CSU-Parteitag Pauli stört Becksteins Krönungsmesse

Standing Ovations, 96-Prozent-Ergebnis, am Ziel nach langem Warten: Die CSU hat Günther Beckstein zu ihrem Ministerpräsidentenkandidaten 2008 nominiert. Dann aber ging Parteirebellin Pauli ans Mikrofon.

Von , München


München – Alles lief so harmonisch. "Wir müssen wieder zur legendären Geschlossenheit zurück", ruft Günther Beckstein in die Halle. Es sind die letzten Worte seiner Nominierungsrede, die CSU soll ihn als Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2008 aufstellen. Er erntet stehenden Applaus, "Günther, Günther" rufen einige, das Klatschen wird rhythmisch und vorne in der ersten Reihe klopfen die Granden dem Günther auf die Schultern: Glück, Ramsauer, Huber, Söder – und schließlich Stoiber. Letzterer drückt sogar den Kopf des deutlich kleineren Beckstein an seine Wangen.

Welch' gelungene Stabübergabe. Dann steht Gabriele Pauli auf. Die CSU-Rebellin aus Fürth hebt die orange Karte, sie will das Rederecht. Und das bekommt sie auch, auf der Tagesordnung steht ja "Aussprache".

"Lieber Günther, Du und ich, wir haben eine gemeinsame Geschichte", sagt Gabriele Pauli mit leicht zitternder Stimme. Sie steht sehr aufrecht dort am Stand-Mikro, mit durchgedrücktem Rücken, zehn Meter rechts hinter dem sitzenden Beckstein. Ungläubig dreht er sich um. Im Saal herrscht absolute Stille. "Uns verbindet etwas", fährt Pauli fort, "wenn ich das anspreche hier, wissen Sie alle, worauf ich anspiele."

Sie spielt auf Stoibers Sturz an, auf den Winter, auf ihr Rebellentum: Dass Edmund Stoiber seine Ämter niedergelegt habe, das habe auch mit ihr zu tun, weil sie einer Stimmung Ausdruck gegeben habe. Aber sie sei nicht die Königsmörderin gewesen: "Es waren viele daran beteiligt, die Fraktion." Jetzt ruft einer "Pfui!". Ansonsten bleibt es still.

Pauli verteidigt ihre Ehre. Sie habe sich viel anhören müssen, man habe ihr den Parteiaustritt nahe gelegt. "Ich weiß, warum Ihr das macht: Man tut sich eben leicht, wenn man nur einer Person das alles anhängen kann." Das alles – sie meint Stoibers Sturz. Sie habe sachliche Forderungen gestellt, sei aber vom zukünftigen Ministerpräsidenten "als Person bezeichnet worden, die zum Psychiater muss". Einige klatschen jetzt. Sie wollen Beckstein stützen, es drückt die Sache mit der legendären Geschlossenheit. Aber sie wissen nicht, wie das hier jetzt alles ausgeht. Pauli: "Lieber Günther, ich will nur eine Erklärung von Dir."

Beckstein schaut Huber an. Huber schüttelt den Kopf. Auf keinen Fall antworten. Stoibers Stirnfalten werden bedrohlich tief. Und weil niemand auf Pauli antworten will, schließt Tagungsleiter und CSU-Vize Ingo Friedrich die Aussprache. Pauli: "Was soll das?" Sie hat jetzt einen sehr harten Blick, die Hände hat sie in die Hüften gestemmt: "Ich will, dass Günther was sagt." Beckstein schüttelt den Kopf.

Als Gabriele Pauli ihre Stimme in der geheimen Wahl des Spitzenkandidaten abgeben will, geht Beckstein auf sie zu, reicht ihr die Hand, will mit ihr reden. Doch Pauli ignoriert ihn, zeigt auf die Bühne, da habe er reden sollen. Beckstein ist ein geduldiger Mensch. Er setzt sich neben sie, sagt, er habe das mit dem Psychiater so nicht gesagt. Pauli gibt erste Fernseh-Interviews, deutet an, die CSU sei undemokratisch. Beckstein geht dann.

Es ist sein Tag. Nur wenige Minuten später wird das Ergebnis bekanntgegeben: 96,6 Prozent hat er bekommen, es ist ein sehr gutes Resultat. Doch er muss etwas in der Sache Pauli unternehmen. In seiner Dankesrede versucht er es so: "Ich will auch mit kritischen Geistern in und außerhalb der Partei einen fairen Umgang pflegen." Er werde Pauli deshalb "ein persönliches Gespräch anbieten".

