CSU-Landrätin Spitzel-Vorwurf gegen Stoibers Staatskanzlei

Die Fürther Landrätin Gabriele Pauli ist seine entschiedenste Gegnerin in der CSU: Seit Monaten fordert sie den Rückzug Stoibers im Jahr 2008. Jetzt erhebt sie schwere Vorwürfe: Die Staatskanzlei habe sie und andere Stoiber-Kritiker bespitzeln wollen. Paranoia in Weiß-Blau - oder steckt mehr dahinter?

Von , München


München - Die Atmosphäre sei "gespenstisch" gewesen, erinnert sich ein Teilnehmer. Gerade noch hat die Fürther Landrätin Gabriele Pauli im CSU-Vorstand etwas zur Gesundheitsreform gesagt. Sie hat Parteichef Edmund Stoiber gelobt und in seiner Kritik unterstützt.

Landrätin Gabriele Pauli: Paranoia in Weiß-Blau?
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Landrätin Gabriele Pauli: Paranoia in Weiß-Blau?

Doch dann wechselt sie plötzlich das Thema, sagt, sie habe da "noch einen zweiten Punkt": Gabriele Pauli wirft der Staatskanzlei Bespitzelung vor. Es sei doch "menschlich nicht in Ordnung", dass ein enger Mitarbeiter Stoibers bei einem ihrer politischen Freunde angerufen und sich nach privaten, negativen Details über sie erkundigt habe. Nach Alkoholproblemen und Männerbekanntschaften habe der Anrufer gefragt.

Die 45 CSU-Vorständler sind baff. Einen solch offenen Angriff auf Stoiber haben sie hier noch nicht erlebt. Der Attackierte jedoch versucht Pauli zu ignorieren, tuschelt mit Generalsekretär Markus Söder und bescheidet die Angreiferin vom anderen Ende des Tisches schließlich mit einem "So wichtig sind Sie nicht".

Staatskanzlei: "Nicht unser Stil"

Dafür gibt Stoibers einstiger Adlatus und heutiger Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) den Mann fürs Grobe. Unter heftigem Applaus staucht er die aufmüpfige Landrätin ("Selbststilisierung!") zusammen. Unterstützung für Gabriele Pauli gibt es nicht.

Nach der Sitzung berichtet Stoiber nur von einer "intensiven Diskussion", er habe in der letzten Vorstandsrunde vor Weihnachten "alle Wortmeldungen ermöglichen und dem Vorstand alles Gute wünschen" wollen. Staatskanzleichef Eberhard Sinner (CSU) wird da deutlicher und weist Paulis Spitzel-Vorwürfe zurück: "Das ist mit Sicherheit nicht unser Stil." Er halte es "für ausgeschlossen, dass hier ein Mitarbeiter so etwas macht". Gabriele Pauli müsse jetzt Namen nennen, damit er dem Vorwurf nachgehen könne. Pauli sagt, sie kenne zwar den Namen, wolle ihn aber nicht nennen.

Dafür legt sie aber nach: Neben ihr seien noch weitere Kritiker des Ministerpräsidenten unter Druck gesetzt worden, sie habe "verlässliche Informationen", sagt sie dem Radiosender "Antenne Bayern". Es handle sich um CSU-Landtagsabgeordnete, die bislang öffentlich nichts gesagt hätten, um erneute Kampagnen aus der Staatskanzlei zu vermeiden.

Weiß die "schöne Landrätin" nicht, wie die CSU tickt?

Gabriele Pauli sitzt schon seit 1989 im CSU-Vorstand, seit 1990 amtiert sie als Landrätin im mittelfränkischen Landkreis Fürth. Doch ihren Weg in die breite Öffentlichkeit fand die 49-Jährige erst, als Edmund Stoiber den seinen nach Berlin verfehlte. Nachdem der CSU-Chef im Herbst 2005 zwischen Ministeramt unter Merkel und Ministerpräsident in München schlingerte, kündigte ihm Pauli die Gefolgschaft auf. Immer vehementer fordert sie seitdem, Stoiber möge bei der Landtagswahl 2008 nicht noch einmal als CSU-Spitzenkandidat antreten.

