CSU-Wahldebakel Und nun, Herr Söder?

Die absolute Mehrheit ist futsch, das Ergebnis das zweitschlechteste der Parteigeschichte: Die CSU stürzt tief, will sich aber in eine Koalition mit den Freien Wählern retten. Und dann? Wird wieder alles gut?

Markus Söder
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Markus Söder

Aus München berichten und


Es ist eine Pleite mit historischen Ausmaßen. Rund zehn Prozentpunkte weniger als beim letzten Mal. Das schlechteste Ergebnis seit Neunzehnhundertvierundfünfzig. Die erst vor fünf Jahren zurückeroberte absolute Mehrheit schon wieder verloren.

Dieser Wahlabend trifft die CSU ins Mark.

Zugleich aber hat sich die Partei in den vergangenen Wochen durch den schrittweisen Rückgang ihrer Umfragewerte bereits vorbereiten können auf diesen Abend. Sie war, auch wenn Spitzenkandidat Markus Söder und Parteichef Horst Seehofer stets das Gegenteil im Wahlkampf betont haben, virtuell von der selbsternannten bayerischen Staatspartei bereits zu einer normalen Partei geschrumpft.

Als dann im Verlaufe des Wahlabends die Hochrechnungen sich gar in Richtung 38 Prozent bewegen, erscheint das manchem gar wie eine Erleichterung. Das ist natürlich ein trügerisches Gefühl.

Fakt ist: Die CSU braucht jetzt einen Koalitionspartner. Und zwar schnell, denn in Bayern muss der Landtag spätestens drei Wochen nach der Wahl zusammentreten. Und für die Wahl des Ministerpräsidenten ist dann nur noch eine Woche vorgesehen.

Landtagswahl Bayern 2018

Vorläufiges Endergebnis

Gesamtstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CSU
37,2
-10,5
SPD
9,7
-10,9
Freie Wähler
11,6
+2,6
Grüne
17,5
+8,9
FDP
5,1
+1,8
Die Linke
3,2
+1,1
AfD
10,2
+10,2
Sonstige
5,4
-3,3
Sitzverteilung
Insgesamt: 205
Mehrheit: 103 Sitze
22
38
27
11
85
22
Quelle: Landeswahlleiter

Gegen die CSU ist keine Koalition im Landtag ohne die AfD möglich - das hatten manche Umfragen zuletzt anders prognostiziert, und in der CSU werten sie jetzt schon diese Unmöglichkeit, die früher so selbstverständlich war, als Erfolg. Auch dass es nun wohl mit den Freien Wählern für ein Bündnis reicht, das die Christsozialen den ganzen Abend über "stabil" und "bürgerlich" nennen, wird positiv gewertet. In den Umfragen hatte es ja zeitweise so ausgesehen, als würde es nur mit den Grünen für ein Zweierbündnis reichen.

Mit den Grünen, dem großen Gewinner des Abends, in eine Koalition gehen zu müssen - das wäre für viele in der CSU wohl die Höchststrafe gewesen. Stattdessen spricht Ministerpräsident Söder nun davon, dass er eine "klare Präferenz für eine bürgerliche Regierung" habe - um dann noch ein paar gehässige Sätze über die Grünen loszuwerden. Später antwortet der CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer auf die Frage, ob nicht auch die Grünen eine bürgerliche Partei seien: "Nein."

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Wahlpartys der Parteien: Stagediving bei den Grünen, Stille bei der CSU

Söder ist keiner, der sich gut verstellen kann. Dem 51-Jährigen sieht man die Enttäuschung an. Nachdem Söder kurz vor den CSU-Anhängern im Fraktionssaal gesprochen hat, rutschen seine Mundwinkel immer wieder nach unten, er muss sich richtiggehend zwingen, ein bisschen zu lächeln, den Daumen nach oben zu recken. Für einen wie Söder ist auch eine mittlere Katastrophe erst mal eine Katastrophe.

"Natürlich ist das kein schöner Tag für die CSU", sagt er. Die Partei nehme das Ergebnis ernst: "mit Demut". Es ist eine neue Rolle für Söder, den christsozialen Springinsfeld. Er wird sie lernen müssen, wie die ganze Partei.

Söder sagt aber auch: "Wir haben einen klaren Regierungsauftrag erhalten." Und so sind die Schlüsselworte, die man vom Ministerpräsidenten, dem Parteichef und vielen CSU-Vorderen nun vor allem hört: Stabilität und Verantwortung. Es hänge an den Christsozialen, so die Argumentation, dass man nun rasch zu einer funktionierenden Regierung komme.

