Merkel und Seehofer in München Königspaar ohne Glanz und Krone

Im Endspurt der Koalitionsgespräche ist die Euphorie von Horst Seehofer und Angela Merkel spürbar abgekühlt. Auf dem CSU-Parteitag in München dämpfen die beiden Parteichefs die Erwartungen an ein schwarz-rotes Bündnis - es seien noch "große Brocken aus dem Weg zu räumen".
CDU-Chefin Merkel, CSU-Chef Seehofer: Schwesterparteien

CDU-Chefin Merkel, CSU-Chef Seehofer: Schwesterparteien

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Natürlich gibt es wieder die "Angie"-Plakate, als die CDU-Chefin und Kanzlerin kommt. Angela Merkel steigt auf die Bühne des CSU-Parteitags in München, winkt den Delegierten zu und betet ein weiteres Mal die Erfolge der beiden Schwesterparteien herunter: "Die Wahlkampfmaschine von CDU und CSU hat gut geschnurrt", sagt sie und preist 2013 als eines "der erfolgreichsten Jahre für die Union".

Und trotzdem hat sich etwas verändert seit den rauschenden Wahltriumphen von CDU und CSU in Bayern und im Bund. Das ist in München deutlich zu spüren, egal, ob Merkel spricht oder CSU-Chef Horst Seehofer. Die wochenlangen und oft stockenden Koalitionsverhandlungen von Union und SPD, die jetzt in die Zielgerade kommen sollen, haben Spuren hinterlassen. Zwar betonen Merkel und Seehofer weiter die Stärke ihrer beiden Parteien, aber die Union ist deutlich leiser geworden.

"Natürlich müssen wir Kompromisse schließen", sagt etwa Merkel über die Verhandlungen mit der SPD. Beim Streitthema Mindestlohn werde "nicht das herauskommen", was im Wahlprogramm der Union gestanden habe. Sie wolle "den Verlust von Arbeitsplätzen nicht zu groß werden lassen", sagt sie sogar. Merkel geht damit auf die internen Berechnungen aus dem Finanzministerium ein, wonach bis zu 1,8 Millionen Arbeitsplätze gefährdet wären, sollten Mindestlohn und die rentenpolitischen Vorhaben von Union und SPD umgesetzt werden. Es klingt nicht gerade offensiv, was die CDU-Chefin sagt. Es hört sich eher nach Schadensbegrenzung an und nach der Bitte, sie am Ende nicht zur Verantwortung zu ziehen, sollte der Mindestlohn unerwünschte Effekte haben.

"Extrem schwierige Nächte"

Und Seehofer, der seit Wochen nur so vor Kraft strotzt? Stimmt die Delegierten auf "extrem schwierige Nächte" ein, als er über die noch bevorstehenden Verhandlungsrunden mit der SPD spricht. Es seien noch "große Brocken aus dem Weg zu räumen". Auffällig oft verwendet er an diesem Freitagabend das Wort "zuversichtlich", wenn es um Herzensanliegen seiner CSU geht. So geht es etwa bei der Pkw-Maut: "Zuversichtlich", sagt Seehofer. Mütterrente? "Sehr zuversichtlich". Er sei sich aber sicher, dass es nicht zu Steuererhöhungen, höheren Schulden oder Eurobonds komme.

Das Dilemma von Merkel und Seehofer ist offensichtlich. Sie sind unbestrittene Wahlsieger, die Erwartungen der Basis sind beträchtlich, dass jetzt umgesetzt wird, was im Programm von CDU und CSU niedergeschrieben ist - aber Merkel und Seehofer halten noch nichts in den Händen. Etliche Knackpunkte sind offen. So ist unklar, wie ein Mindestlohn aussehen könnte. Offen ist auch die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft.

Auf bis zu 50 Milliarden Euro werden derzeit die Wünsche von Union und SPD taxiert. Die Liste wird bald eingedampft. Am Sonntag wollen sich die beiden Unionschefs in Berlin vertraulich zusammensetzen, um das Finale der Koalitionsgespräche einzuleiten. Am Montag soll dann SPD-Chef Sigmar Gabriel dazustoßen. Wenn alles glattgeht, wird Mitte, spätestens Ende der Woche die Große Koalition besiegelt.

"So schnell wird man verlassen"

In München bleibt Seehofer und Merkel am Freitagabend deshalb nicht viel mehr als ein demonstrativer Schulterschluss - und das Signal, dass am Ende schon etwas Gutes herauskommen wird, wenn CDU und CSU an einem Strang ziehen. In den Verhandlungen mit der SPD werde "nicht über Bande gespielt", betont Seehofer. "Wir stimmen sehr stark überein."

Sogar in der Frage der Pkw-Maut sind sich Merkel und Seehofer jetzt näher gekommen, obwohl Merkel vor ein paar Monaten noch nichts davon wissen wollte. Man arbeite auf Wunsch der CSU an einer Lösung, die ausländische Autofahrer mitbelaste und zugleich mit dem Europarecht in Einklang stehe, sagt sie in München. Sie werde aber nur eine Lösung akzeptieren, die sicherstelle, dass kein deutscher Autofahrer mehr als bisher belastet werde. Steuern dürften auch nicht durch die Hintertür erhöht werden.

Nach der obligatorischen Blumenstraußübergabe tritt Merkel eilig von der Bühne ab. Zurück bleibt Seehofer, der noch ein Winken und einen Kommentar zum Abschied hinterherschickt: "So schnell wird man verlassen", sagt Seehofer seufzend. "Na, Hauptsache, die Maut bleibt."

Die Kanzlerin, die sonst nach ihren Gastauftritten oft schnell wieder verschwindet, wollte an diesem Abend aber länger bleiben, extra für den Delegiertenumtrunk. Die CSU hat noch mehr vor: "Die lange Nacht der CSU" steht auf dem Programm, Beginn um 23.30 Uhr. Dass Seehofer lange durchhält, ist unwahrscheinlich: Am Samstagvormittag will er sich als Parteichef wiederwählen lassen.