CSU-Klausur Warum Seehofer nicht mehr über Guttenberg reden will

Aus, vorbei! CSU-Chef Seehofer legt ein Schweigegelübde ab, will die Personaldebatte über Karl-Theodor zu Guttenberg nicht mehr befeuern. Eine Kampfkandidatur um den Vorsitz ist unwahrscheinlich, doch der Partei droht eine andere Gefahr: der Absturz in die bundespolitische Bedeutungslosigkeit.
CSU-Chef Seehofer: "Viele lustige Charaktere"

CSU-Chef Seehofer: "Viele lustige Charaktere"

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Horst Seehofer macht seinen Leuten das Leben ganz schön schwer. Wer ermessen will, warum der Vorsitzende und die Christsoziale Union manchmal ein paar Schwierigkeiten im partnerschaftlichen Umgang haben, dem mögen zu Beginn zwei Szenen zur Aufklärung und wohl auch Erheiterung dienen.

Man muss nur mal auf Hans-Peter Friedrich achten.

Im Berliner Bundestag ist er der Chef der CSU-Abgeordneten; im tiefen Schnee des Tegernseer Tals aber der Zeremonienmeister der Klausurtagung von Wildbad Kreuth. Und da darf natürlich nichts schiefgehen. Deshalb weicht Friedrich seinem Vorsitzenden nicht von der Seite. Friedrich ist ein Mann, der wissend über "Sachpolitik" reden kann und von Humor in der Politik nicht allzu viel hält. Horst Seehofer mag das genau andersherum sehen.

Erste Szene, früher Mittwochnachmittag, Ankunft in Wildbad Kreuth. Die CSU liegt in einer Umfrage bei 45 Prozent - allerdings nur wegen Karl-Theodor zu Guttenberg, wie die Meinungsforscher versichern.

Frage eines Reporters: Werden Sie Ende 2011 noch Vorsitzender sein?

Seehofer: "Ja. Ja. Ja."

Frage: Was geschieht, wenn Guttenberg auf dem Parteitag im November gegen Sie antritt?

"Ich habe es immer auch als ein Stück Selbstverständlichkeit in der Demokratie betrachtet, dass es möglich sein muss, dass es Auswahlen gibt."

Seehofer grinst. Friedrich zuckt. Die Reporter: Wie, Kampfkandidatur? Seehofer grinst weiter. Friedrich schüttelt den Kopf, absurd. Doch Kreuth hat sein erstes Thema: das Vielleicht-Duell auf dem Parteitag.

Zweite Szene, Donnerstagmittag, Pressekonferenz in der Molkehalle des Wildbads.

Friedrich sagt ein paar Sätze über Sachpolitik, und dass am Vorabend die streitbare Ex-Protestanten-Chefin Margot Käßmann hier oben bei der CSU gespürt habe, dass sie unter Glaubensschwestern und -brüdern sei. Dass sie auch ihre Kritik am Afghanistan-Einsatz erneuert hat, sagt Friedrich nicht. Seehofer derweil, die Hände in den Hosentaschen, inspiziert die Rückwand mit dem CSU-Logo. Dann ist er dran: "Ich würde mich freuen, wenn wir uns nächstes Jahr wiedersehen könnten." Grinsen. Verunsicherte Reporter. Wie jetzt? Friedrich guckt komisch. Seehofer: "Ich meine, stellen Sie sicher, dass Sie nächstes Jahr dabei sind."

Erst die Witzeleien, dann plötzlich ein Schweigegelübde

Seehofer kann nicht lassen von der Ironie und den kleinen Lästereien, für die er früher in seiner Partei gefürchtet war. Sie haben den Filou zum Vorsitzenden gemacht. Und jetzt müssen sie mit ihm leben. Das lässt Hans-Peter Friedrich dann eben mal zucken.

Doch etwas hat sich verändert. Das ist zu spüren in Kreuth 2011. Man hat sich arrangiert. Die Partei mit dem früheren Outlaw; Seehofer mit den Erfordernissen seines Jobs. So legt er nach den Witzeleien sogar ein Schweigegelübde ab: Er habe "für den Rest des Jahres" nicht mehr vor, die Personaldebatte zu verlängern, die spätestens seit dem umjubelten Auftritt Guttenbergs auf dem CSU-Parteitag im letzten Oktober andauert. "Alle Fragen dazu sind beantwortet", dekretiert Seehofer. Er habe mit Guttenberg gefrühstückt, die Atmosphäre sei "völlig spannungsfrei, locker, mannschaftsorientiert". Daran werde sich auch in den kommenden Monaten nichts ändern. "Es wird keine Kampfkandidatur geben", sagt ein CSU-Grande.

