CSU-Machtkampf Pauli provoziert die Partei-Patriarchen

Kracher oder Rohrkrepierer? Möchtegern-CSU-Chefin Gabriele Pauli fordert, Ehen nach sieben Jahren automatisch aufzulösen und attackiert damit ein Partei-Ideal. Noch-Chef Stoiber legt ihr schon mal den Austritt nahe.

Von , München


München - Jetzt sitzt sie wieder hier, im Gewölbe des Münchner Löwenbräu-Kellers, ein paar hundert Meter von der CSU-Zentrale entfernt. Über ihr an der Wand des rustikal eingerichteten Raumes hängen noch immer Heugabel und Dreschflegel, vor ihr steht wieder ein Wald von Mikrofonen. Am 18. Januar war die Fürther Landrätin Gabriele Pauli (CSU) zuletzt in diesem Raum, kurz nachdem Edmund Stoiber den Rückzug von seinen Ämtern bekanntgegeben und sie eineinhalb Stunden in der Parteizentrale mit ihm geplauscht hatte.

Kandidatin Pauli: "Aktiv Ja sagen zu einer Ehe-Verlängerung"
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Kandidatin Pauli: "Aktiv Ja sagen zu einer Ehe-Verlängerung"

Unterm Dreschflegel damals, das war der Tag ihres Triumphs. Mit Kritik am System Stoiber hatte sie im vergangenen Winter den Stein ins Rollen gebracht. Sie habe nur ausgesprochen, was viele denken, sagte sie damals. Und sie meinte auch: "Es ist der Anfang von einem Beginn."

Nahezu exakt neun Monate später ist sie zurückgekehrt. Die landwirtschaftlichen Hilfsmittel mit der politischen Metaphorik sind diesmal von einem freistehenden CSU-Plakat teilweise verdeckt. Denn Gabriele Pauli - im strahlend weißen Hosenanzug - will ja Vorsitzende der bayerischen Christenunion werden, in zehn Tagen dürfen sich die 1200 Delegierten des Parteitags in München zwischen Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber, Agrarminister Horst Seehofer und eben Pauli entscheiden.

"Mein Vorschlag: Ehen laufen nach sieben Jahren aus"

Und während sich ihre Kontrahenten seit Wochen einen Machtkampf in bayerischen Bierzelten liefern und vage programmatische Aussagen tätigen - Seehofer will mehr Mitgliederbeteiligung und die Kinderarmut bekämpfen, Huber will "Bayern in Deutschland und darüber hinaus stark halten" - hat Gabriele Pauli nun "Akzente" angekündigt, die übers neue CSU-Grundsatzprogramm hinausgehen sollen.

Es ist dann aber weniger ein Akzent als ein Paukenschlag, mit dem Gabriele Pauli im Löwenbräu-Keller überrascht. "Mein Vorschlag: Ehen laufen nach sieben Jahren aus", sagt sie und verursacht ein Raunen im rund 50-köpfigen Journalistenkollektiv. Die Kollegen vom österreichischen Fernsehen freuen sich über die verrückte Nachricht aus Deutschland, der Reporter aus Finnland muss erst nochmal nachfragen, ob er denn das gerade alles richtig verstanden hat.

Gabriele Pauli ficht das nicht an, ihr Vorschlag habe doch nur Vorteile: Die Ehepartner könnten sich ohne großen Scheidungsaufwand trennen oder "aktiv Ja sagen zu einer Verlängerung". Dies gelte allerdings nur für die standesamtliche Ehe: "Wenn jemand die kirchliche Form für sich möchte, dann soll er die Freiheit haben."

Stoiber: "Diametral gegen die CSU"

Es sei doch so: 50 Prozent der Ehen würden geschieden, meist im verflixten siebten Jahr. Das CSU-Programm aber gehe "von super-intakten Ehen aus". Der Staat müsse in diesem Bereich nichts vorgeben, "jede Art zu leben, ist richtig". Und lebenslange Bindung sei auch mit einer "Ehe auf Zeit" möglich. Über den Zeitraum von sieben Jahren lasse sie aber mit sich reden, meinte Pauli.