Das hat der "schönen Landrätin", wie sie in der CSU genannt wird, keine Parteifreunde gemacht. So hat sie denn auch mal bekannt, aus der Partei gebe es "keine Reaktionen" auf ihre Forderungen - sehr viele dagegen aus der Bevölkerung. Die Christsozialen goutieren offene Gegnerschaft gegen den großen Vorsitzenden nicht. Natürlich finden viele Parteikader Kritik angebracht - aber bitteschön hintenrum. So was wird intern gelöst.

Gabriele Pauli ist promovierte Politikwissenschaftlerin, ihre Dissertation hat sie über die "Öffentlichkeitsarbeit politischer Parteien am Beispiel der CSU" geschrieben. Weiß sie nicht, wie ihre eigene Partei tickt? Im November startete sie auf ihrer Homepage ein Anti-Stoiber-Forum: Die Nutzer sollten über das Für und Wider eines Spitzenkandidaten Stoiber 2008 diskutieren. Wie zu erwarten, gab es Schmähungen gegen den CSU-Chef. Die Münchner Staatskanzlei wird sicher das ein oder andere Mal ins Forum geschaut haben.

Minister Beckstein: "Absolut indiskutabel"

Auch die Parteioberen im mächtigen CSU-Bezirk Nürnberg-Fürth-Schwabach brachte Pauli mit ihrer Internet-Aktion gegen sich auf. Bezirks-Vize und Staatssekretär Karl Freller schrieb ihr gar einen Brief: "Liebe Gabi, Deine hektische Aktivität hat mich sehr enttäuscht", er halte "die ganze Angelegenheit für ungemein verfehlt, falsch und auch gewollt tendenziös". Freller, das machte er deutlich, steht hinter dem Parteichef: "Edmund Stoiber wurde erst dieser Tage von Altbundeskanzler Schröder als augezeichneter Ministerpräsident bezeichnet!" Na dann.

Von Bezirkschef und Innenminister Günther Beckstein (CSU) fing sich Pauli ebenfalls eine Rüge ein. Der mächtige Franke bezeichnete ihr Vorgehen als "absolut indiskutabel" - und verkündete kurz darauf, er wolle weiterhin erster Mann im Bezirk bleiben. Sollte Gabriele Pauli sich durch ihre Stoiber-Kritik bessere Chancen für eine Beckstein-Nachfolge im Bezirk ausgerechnet haben, ist dies wohl schief gegangen.

In der CSU-Zentrale beschreiben sie die Frau, die auf ihrer Internetseite in Lederkluft auf einem roten 125-PS-Ducati-Motorrad posiert, jetzt als "grundhysterisch". Pauli zeichne sich durch einen "Mix von Geltungsbedürfnis und Verfolgungswahn" aus. Karrieretechnisch bringe ihr das alles nichts, möglicherweise sei sie "angefixt von der medialen Aufmerksamkeit". In all ihren Vorstandsjahren habe sie sich nur selten geäußert, aufgefallen allerdings sei sie immer: "Die kommt grundsätzlich eine Viertelstunde zu spät, hält sich lange beim Obst- und Brez'n-Teller auf - und zieht so die Blicke auf sich", heißt es.

Gabriele Pauli und die CSU-Führung - sie schenken sich nichts mehr. War das Verhältnis zu Stoiber durch ihre Internet-Aktion schon zerrüttet, so ist der gegenwärtige Schlagabtausch offener Kampf. Gabriele Pauli hat parteiintern allerdings nicht mehr viel zu verlieren. Nur die Sympathie ihrer Wähler im Landkreis Fürth darf sie nicht riskieren.



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