Er nimmt damit in Kauf, dass die Pauli-Show auch nach dem Parteitag noch weitergehen wird. Aber es ist ein versöhnendes Angebot, das für den Menschen Beckstein typisch ist. Bundesweit ist er vornehmlich Sicherheitspolitiker, der Hardliner. Doch in Bayern, wo Beckstein in Umfragen der beliebteste Politiker ist, gilt er als leutselig und bodenständig. Seine Nummer steht im Telefonbuch, Beckstein wohnt in einem einfachen Nürnberger Viertel. Seine Anzüge kauft er im Fabrikverkauf.

Der 63-Jährige war bereits im Jahr 2002 im Rennen um den Posten des Ministerpräsidenten, zeitgleich auch Kandidat für den Posten des Bundesinnenministers im Schattenkabinett von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Letzterer scheiterte, Beckstein wurde nicht Minister in Berlin, nicht Ministerpräsident in München. Er blieb, was er seit 1993 war: Staatsminister des Innern im Freistaat.

Drei Jahre später wieder das gleiche Spiel. Nach der Bundestagswahl 2005 wollte Stoiber als Superminister für Wirtschaft in die Große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel eintreten. Beckstein kämpfte in München gegen Erwin Huber um die Stoiber-Nachfolge in der Staatskanzlei. Es war ein Kampf mit harten Bandagen, die Landtagsfraktion schien gespalten, Beckstein lag knapp vorn. Er kündigte zudem an, unter einem Regierungschef Huber nicht mehr Minister sein zu wollen und sein gerade errungenes Bundestagsmandat in Berlin wahrzunehmen.

Dann rief Stoiber an und sagte, Du, Günther, ich komm' doch zurück, hier in Berlin, das geht nicht. Für Beckstein zerplatzte ein zweites Mal binnen drei Jahren der Traum vom Chefposten in Bayern. Becksteins besonderes Dilemma 2005: Weil ja Stoiber sich sein Superministerium gezimmert hatte, war damit das Bundesinnenministerium für Beckstein unerreichbar. Jetzt hatte er nur noch die Wahl: Entweder als einfacher Abgeordneter nach Berlin, oder weiter Innenminister in München. Beckstein blieb.

Mit Huber hatte er in dem Zweikampf um den Job des Ministerpräsidenten die politische Freundschaft riskiert: Bei ihrem Rom- und Papst-Besuch direkt nach Stoibers Berlin-Flucht im November 2005 stand Beckstein abends mit einem Glas Prosecco in der Halle des Hotels Sheraton im Süden der Stadt. Doch nach Feiern war im wirklich nicht zumute. Sicherlich sei der Kampf mit Huber "nicht völlig problemlos gewesen", sinnierte er. "Dass es Entfremdung bringt, wenn man gegeneinander kandidiert, ist klar." Doch man werde wieder "zu einem echten kameradschaftlichen Miteinander finden", das es all die Jahre zwischen ihnen gegeben habe.

Damit rechnete Stoiber nicht. Er dachte bis zuletzt, die Thronfolger Beckstein und Huber könnten sich nicht auf seine Nachfolge einigen. Doch in der letzten Nacht der Kreuther Klausurtagung 2007 setzten sie sich zusammen: Im Falle von Stoibers Rückzug solle Huber den Parteichef, Beckstein den Ministerpräsidenten machen.

Der Nürnberger Günther Beckstein wird nicht der erste aus Franken stammende Ministerpräsident Bayerns sein. Hans Ehard und Hanns Seidel stammten ebenfalls aus dem Norden des Freistaats. Beckstein aber wird der erste evangelische Ministerpräsident in Bayern sein. Mit ihm wird ein anderer Stil in der Staatskanzlei Einzug halten: Galt Stoiber als Aktenfresser, als Manager des modernen Bayern, wird von Günther Beckstein eher die Rolle des Landesvaters erwartet. Auf 14 Jahre Regentschaft wird er im Gegensatz zu Stoiber auch nicht kommen, Beckstein selbst hat sich bereits als Ministerpräsident des Übergangs bezeichnet.

Von Beckstein wird die Gestaltung des Übergangs erwartet. Er soll die Regierungsmannschaft verjüngen und einen Nachfolger aufbauen. Da ist zum Beispiel der gegenwärtige CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann, 50 Jahre alt. Oder in der gleichen Altersklasse: Kultusminister Siegfried Schneider, neu gewählter Vorsitzender des mächtigen CSU-Bezirks Oberbayern. Unter den Jüngeren fallen Noch-Generalsekretär Markus Söder sowie Manfred Weber, Noch-Chef der Jungen Union und innenpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament auf.



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