Dahinter steckt: Auf der einen Seite akzeptiert Seehofer die Rolle Guttenbergs als bundespolitischer Nummer eins; auf der anderen Seite nimmt Guttenberg vorerst Seehofers formale Führungsrolle hin. Der Verteidigungsminister stellt sich in den Dienst der Mannschaft - und tritt generös seine 45 Prozent ab: Die seien "eine Teamleistung von vielen lustigen Charakteren".

Guttenberg hat kein Interesse daran, schon in diesem Jahr vorzeitig zum Parteichef gewählt zu werden, um dann im stetigen Konflikt mit einem Ministerpräsidenten in München zu leben. Deshalb hat er auch nirgends seinen Anspruch auf den Vorsitz angemeldet. Seehofer seinerseits will nicht als Verlierer in die CSU-Geschichtsbücher eingehen. Seine liebste Vorstellung: bei der Bayern-Wahl 2013 die absolute Mehrheit zurückerobern und dann die Staatskanzlei im Laufe der Legislatur übergeben - an wen auch immer. Vielleicht an Guttenberg, vielleicht an den bayerischen Umweltminister Markus Söder, den Finanzminister Georg Fahrenschon, die Sozialministerin Christine Haderthauer.

Ist Seehofer jetzt Westerwelle-Fan?

Auf den Parteivorsitz dagegen ist in jedem Fall schon jetzt Guttenberg abonniert - wann auch immer der fällig ist. Als Seehofer am Abend Kreuth verlässt, begegnet er dem 39-Jährigen am Haupteingang: "Der eine geht, der andere kommt", sagt Seehofer. Darauf Guttenberg: "Prophet." Beide lachen.

Und intern hat der CSU-Chef bereits klargemacht: "Es können ja später einige allein aufgrund ihres Alters ihrer Führungsverantwortung gar nicht ausweichen." Später. Bis dahin hängen sie in der CSU der Windschatten-Theorie fürs Jahr 2013 an: Guttenberg als wählermotivierendes Zugpferd und Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Seehofer als Ministerpräsident.

Bedeutet aber auch: Der gelernte Bundespolitiker Seehofer - er hat bisher nicht mal ein Landtagsmandat - lässt sich auf den Landesvater reduzieren. Gezählt sein sollen die Tage des Berliner Springteufels, der mal die Kanzlerin, mal den FDP-Chef attackiert. Dass Seehofer insbesondere Guido Westerwelle in den letzten Wochen auffällig geschont, gar als "ganz starke Figur des deutschen Liberalismus" gelobt hat, findet seine Ursache nicht nur in der Sorge um Westerwelles politisches Überleben und die Stabilität der gemeinsamen Koalition in Berlin. Seehofer hat auch eingesehen, dass ihm und der Partei all die Attacken im vergangenen Jahr nichts gebracht haben.

Es war Friedrich, der sich im Sommer sogar öffentlich übers "Störfeuer aus München" beklagte. Seitdem hat die Berliner CSU mehr Autonomie bekommen. Seehofer nennt Friedrich den "Gewinner des Jahres 2010". Die Abgeordneten revanchieren sich: Die Absprachen mit Seehofer seien verlässlicher geworden, die Kommunikation besser, sagen sie draußen im Schnee von Kreuth. Seehofer sei insgesamt ruhiger jetzt.

Klar ist: Friedrich ist der gewählte Chef in Berlin, aber Guttenberg der Anführer. Die beiden Franken harmonieren, Friedrich ist sogar Vertreter des Freiherrn im oberfränkischen CSU-Bezirksvorsitz. Ob aber Guttenberg die seit dem Abgang Edmund Stoibers verspielte bundespolitische Bedeutung der CSU wiederherstellen kann?

Während zu Stoibers Zeiten künftige europäische Polit-Aufsteiger wie der Franzose Nicolas Sarkozy (2005) oder der Brite David Cameron (2007) zu Gast in Kreuth waren, bringt es die CSU in diesem Jahr auf eine Ex-Bischöfin und eine Schweizer Ex-Bundespräsidentin. Sarkozy zumal bezeichnete sich damals noch als "Stoiber francais".

Könnte allein Guttenberg das alles wieder einrenken? Ohne Frage hat er sich selbst zur Marke gemacht - er wird dabei aber nicht als CSU-Politiker, sondern als Polit-Phänomen wahrgenommen. Die Partei spielt dabei (bisher) keine Rolle. Dass Guttenberg seine Coolness - in Kreuth lief er in Boots, schwarzem Rollkragenpullover und lässigem Mantel auf - so einfach auf die CSU übertragen kann, ist nicht gesagt.

Auch Seehofer galt vor Übernahme des Vorsitzes noch als Liebling des Volkes.

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