Moscheebesuch von CSU-Politiker Gauweiler trat mit radikalem Prediger auf

Der CSU-Politiker Gauweiler pflegt seit Jahren einen interreligiösen Austausch. Bei einem Moscheebesuch in München stand er jetzt nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen offenbar, ohne es zu ahnen, Seite an Seite mit einem radikalen Prediger.

CSU-Politiker Gauweiler (Archivbild): Antwort aus seiner Anwaltskanzlei
DPA

CSU-Politiker Gauweiler (Archivbild): Antwort aus seiner Anwaltskanzlei

Von , und


München - Die Stimmung ist herzlich, als Peter Gauweiler die Münchner Freimann-Moschee besucht. Man dürfe "Nicht-Muslime lieb haben", sagt Imam Ahmed al-Khalifa und legt den rechten Arm um die Schulter des CSU-Politikers. Gauweiler, der in weißem Hemd, dunkler Hose und Janker gekommen ist, lacht.

Bei dem Moscheebesuch am 16. Januar macht sich der Bundestagsabgeordnete und CSU-Vize nach den Terroranschlägen in Paris für ein Miteinander der Religionen und Kulturen stark. Ein Video auf YoutTube zeigt die Szene. Gott habe die Menschen "unterschiedlich gemacht", sagt der Protestant. "Wir müssen lernen, dass der Unterschied ein Wert ist." Man wolle keinen "multikulturellen Einheitsmenschen".

Al-Khalifa übersetzt die Worte Gauweilers, der später über religiös motivierte Gewalt spricht. In der Vergangenheit habe die Gewalt "wie ein Fieber" einzelne Gläubige krank gemacht. "Und wir wissen, dass wir immer einen Weg finden müssen aus dieser Gewalt", sagt Gauweiler. Dies sei nur "in gegenseitiger Fürsorge und Unterstützung" möglich. Auch der Mann neben al-Khalifa lauscht bedächtig den Worten Gauweilers. Hat Gauweiler ansatzweise eine Ahnung, wer der Mann im weißen Gewand ist?

Gauweiler, Al-Khalifa und Ben Hassan (Screenshot): Gemeinsamer Termin in München

Gauweiler, Al-Khalifa und Ben Hassan (Screenshot): Gemeinsamer Termin in München

Béchir Ben Hassan, der in München als Gast-Imam auftritt, stammt aus Tunesien und war einst Imam in der französischen Gemeinde Villiers-sur-Marne. Er gilt als Salafist, der sich für die Anwendung der Scharia in seiner tunesischen Heimat ausspricht. Übereinstimmenden Berichten zufolge war er im Juni 2013 in Marokko von Interpol festgenommen und den französischen Behörden übergeben worden. Ihm wurde vorgeworfen, seiner Frau, die offenbar in Frankreich lebt, auf illegale Weise die Kinder entzogen zu haben. Ben Hassen kam später wieder auf freien Fuß - und soll seitdem weiter seine extreme Ideologie predigen.

Scharfe Worte

Im Internet kann man sich davon einen Eindruck verschaffen. In einem Predigtmitschnitt, der am 10. Januar online gestellt wurde, ruft Ben Hassan zur Gewalt gegen Menschen auf, die den Propheten Mohammed beleidigen: Die Strafe für all diejenigen, die den Propheten verunglimpften, sei es, "getötet zu werden", sagt Ben Hassan. Er spricht dabei mit schneidiger Stimme, seine rechte Hand sticht in die Luft. Wer Mohammed beleidige, gehöre hingerichtet, ruft der radikale Prediger. Der Koran würde dies rechtfertigen. Wann Ben Hassan dies gesagt hat - ob vor oder nach den Anschlägen von Paris -, ist unklar.

Bei seinem Auftritt zusammen mit Gauweiler ist von Ben Hassans radikaler Ideologie nichts zu spüren: In dem Videomitschnitt bedankt er sich für die Einladung nach Deutschland und lädt Gauweiler nach Tunesien ein. In der Freimann-Moschee hält er an jenem 16. Januar die Freitagspredigt.

Auf seiner Facebook-Seite verurteilt Ben Hassan die Anschläge von Paris als "schreckliche und grausame Verbrechen". Mal tritt er als sanfter Muslim auf, mal zeigt er seine Schärfe. Einen Namen hat er sich offenbar längst gemacht: Er hat 180.000 Facebook-Fans.

Moschee mit zweifelhaftem Ruf

Gauweiler kennt Ben Hassan nicht. So erklärt es am Freitag ein Anwaltskollege aus der Kanzlei Bub, Gauweiler & Partner auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Gauweiler seien auch "dessen religiöse Ansichten" nicht bekannt, teilt Michael Philippi mit. Gauweiler habe die Predigt des Mannes per Kopfhörer verfolgt. Der simultan übersetzte Vortrag habe "eine deutliche Verurteilung von Gewalt" enthalten.

Hätte Gauweiler ahnen können, dass er in der Freimann-Moschee Gefahr läuft, auf radikale Muslime zu treffen? Die Moschee genoss in der Vergangenheit einen mehr als zweifelhaften Ruf. 2009 durchsuchten Sicherheitsbeamte die Moschee und die Wohnung von al-Khalifa. Er stand unter anderem im Verdacht, Kontakt zu Islamisten zu unterhalten. Das Verfahren gegen al-Khalifa wurde später eingestellt. Der bayerische Verfassungsschutz hatte den Mann über Jahre wegen mutmaßlicher Kontakte zu Islamisten im Visier. Der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein sagte einst über al-Kahlifa: "Nach außen tritt er als gemäßigter Muslim auf, der das Gespräch mit allen gesellschaftlichen Kreisen sucht. Intern erweist er sich jedoch als harter unnachgiebiger Islamist."

Der Autor Stefan Meining setzte sich in seinem Buch "Eine Moschee in Deutschland" mit der Freimann-Moschee auseinander: Demnach war sie ein wichtiger Ort für Anhänger der Muslimbrüder. Auch Mahmud Abouhalima, einer der Drahtzieher des Bombenanschlags auf das World Trade Center im Jahr 1993, soll die Moschee besucht haben. Meining kommt aber auch zu dem Ergebnis, dass die Moschee ihre wichtige Rolle in islamistischen Kreisen verloren hat.

Gauweiler ließ am Freitag "vorsorglich zur Vermeidung ansonsten notwendiger rechtlicher Schritte" auffordern, von Behauptungen abzusehen, in denen er zu Unrecht in die Nähe von Salafisten gerückt wird. Dem Schreiben ist zudem zu entnehmen, dass Gauweiler radikal-islamische Ansichten weder billigt noch teilt.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.