Aber dann ist da noch die Frage, was die CSU aus dieser Wahl lernt, die sie auf Normalmaß zurechtgestutzt hat - und welche Konsequenzen sie daraus zieht, vor allem personeller Art.

Die Antwort: An diesem Abend noch keine. Doch schon am Montag in der Vorstandssitzung wird sich insbesondere Seehofer der Kritik stellen müssen. Viele in der CSU sehen ihn wegen seines Agierens als Bundesinnenminister als Hauptschuldigen für das Ergebnis.

"Es wird eine Modernisierung an Haupt und Gliedern notwendig sein", gibt Ex-CSU-Chef Erwin Huber zu Protokoll. Haupt - das geht gegen seinen Nachfolger Seehofer, der Huber nach der Wahlpleite im Jahr 2008 (43,4 Prozent) abgelöst hatte.

Doch der große Aufstand gegen den Parteivorsitzenden bleibt zunächst aus. Der Vorsitzende der bayerischen Jungen Union, Hans Reichhart, sagt: "Heute bleiben wir brav." Ministerpräsident Söder hat an diesem Abend ebenfalls kein Interesse an der Seehofer-Debatte.

Video: CSU verliert klar ihre absolute Mehrheit

Der Parteichef selbst tritt eine Stunde nach Schließung der Wahllokale auf die kleine Bühne im CSU-Fraktionssaal: "Das ist kein schöner Tag", sagt er. Aber nun müsse sich seine Partei "in den nächsten Tagen voll auf die Frage der Regierungsbildung konzentrieren".

Die Vorbehalte aus der CSU gegenüber seiner Person kennt Seehofer, aber er wirkt gelassen an diesem Abend. "Da können wir gerne drüber diskutieren", sagt er auf die Frage nach personellen Konsequenzen - aber nicht an diesem Abend. "Meine Aufgabe als Parteivorsitzender ist, dass wir unsere politische Familie zusammenhalten." Die Fehleranalyse, sagt Seehofer, werde man "wie immer in aller Sorgfalt vornehmen und anschließend die nötigen Konsequenzen ziehen".

insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
bauerbernd 15.10.2018
1. Rückstritt von Söder und Seehofer
Alles andere als ein Rücktritt des Spitzenkandidaten Söder vom Amt des Ministerpräsidenten und des Parteivorsitzenden Seehofer würde der bayrische Wähler nicht verstehen.
Mara Cash 15.10.2018
2. Bürgerliche Koalition in Bayern - na und?
Die CSU geht jetzt in eine bürgerliche Koalition. Das Wahlergebnis ist die Folge davon, dass Seehofer Frau Merkel im September 2015 nicht von ihrem Handeln abgebracht hatte. Hätte er es getan, gäbe es jetzt keine AfD in Bundestag und Landesparlamenten, es gäbe keine Neuauflage einer GroKo, die SPD wäre in der Opposition und nicht in der Krise und und und.
spon_1193454 15.10.2018
3. Die CSU als bürgerlich?
Die CSU ist nicht bürgerlich! Sie ist, und das ist nicht negativ gemeint, bäuerlich, ländlich. In den Städten existiert sie faktisch nicht mehr. Dort haben die Grünen das Feld erobert. Die CSU wäre gut beraten nicht mit ihrem Abziehbild, den freien Wählern zu koalieren sondern sich den Grünen zu öffnen. Denn beide Parteien sind in ihrem Kern wertkonservativ. Wenn beide von einander lernen kann das nur nutzen. Allerdings müsste sich die CSU dafür von ihren Egoshootern befreien. Viel Glück Bayern. Und viele Grüße aus Hessen....
Karsten Kriwat 15.10.2018
4. Bayrische Verhältnisse...
Unter den gegebenen Umständen ist das Wahlergebnis trotz Verlusten für die CSU mit über 37% nicht einmal so schlecht. Keiner kann in Bayern gegen die CSU regieren, d. h. sie bleibt als "bayerische Staatspartei" an der Macht - wahrscheinlich in einer Koalition mit den "Freien Wählern", die auch konservativ eingestellt sind. Das viel schlechtere Ergebnis hat mit 9% die SPD eingefahren, die zu einer Splitterpartei noch hinter der AfD verkommen ist. Gruß aus NRW!
Atheist_Crusader 15.10.2018
5.
Nichts wird gut, solange man schlicht versucht, so etwas wie eine akzeptablere Alternative zur AfD zu sein. Radikal dahrschwafeln und Merkel kritisieren. Man kann ja sehen was das der CSU gebracht hat: deren Stimmenverlust ist fast deckungsgleich mit dem Gewinn der AfD. Vielleicht wird's auch in Bayern mal Zeit zu erkennen, dass das Ankommen im 21. Jahrhundert nicht optional ist.
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