für den Dom in Köln gewesen sei. Das sei eben so üblich im Norden Deutschlands, "es ist zwar alles ein bisschen größer, aber nur die Kopie, das Original steht in Bayern". Und was der Münchner Glockenturm für die Kirchenlandschaft, das sei die CSU für die Parteienlandschaft: Ein oft kopiertes Original.

Aus Dankbarkeit für diesen Gnadenerweis atmeten die Teilnehmer des ökumenischen Gottesdienstes zum 60. CSU-Geburtstag nahezu kollektiv auf - im hallenden Sakramentalbau war das eindrucksvoll zu vernehmen. Der seit dem miesen Ergebnis bei der Bundestagswahl geschundene Corpus CSU lechzt nach Tröstung und Selbstvergewisserung. Da ist der Spruch vom Original noch immer gut angekommen.

So wirkte die gesamte Parteispitze recht fidel, als sie nach einer Stunde aus der Kirche in düsteres Regenwetter hinaustrat. Die Geburtstagsparty stieg nebenan auf dem Nockherberg, einer Art überdachtem Biergarten mit edlem Ambiente. Auch hier noch inszenierte sich die CSU als verschworene Gemeinschaft: "Aus allen Landesteilen sind unsere Familienmitglieder gekommen", begrüßte Generalsekretär Markus Söder die 250 Gäste im Stil eines Mafia-Paten.

Launige Rede der Bundeskanzlerin

Seit wenigen Tagen ist die Familie wieder in bundespolitischer Regierungsverantwortung. Deshalb konnte die große Schwester dem Original aus Bayern launig als Bundeskanzlerin gratulieren: "Ohne einander kommen wir nicht aus, auch wenn wir es miteinander manchmal nicht leicht haben", sagte Angela Merkel und überbrachte die "Glückwünsche von 600.000 CDU-Mitgliedern". Den lang anhaltenden Begrüßungsapplaus kommentierte sie gut aufgelegt: "Heben Se sich mal ein bisschen was auf für den nächsten Parteitag, wer weiß, wie's dann steht, dann nehm' ich meinen Restapplaus."

Wie zuvor der Priester in der Kirche mühte sich nun auch Merkel um die darniederliegende Moral der CSU: "Man wird ja manchmal ganz depressiv, wenn man aus dem CDU-Gebiet kommt und die Bayern bei allen Ziffern in Wirtschaft oder Bildung vorn liegen sieht." Solch eine Aufbauhilfe erhält die CSU selten von der Schwesterpartei. Und die Seelenmassage ging weiter. Sie habe Franz Josef Strauß "leider nicht erleben können", sagte die Bundeskanzlerin, "er hat sich nicht davon abbringen lassen, an die deutsche Einheit zu glauben". Den Älteren im CSU-Publikum kamen da schmerzlich die von Strauß durchgesetzten Milliardenkredite für die DDR ins Gedächtnis, die das Honecker-Regime Anfang der 80er stabilisierten.

Stoibers kleine Selbstkritik

Nachdem Merkel auch noch gesagt hatte, dass die "CDU ab und an von Ihnen lernen" kann, übernahm CSU-Chef Edmund Stoiber ganz selig das Rednerpult. Von da an ging es abwärts mit der Party auf dem Nockherberg. Stoiber las seinen anfangs historischen Vortrag im Duktus einer Parteitagsrede vom Blatt ab. Er sprach von den Nachkriegswirren, in denen die Väter mutig die CSU als interkonfessionelle Volkspartei gegründet hätten. Er dankte Angela Merkel und sagte, dass die Zeiten des Beschlusses von Kreuth, als die CSU 1976 die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag auflöste, "längst überwunden" seien. Nachdem Stoiber noch ein bisschen über christliche Werte gesprochen hatte, kam er zu sich selbst: "Als Menschen sind wir vor Fehlern nicht gefeit", da könne sich niemand ausnehmen. "Das gilt für jeden von uns, auch für mich", so Stoiber.

Die Demutstour des Dr. Edmund Stoiber scheint noch nicht abgeschlossen. Von der Parteibasis erhofft er sich die Absolution für seine Schaukelpolitik zwischen Berlin und München. Doch die schweigt mittlerweile einfach nur noch, die offene Kritik ist einer Gleichgültigkeit gewichen, die für Stoiber gefährlich werden kann. Die meisten sagen, der Chef habe jetzt noch eine Chance, die Umfragewerte in Bayern bis in den nächsten Sommer wieder über die 50-Prozent-Marke zu hieven. Wenn das missglücke, sei er eben weg. So einfach ist das. Die Gleichgültigkeit vieler Funktionäre war unmittelbar im Vorfeld des Geburtstags peinlich spürbar: In der Parteizentrale häuften sich die Absagen, viele wollten einfach nicht mitfeiern. Generalsekretär Söder fürchtete schon leere Bänke am Nockherberg. Schnell wurden noch Einladungen an die CSU-Kreisverbände verschickt.

"Das Leben ist schön"

Während sich bei unmotivierten Videoeinspielungen über die CSU-Geschichte das Publikum langweilte, war einer ganz entzückt - von sich selbst. Der frisch gekürte Berliner Landwirtschaftsminister Horst Seehofer erfreute sich der wieder erlangten Bedeutung: "Sie haben mich ja schon für klinisch und politisch tot erklärt, jetzt aber bin ich wieder da", ließ er die Journalisten wissen. Schon zuvor in der Kirche führte Seehofer die Insignien der Macht vor, seinen Bodyguards wich er nicht von der Seite. Wie Django stand er da breitbeinig auf einem Lüftungsgitter und ließ sich warme Luft in den Mantel blasen. "Das Leben ist schön", sagte er am Abend.

Derweil suchten andere die schlechte Stimmung anlässlich des 60. und Stoibers Rede zu erklären: "Es ist doch klar, dass ein Grundsatzvortrag die Leute nicht auf den Tischen tanzen lässt", sagte Landtagsfraktionschef Joachim Herrmann, es gehe eben "heute nicht darum, die SPD abzuwatschen". Der ehemalige bayerische Europaminister Reinhold Bocklet kritisierte "den Versuch einer Eventkultur hier am Nockherberg", dabei verkaufe sich die Partei aber "unter Wert". Bocklet hätte lieber in der Münchner Residenz gefeiert, "das wäre passender für eine Staatspartei".

Am Nachmittag in der Mariahilf-Kirche hatte auch ein protestantischer Pfarrer gesprochen. Der Mann sah dem SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck nicht unähnlich und las der CSU-Gemeinde aus Paulus' Brief an die Thessalonicher vor: "Haltet Frieden untereinander." Das klappte nachher ganz gut, Stoiber war eben nur der Gleichgültigkeit ausgesetzt. Der Pfarrer aber zitierte auch: "Seid allezeit fröhlich." Um 22:30 Uhr war die Party auf dem Nockherberg trotz Freibier zu Ende, die Tische verwaist.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.