Viele Ehepartner blieben nur aus Angst vor Trennung oder finanzieller Abhängigkeit zusammen, aber "eine Ehe ist nicht dazu da, Sicherheit zu bieten, sondern sie soll Liebe dokumentieren". Paulis Fazit: "Die Familie ist für mich eine andere Art von Konstruktion als für die CSU." Überall, wo es Kinder gebe, sei Familie.

Paulis Paukenschlag bleibt auch im 250 Kilometer entfernten Kloster Banz nicht ungehört. Dort tagt gerade die CSU-Fraktion und Edmund Stoiber hält seine Pressekonferenz. Als die Journalisten fragen, wie er denn das so findet mit der Ehe und den sieben Jahren und überhaupt mit der Frau Pauli, da schaut Stoiber gar nicht überrascht wie sonst über seine Brille, sondern sagt nur ganz ruhig: Die Ehe sei ein Kernanliegen der CSU, daran werde nicht gerüttelt. Wer "so etwas fordert, der stellt sich diametral gegen die CSU und sollte sich lieber um Aufnahme in eine andere Partei bemühen".

Bayerns designierter Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) hingegen will Pauli "in keinster Weise" aus der Partei drängen, wird er von der Hörfunkagentur BLR zitiert. Die Ehe-Idee bezeichnet er jedoch als indiskutabel, Pauli habe damit "völlig daneben gelangt". Horst Seehofer, wie Pauli Bewerber um den CSU-Vorsitz, nannte ihren Vorstoß absurd: "Wir sind ja nicht im Zirkus. ich würde empfehlen, mit solchen Vorstellungen auf ihre Kandidatur zu verzichten".

"Der Mensch trägt alle göttliche Kraft in sich"

Stoiber mag der Kritikerin den Austritt so gelassen nahe legen, weil er eh bald in Rente geht und Huber, Seehofer und Co. sich dann mit der Partei-Rebellin beschäftigen dürfen. Doch seine Reaktion zeigt auch: Mit ihrer Ehe-Forderung sabotiert Gabriele Pauli sich selbst. Man nimmt sie nicht ernst.

So verdeckt die Idee vom verflixten siebten Ehejahr jene Passagen von Paulis Elf-Seiten-Programm, die einem breiten CSU-Publikum durchaus vermittelbar sind: Darin geht es um die "abgrenzende, schablonenhafte, inhaltslose Sprache vieler Politiker", die die Bürger von der Mitarbeit ausgrenzt.

Pauli sagt, sie werde an mancher Stelle in ihrem Papier "vielleicht, ja, ein bisschen religiös". Aber dafür ist sie eben in der CSU. So heißt es an einer Stelle: "Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes und trägt alle göttliche Kraft in sich. Jeder."

Pauli betont, dass sie in weiten Teilen mit der CSU-Programmatik übereinstimme und deshalb auch nicht aus der Partei austreten wolle. Sie habe heute nur jene Punkte deutlich machen wollen, an denen sie sich unterscheide. Etwa die Frage eines EU-Beitritts der Türkei, den sie "nicht kategorisch für alle Zeiten" ablehnen will. Oder den Beamtenstatus, den sie insbesondere bei Lehrern überdenken möchte. Den in München geplanten Transrapid bezeichnet sie als "Prestigeprojekt, das für weite Teile Bayerns wenig bewirkt".

Doch der Schwerpunkt ihrer Aussagen im Löwenbräu-Keller liegt auf der Familienpolitik. Pauli, selbst geschieden und früher alleinerziehende Mutter, lehnt das von der CSU in der Berliner Koalition geforderte Betreuungsgeld ab und spricht sich für ein Familien- statt Ehegattensplitting aus.

All diese Forderungen sind mehrheitsfähig, teilweise auch in der CSU. Doch Gabriele Pauli überdeckt alles mit der Idee von der befristeten Ehe. Warum tut sie das? Wenn man sich nur nach Erwartungen richte, sagt sie einmal, dann "wird man als Politiker zur Schablone", man wirke unecht. Vielleicht zeige das Beispiel mit der Ehe den Weg zum Echten.

So gesehen hätte Gabriele Pauli an diesem Mittwoch in München auch die Abschaffung der Weißwurst, die Sprengung des Münchner Frauendoms oder die Umwidmung des Oktoberfests in eine Feier der katholischen Anti-Alkohol-Bewegung fordern können. Das alles wäre auch wenig schablonenhaft gewesen.



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